15. Februar 2009

Angeklickt Fundstücke

Aktuelles und Merkwürdiges aus Presse und Internet

Abgezählt: Im vereinigten Königreich plant man, nachdem mit Prinz Harrys Armbinde und der häuslichen Überwachung von Eltern durch Schüler bereits zwei Anleihen beim ehemaligen Kriegsgegner erfolgreich umgesetzt worden sind, nunmehr den dritten Streich: Aus der Lebensmittelkarte, einst Zeichen des totalen Kriegs gegen die Allierten, wird demnächst die Fliegerkarte im totalen Krieg gegen das Kohlendioxid. Als jährliche Ration ist ein Auslandsflug pro Nase vorgesehen, während Inlandsflüge gleich ganz verboten werden sollen, schließlich gibt es "überhaupt keinen Grund, wieso die Leute innerhalb Großbritanniens herumfliegen sollten" - findet jedenfalls der Vorsitzende des "Comittee on Climate Change", einer britischen Nicht-Nichtregierungsorganisation, die zum Zwecke der "Beratung" des Parlaments von ebendiesem gegründet und finanziert wurde. Wir dürfen gespannt sein, ob demnächst auch gegen Klimaschädlinge zurückgeschossen wird.

http://blog.wired.com/cars/2009/02/uk-government-w.html

Abgeflogen: Ob und wann ein Reimport der Rationierungsstrategie nach Deutschland erfolgt, ist derzeit noch offen. "Besser früh vorsorgen als nie" dachte sich der Umweltausschuss des deutschen Bundestages wohl trotzdem, und meldete sich kurzerhand komplett zu einer LustreiseArbeitsexkursion nach Tansania und Kenia an. Den trüben deutschen Februarhimmel gegen die afrikanische Sonne einzutauschen würde sicher auch so manchem Steuerzahler gefallen, der dies allerdings aus der eigenen Tasche bezahlen müsste. Sofern nach Abzug der Kosten für die exzessive Reisefreude seiner parlamentarischen Vertreter dort überhaupt noch was drin ist - denn nicht nur der Umweltausschuss, sondern auch der Haushaltsausschuss weilt derzeit in Tansania. Ob die Reise den Zweck hat, von den Tansaniern (die eher selten Ausschüsse nach Deutschland entsenden) das Sparen zu lernen, oder ob man gar den Kollegen vom Umweltausschuss kostenmäßig auf die Finger schauen will, war bis jetzt leider nicht in Erfahrung zu bringen.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,606415,00.html

Abgewatscht: Neben diversen Touristikunternehmungen unterhält der Deutsche Bundestag auch noch einen wissenschaftlichen Dienst, der im Gegensatz zu den Ausschüssen mit echten Fachleuten besetzt ist. Die haben sich die Zensurpläne von Ursula von der Leyen einmal angeschaut, und (im Gleichklang mit allen anderen Experten, z.B. in der Privatwirtschaft) ein vernichtendes Urteil gefällt: Unwirksam (weil leicht umgehbar), unangemessen (wegen der Kollateralschäden) und unzumutbar (für die Provider). Dass Frau von der Leyen sich von dieser klaren Analyse beeindrucken lässt, ist allerdings eher unwahrscheinlich, hatte sie sich doch schon im Dezember mit den unzweifelhaften Worten "Dazu bin ich fest entschlossen und von dieser Bahn bringt mich auch keiner mehr ab" ausdrücklich zu Einsichtsfähigkeit und rationaler Beurteilung von Sachverhalten (beziehungsweise dem, was Fünfjährige darunter verstehen) bekannt.

http://netzpolitik.org/wp-upload/bundestag_filter-gutachten.pdf

Abkassiert: Aufgrund der Vielzahl von Reise- und Rettungspaketen mit entsprechenden Kosten sieht man sich bei den Finanzbehörden nunmehr gezwungen, die Einnahmen mittels kreativer Ideen zu verbessern. Zum Beispiel, indem man Opfern von Anlagebetrügern für nur auf dem Papier existierende Scheingewinne auch noch Steuern abknüpft. Denn die Anleger, so die Begründung, hätten sich ihre vermeintlichen Gewinne ja auszahlen lassen können, weil das betrügerische System zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht aufgeflogen war, die Gesellschaft somit als zahlungsfähig angesehen werden müsse. Angesichts der Tatsache, dass Pyramidensysteme regelmäßig erst dann auffliegen, wenn sich ein größerer Teil der Anleger ihre Gewinne auszahlen lässt, fürwahr eine vernünftige, gerechte und nachvollziehbare Entscheidung - für Finanzbeamte jedenfalls.

http://www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,qjmdqv24ose3zan3~cm.asp

Unbeabsichtigt: Jeder Mediziner und Pharmazeut lernt spätestens im Grundstudium, dass bei Medikamenten keine Wirkung ohne Nebenwirkung zu bekommen ist. Gleiches gilt für die Politik, mit dem Unterschied, dass in der Medizin Wirkung und Nebenwirkung meist in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Ein schönes Beispiel ist die Abwrackprämie: Die hat neben der fast genau so gewollten Hauptwirkung (Absatzförderung für ausländische Kleinwagenhersteller) die unschöne Nebenwirkung, die bisher übliche Verwertung ausgedienter deutscher Altautos in Westafrika zu sabotieren, mit fatalen Folgen für die Wirtschaft in den notorisch ökonomisch schwächelnden Zielländern. Deren letzte Hoffnung ist nun, deutsche Schrotthändler würden es mit der tatsächlichen Vernichtung der Oldies nicht so genau nehmen - angesichts der bisherigen Praxis eine nicht völlig unrealistische Erwartung. Wie schon nach dem zweiten Weltkrieg und in der DDR muss also wieder einmal der Schwarzmarkt einspringen, um politische Fehler und Versäumnisse auszubügeln und Existenzen, wenn nicht gar das nackte Überleben zu sichern. Gut, dass wir ihn haben.

http://www.welt.de/motor/article3188251/Abwrackpraemie-zerstoert-in-Afrika-gigantische-Werte.html

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