24. Januar 2009

Magersucht Futter für die Zensoren

Blog-Verbote nach chinesischem Vorbild

In Bayern, das kann man jedem Werbespot entnehmen, mag man dralle Madln in feschen Dirndln. Was man dort nicht so sehr mag, ist das Internet, weil das so voll von Schmutz und Schund und überdies sehr gefährlich ist. Und damit das nicht überhand nimmt, mit dem  Internet, dem neumodischen, surfen seit vielen Jahren bayerische Polizisten virtuell um die ganze Welt. Nicht in der Freizeit und zur Entspannung, sondern rein dienstlich, versteht sich. Um Verbrecher zu fangen. Virtuelle.

Was man auch nicht mag in Bayern, sind zu schlanke Madln. Solche wie Hanna, die sich in ihrem Internet-Tagebuch "Ana-Hanna" nennt. Oder besser: nannte, denn das Blog ist dank einer konzertierten Aktion der "Bayerischen Landeszentrale für neue Medien" und der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" nicht mehr erreichbar. Ihr Vergehen? Hanna hatte nicht nur so wenig gegessen, dass sie ihr Dirndl nicht mehr ordentlich ausfüllen konnte (was allein schon reicht, um den Unmut eines ordentlichen bayerischen Jugendschützers auf sich zu ziehen), sondern obendrein noch öffentlich verkündet, sie fände das ganz okay so. Im Internet, dem gefährlichen Dingsda.

"Ana" ist übrigens eine Abkürzung für "Anexoria nervosa", oder umgangssprachlich Magersucht. Ein Phänomen, das vor allem junge Mädchen betrifft und das, wenn man es übertreibt, durchaus schwere gesundheitliche Schäden, in manchen Fällen bis hin zum Tod zur Folge haben kann. Deswegen ist sie auch als psychische Störung anerkannt. Ebenfalls anerkannt ist, dass sich die Magersucht nur schwer behandeln lässt, nicht zuletzt weil ihre Ursache nicht genau erforscht sind; möglicherweise spielen genetische Aspekte eine Rolle, nach Ansicht von Psychologen aber auch individuelle Faktoren wie schwaches Selbstbewusstsein, innerfamiliäre Konflikte, übersteigerte Angst vor dem Dickwerden, eine gestörte Körperwahrnehmung oder ein falsch verstandenes Schönheitsideal.

Unsere Hanna hatte nun das Pech, nicht nur unter Anorexia nervosa zu leiden, sondern überdies auch noch der sogenannten "Pro-Ana"-Bewegung anzugehören. Dabei handelt es sich um einen informellen Zusammenschluß verschiedener Betroffener, die -je nach Standpunkt- entweder keine Hoffnung haben, ihre Krankheit jemals besiegen zu können, und sich daher mit dieser arrangieren, oder aber der Ansicht sind, dass es sich bei "Ana" überhaupt nicht um eine Krankheit, sondern vielmehr um einen Lebensstil handele. Kritiker nennen das Verherrlichung, während Befürworter darin ein Mittel zur Unterstützung von Menschen mit entsprechenden Essstörungen sehen. Die Webseiten böten Betroffenen einen Zufluchtsort, an dem sie der beständigen Kontrolle und Steuerung durch ihre Umgebung entzogen wären. Dadurch könnte die gesellschaftliche Isolation der Essgestörten überwunden und durch das ungestörte Ausformulieren von Gedanken zur Magersucht den Betroffenen letztendlich eine Distanzierung ermöglicht werden.

Während die Wissenschaft sich also weitgehend uneinig über Schaden und Nutzen von "Pro-Ana"-Webseiten ist (eindeutige Studien zu ihrer Wirkung liegen nicht vor), machen es sich die Bayerische Landeszentrale und die Bundesprüfstelle wesentlich einfacher: Verbieten ist besser als Nichtstun, dachte man sich wohl auf der Behörde, selbst wenn noch nicht einmal feststeht, ob es überhaupt möglich ist, gesunde Personen zur Magersucht zu "verführen". Darauf geht der Indizierungsantrag dann folgerichtig auch nicht ein.

Und weil das mit dem Verbieten -anders als in China- wegen der doofen Meinungsfreiheit nicht so einfach geht, musste wieder mal der Jugendschutz herhalten. Mit dem kann man Webseiten zwar nicht ausdrücklich, aber faktisch verbieten, denn die Auflagen an die Betreiber sind unrealistisch hoch und lebensfremd: Neben einem Passwortschutz wird verlangt, jeden einzelnen Leser persönlich zu treffen und zu überprüfen, ob dieser das geforderte Mindestalter hat.

"Face-2-Face-Überprüfung" nennt sich das im Bürokratenjargon, und wer jetzt glaubt, diese absurde Regelung wäre in Unkenntnis oder grober Mißachtung der Gegebenheiten im Internet entstanden, irrt gründlich: Die wurde tatsächlich genau für das Internet erfunden, nämlich im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag von 2003. Dessen "liberale" Vorstellungen tragen den Anforderungen eines weltweiten Datennetzes lediglich insofern Rechnung, als man die Prüfung des Alters nicht höchstselbst vornehmen muss, sondern auch einen Dritten damit beauftragen kann. Praktischerweise hat der Staatskonzern Deutsche Post mit dem sogenannten PostIdent-Verfahren auch ein entsprechendes Produkt im Angebot. Das lässt er sich mit immerhin 6,61 € pro Altersprüfung vergüten, bei ca. 50 Millionen erwachsenen Internetnutzern in Deutschland kein schlechtes Geschäft.

Ob bei der Einführung dieser weltweit einmaligen Regelung nun der mögliche Gewinn für den Staatskonzern, der Wunsch nach Gängelung von Erwachsenen oder der Reiz, beides in einem Gesetz zu kombinieren, ausschlaggebend war, mag dahingestellt sein; für Hanna und viele andere Webseitenbetreiber ist jedoch eines klar: Leisten können sie sich dieses kostspielige und umständliche Verfahren auf keinen Fall. Und deswegen ist Hannas Blog jetzt geschlossen, auch für Erwachsene. Zumindest unter der alten Adresse, denn ob sie woanders weiterbloggt, wissen natürlich weder wir noch die Jugendschützer.

Was wir übrigens auch nicht wissen (die Jugendschützer dagegen schon), ist welche und wie viele Webseiten von der Bundesprüfstelle sonst noch so indiziert wurden. Die Liste, auf der das steht ("Anhang C"), ist nämlich streng geheim. Selbstverständlich nicht, um eine kritische Diskussion darüber unmöglich zu machen, sondern nur wegen des Werbeeffekts, den diese angeblich hätte - bei mehreren Millionen frei erreichbarer, nicht indizierter Seiten mit "gefährlichen" Inhalten von Nazipropaganda über Selbstmordforen bis hin zu den erwähnten Pro-Ana-Webseiten fürwahr ein schlagendes Argument.

Geheime Sperrlisten, faktische Leseverbote für Erwachsene und demnächst auch vollautomatische Netzsperren für jedermann: "Eine Zensur findet nicht statt" (Art. 5 GG). Ich glaube, die Chinesen können von uns noch eine Menge lernen.

Internet


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