27. Januar 2009

Piusbruderschaft Mit dem Etatismus verbrüdert

Alles andere als freiheitlich

Vorab gesagt: Normalerweise hat es wenig Sinn, sich als Außenstehender über Interna eines Vereins auszulassen, dem man nicht angehört. Ob der Hasenzüchterverein Bottrop-West seinen zweiten Vorsitzenden ausschließt, weil der vor drei Wochen eine Kaninchen-Leistungsschau ausgerichtet hat, das Hells Angels Charter Mannheim einem Member Konsequenzen androht, der beim heimlichen Vespafahren erwischt wurde, oder Papst Johannes Paul II. den Kardinal Lefebrve exkommuniziert, weil der nicht in der vorgeschriebenen Sprache predigt, ist allein Angelegenheit der jeweiligen Clubs und für Unbeteiligte meist weder verständlich noch interessant.

Manchmal lohnt aber doch ein weiterer Blick. Zum Beispiel auf religiöse Splittergruppen, die sich dem Kampf gegen Protestanten verschrieben haben und bei denen "liberal" als Schimpfwort benutzt wird. Nehmen wir zum Beispiel das folgende Zitat:

"Für einen Staat [...] würde das bedeuten, daß der Staat sich zum [...] als Staatsreligion bekennt und dieser Religion allein alle Rechte zuerkennt. Andere Religionen kann der Staat dulden - insbesondere dann, wenn ihre Anhänger zahlreich sind -, aber er kann sie nicht in gleicher Weise anerkennen"

Wer könnte das gesagt haben? Osama bin Laden? Ayatollah Khomeini? Falsch, das Zitat stammt von der Webseite der "Priesterbruderschaft St. Pius X." und wird dort als offizielle Antwort auf die Frage "Was ist der Inhalt der "Religionsfreiheit"?" vorgestellt. Zum Vergleich: Der deutsche Islamist "Murad" Wilfried Hoffmann hegt ähnliche Vorstellungen über die Zeit nach dem Endsieg:

"Der Rechtsstatus von Minderheiten beruht hier auf einem Vertrag zwischen Eroberern und Unterworfenen, zwischen Siegern und Besiegten, einem Vertrag, der aus den Muslimen die eigentlichen Vollbürger des Landes und aus den anderen nur 'Schutzbürger' macht"

Sympathisch an Herrn Hoffmann ist, dass er ohne Scheu ausspricht, was dabei herauskommt, wenn man nur den Angehörigen einer bestimmten Religion alle Rechte zuerkennt - was ja auch die Piusbrüder wollen. Mit Staatsferne und Etatismuskritik haben die selbsternannten Bewahrer der katholischen Tradition jedenfalls nicht viel am Hut:

"Das Verhältnis von Kirche und Staat ist abhängig von der religiösen Zusammensetzung seiner Bevölkerung. Ist die Bevölkerung fast ganzheitlich katholisch, so muß der Staat ebenfalls katholisch sein. Das bedeutet, daß er sich zur katholischen Religion bekennt und diese zur Staatsreligion erklärt. [...] [Er] sorgt dafür, daß die Gebote Gottes in den staatlichen Gesetzen ihren Ausdruck finden, indem er beispielsweise den Sonntag schützt und die Ehescheidung sowie die Abtreibung verbietet. Ist die Bevölkerung dagegen religiös gemischt, wie es z.B. in den meisten mitteleuropäischen Staaten der Fall ist, ist dies natürlich nicht in gleicher Weise möglich. [...] Immerhin müßte die Regierung [...] wenigstens die Gebote des Naturrechtes in ihre Gesetzgebung einfließen lassen, indem sie eben Ehescheidung, Abtreibung und andere unsittliche Praktiken verbietet"

Während man bei der Abtreibungfrage immerhin noch diskutieren kann, ob diese ein eventuelles Recht des Fötus verletzen würde, ist bei Sonntagsarbeit, Ehescheidung und "anderen unsittlichen Praktiken" unzweifelhaft klar, dass dies nur die Beteiligten etwas anzugehen hat - nicht dagegen den Staat oder die Piusbruderschaft. Warum letztere sich unter allen denkbaren Optionen ausgerechnet mit dem Monster Leviathan, das nun wirklich nichts mit Moral, Anstand oder guten Sitten am Hut hat, verbrüdern möchte, mag einstweilen deren Geheimnis bleiben. Eines kommt dabei aber ganz sicher nicht heraus: Mehr Freiheit.


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