29. Januar 2009

Zwischen Russland und China Gesagt, getan in Kirgistan

Ein Reisebericht aus einem Nichtreiseziel

„Ja, in der Sowjetunion war der Unterricht sehr gut. Aber jetzt…“ Kopfschüttelnd drückt der Diplomat, der sein fast perfektes Deutsch in der sowjetischen Schule gelernt hat und der nun rauchend vor der kirgisischen Botschaft in Peking steht, seine Zigarette aus, verschwindet in der Visa-Abteilung und zieht die Tür hinter sich zu. Laut dem neben dieser Tür angebrachten Schild ist diese Abteilung ab 16 Uhr geöffnet. Aber erst nach mehrmaligem Klingeln wird die Tür um zehn nach vier und dann auch nur einen spaltbreit aufgemacht. „Wir haben eine Konferenz. Heute öffnen wir erst um fünf“, erklärt ein weiterer Botschafts-Angestellter.

Die kirgisische Botschaft in Peking ist vor kurzem aus dem „Tayuan Diplomatic Compound“, wo sie ein paar Zimmer im vierten Stock eines Plattenbau-Hochhauses gemietet hatte, in eine schicke Villa in der Wohnanlage „King’s Garden“ umgezogen. Sonst gäbe es an der Tür der Visa-Abteilung sicher keine Klingel. Dazu kommt in King’s Garden die Besonderheit eines großen künstlichen Sees. Die Mücken setzen den wartenden Chinesen sehr zu. Vielleicht rauchen die kirgisischen Diplomaten deswegen so viel? Alle paar Minuten kommt jemand heraus, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dem Fortgang der Konferenz kommt das nicht sehr zugute. Denn um fünf erscheint der Botschafts-Angestellte wieder: „Die Konferenz ist noch nicht beendet“, informiert er.

„So ein Mist. Mein Flug ist doch schon morgen“, jammert Xu Wen, ein an zweiter Stelle der Schlange stehender chinesischer Geschäftsmann, der in Kirgistan eine große internationale Hotelkette in Finanzfragen beraten soll. Als dann zu allem Überfluss die hinter ihm wartende Chinesin erklärt, dass die Visumsgebühr nicht in bar bezahlt, sondern von der nächstgelegenen Bank-of-China-Filiale aus auf das Konto der Botschaft überwiesen werden muss, ist er ganz verzweifelt. „Die Banken schließen doch jetzt!“

Der kirgisische Staat hat offenbar kein allzu großes Vertrauen in seine Diplomaten. Wenn die aber auch Fremden gegenüber von der Sowjetzeit schwärmen…

Eine junge Chinesin kommt und klingelt mehrmals heftig. Als die Wartenden ihr erklären, dass die Konferenz noch nicht beendet sei, zuckt sie nur mit den Schultern und telefoniert kurz mit ihrem Handy. Daraufhin geht die Tür auf und sie wird hereingewunken. Als dann zehn Minuten später alle hereingelassen werden, steht sie als erste an dem einzigen Schalter. Der Angestellte arbeitet sich durch ihren Stapel von mindestens dreißig Visumsanträgen. Xu Wen hat deswegen Zeit, sich das neben dem Schalter hängende Schild durchzulesen. Es informiert die Wartenden, dass der Visumsantrag nicht bearbeitet wird, wenn er erstens falsche Angaben enthält, zweitens der Antragsteller schon einmal in Kirgistan gegen Gesetze verstoßen hat oder drittens er unhöflich mit den Botschaftsangestellten spricht. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass die Botschaftsangestellten nicht verpflichtet sind, darüber Auskunft zu erteilen, aus welchem dieser drei Gründe die Bearbeitung des Antrags abgelehnt wurde. Die junge Chinesin kratzt sich die Beine. „Hier gibt es aber viele Mücken“, jammert sie. Der Botschaftsangestellte blickt kurz auf: „Ach, wirklich?“, fragt er mit ernstem Gesicht. Die junge Chinesin besinnt sich schnell auf die Regel Nummer drei: „Aber das ist natürlich nicht Ihre Schuld“, versichert sie mit strahlendem Lächeln.

Kurz vor sechs kommt Xu Wen endlich an die Reihe. Pass, Passkopien, Passfoto hat er alles dabei. Aber kein Einladungsschreiben. „Aber ich brauchte das kirgisische Visum unbedingt noch heute!“ Das war der richtige Satz: Der Angestellte verzieht zwar keine Miene, aber sein Verhalten ändert sich. Er schiebt Xu Wen einen weißen Bogen Papier zu, auf dem er sein Einladungsschreiben selbst verfassen darf. Sein Visum wird in den Pass gestempelt, den er gleich mitnehmen kann. 1.300 RMB, umgerechnet 140 Euro muss Xu Wen dafür bezahlen. Express-Gebühr. Ohne Quittung. Aber er freut sich, dass er morgen doch noch fliegen kann.

In dem Air-China-Flug in die kirgisische Hauptstadt Bischkek sitzen viele chinesische Unternehmer. Einer, der dort eine Legebatterie mit 40.000 Hühnern betreibt, schimpft lautstark: „Wir Chinesen werden in Kirgistan als ein fettes Stück Fleisch betrachtet. Von dem will sich jede Regierungsebene und jede Behörde ein Stück abschneiden“. Das gilt aber nicht nur für Chinesen. Der Reiseführer warnt alle Ausländer vor allem vor den Polizisten in der Nähe des Osch-Basars. Die sollen nach einer Passkontrolle, zu der sie berechtigt sind, auch die Taschen durchsuchen wollen, wozu sie nicht berechtigt sind, und dabei Bargeld und Digitalkameras klauen. Für den Fall, dass man von Polizisten angesprochen werde, solle man versuchen, möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ihnen auf keinen Fall in unbelebtere Teile des Basars folgen. Andererseits ist es praktisch, denn wenn die Diebe uniformiert sind, dann kann man ihnen besser aus dem Weg gehen. Und es gibt noch eine weitere Art, sich zu schützen: In Kirgistan muss niemand als Ausländer auffallen. Das Gebiet des heutigen Kirgistan war schon seit jeher ein Spielball zwischen den Kaisern Chinas, den Zaren Russlands und den Khanen von Taschkent, die abwechselnd ihre Massaker, Vertreibungen und Ansiedlungen durchführen ließen. Deswegen gibt es jetzt in Kirgistan über 80 verschiedene Völker. Eins davon nennt sich sogar „Dongan“ (chinesisch für „aus dem Osten vertrieben“). Das sind die Nachkommen der zwischen 1877 und 1878 von den Qing-Kaisern aus den chinesischen Provinzen Gansu und Shaanxi vertriebenen chinesischen Muslime. Danach ermordeten die Truppen des Zaren 1916 eine halbe Million Zentralasiaten (40 Prozent der Bevölkerung Nordkirgistans) und trieben 120.000 Menschen über die Pässe nach China zurück. Dann begannen die stalinistischen Umsiedlungen. Danach der Zweite Weltkrieg...

Und nicht nur die Bevölkerung Kirgistans ist eine bunte Mischung. Auch die Landkarte, festgelegt in der Zeit zwischen 1924 und 1936, sieht aus wie ein Flickenteppich. Im Süden des Landes gibt es vier zum Nachbarland Usbekistan gehörende Enklaven, wobei allerdings die mit 325 Quadratkilometern größte davon von Tadschiken bewohnt ist. Zwei weitere Enklaven gehören dann auch zu Tadschikistan. Umgekehrt gehört ein Dorf mit 600 Einwohnern, das 13 Kilometer jenseits der Grenze in Usbekistan liegt, noch zu Kirgistan. Nicht mehr zu Kirgistan gehören dagegen seit 2002 das gut 900 Quadratkilometer große Grenzgebiet, das der damalige Präsident Akajev aus einem mysteriösen Grund an die Volksrepublik China abtrat.

Egal ob Fremdsprachen, Geschichte, Geographie oder Politik: Die kirgisischen Schulkinder müssen eine Menge lernen. Trotzdem spielt der zwölfjährige Roslan Isabekow heute morgen Fußball. Hat er keinen Unterricht? „Doch. Aber dieses Halbjahr habe ich die Nachmittagsschicht“, erklärt er. Leider scheint der kirgisische Diplomat in Peking wirklich besser daran getan zu haben, das aktuelle Niveau des Schulunterrichts zu verschweigen. Denn die staatlichen Schulen haben entweder nur vormittags oder nur nachmittags Unterricht. Um alle Schulkinder gleichzeitig zu unterrichten mangelt es sowohl an Lehrern als auch an Schulgebäuden. „Die Lehrer sind nach Russland abgehauen. Da können sie mehr verdienen“, wiederholt Roslan Isabekow, was er wohl von seinen Eltern gehört hat. Schön und gut, aber was ist mit den Gebäuden?

Immerhin müssen sich Roslan Isabekows Eltern keine Sorgen machen, dass ihr Sohn im Winter immer erst im Dunkeln heimkommt. Denn weil das Erziehungsministerium Heizkosten sparen will, wird in diesem Januar und Februar zwei Monate lang gar kein Unterricht stattfinden, weder vornoch nachmittags.

Hier zeigt das Erziehungsministerium aber dadurch, dass es zumindest im Voraus bescheidsagt, mehr Service-Orientierung als der staatliche Energieversorger „National Electric Grid (NEG)“. Dem mangelt es an Strom. Im Herbst wurden daher NEG-Mitarbeiter losgeschickt, um bei den privaten Haushalten kleinere Sicherungen einzubauen (beziehungsweise die dritte und zweite Phase durchzuschneiden).

„Erst habe ich gejammert und gesagt, dass ich doch bald mein Baby bekomme und deswegen unbedingt Waschmaschine und Kühlschrank gleichzeitig benutzen muss“, erzählt Guliaschar Tanjew, eine Hausfrau. „Aber sie waren so unfreundlich und hart. Da habe ich sie zum Essen eingeladen. Daraufhin sagten sie mir, ich könnte ihnen doch auch Geld geben, dass sie selbst ins Restaurant gehen könnten. Ich habe sie gefragt, wieviel sie bräuchten. Aber es dürfte nicht zu viel sein, denn sonst würde mein Mann mit mir schimpfen. Sie wollten 200 Som (umgerechnet vier Euro)“. Guliaschar Tanjew war sehr stolz auf ihre schlaue Idee. Allerdings war sie nicht die einzige, die darauf kam. Die NEG-Mitarbeiter haben so oft ihre vier Euro kassiert, dass es an Strom immer noch mangelt. Zur Rationierung griff der Staatsmonopolist deswegen zu härteren Methoden: Seit Anfang des Winters werden Stadtviertel wechselweise abgeschaltet. Davon sind dann auch wirklich alle, und nicht nur die, die keine 200 Som zur Hand hatten als die NEG-Mitarbeiter vor der Tür standen, betroffen. Leider auch die Verkehrsampeln und Krankenhäuser. Guliaschar Tanjews gute Laune ist dahin. Sie vermutet außerdem, dass die NEG dafür, dass sie ohne Plan und Vorwarnung abschaltet und niemand weiß, wann und für wie lange die Lichter ausgehen, etwas von den chinesischen Generator-Importeuren bekommen hat. Denn die verdienen jetzt bestens. Zumindest in den Städten.

Die Landbevölkerung hatte dieses Jahr wegen zu geringer Regenfälle eine Missernte. Da ist ein eigener Generator ein unerschwinglicher Luxus. Wer das Saatgut auf Kredit kaufen musste ist nun hoch verschuldet. Die den ärmsten Familien staatlich zugeteilte Nahrungsmittel- und Brennmaterial-Hilfe können diese ihren ebenfalls staatlich zugeteilten Bürgermeistern zu Marktpreisen abkaufen. Für sie bleibe nur die Hoffnung auf nichtstaatliche Hilfsorganisationen. Aber viele der ausländischen haben aus Protest gegen die hohen Steuern auf Geldtransfers nach Kirgistan das Land bereits verlassen.

Und was ist mit den nationalen oder Selbsthilfeorganisationen? „In der letzten Zeit häufen sich die Fälle“, sagt Feliks Konc h a l owsk y, der Leiter eines Nonprofit-Wohnheims für Rentner, die von ihren 300 Som (umgerechnet sechs Euro) Rente nicht leben können. Da viele der Rentner zur Aufbesserung ihrer Rente einen kleinen Verkaufsstand haben, liegt das Wohnheim recht zentral und außerdem neben einem schönen Park. Eine begehrte Immobilie. „Eine NGO nach der anderen wird auf mysteriöse Weise bei irgendwelchen Gesetzesverstößen ertappt. Daraufhin wird das Eigentum der NGO polizeilich sichergestellt und später auf noch mysteriösere Weise unter Marktpreisen an private Interessenten weiterverkauft“, fährt Feliks Konchalowsky fort und kratzt sich nachdenklich am Kopf. „Ich habe schon eine Warnung erhalten, die ich sehr ernst nehme. Aber was soll ich machen?“

Bei so vielen Beispielen von Staatsversagen und Korruption verwundert es nicht, dass die kirgisische Regierung begonnen hat, mit internationalen terroristischen Organisationen zusammenzuarbeiten: Auf dem nach dem kirgisischen Freiheitskämpfer Manas benannten internationalen Flughafen der Hauptstadt stehen acht Langstreckenbomber der US-Armee.

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 89.


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