17. Februar 2009

China Die Regierung darf brandstiften, das Volk nicht mal eine Lampe anzünden

Ein Tagesbericht aus Peking

Die Tageszeitung „China Daily“ berichtet auf ihrer heutigen Titelseite, dass der chinesische Konsumgüter-Preisindex Zeichen wirtschaftlicher Erholung zeigt, dass in der Bucht von Manila 200 Delphine gerettet wurden und dass dieses Jahr aufgrund staatlicher Anstrengungen trotz der heftigen Dürre eine gute Ernte „wahrscheinlich“ ist.

Auf Seite vier, gleich neben dem Artikel mit der Überschrift „Lob für Chinas Menschenrechte“ werden die Schuldigen für das verheerende Großfeuer in dem Prachtbau des chinesischen Staatsfernsehens CCTV genannt. In der Nacht zum 10. Februar waren dort die 30 Stockwerke des 157 Meter hohen Nordturms vollständig ausgebrannt.

Angestellte, so heißt es in dem Artikel, hätten dort für sich ein illegales Großfeuerwerk bestellt und abbrennen lassen. Wieso sich Angestellte nachts Zutritt zu dem noch nicht bezogenen Gebäude verschaffen und dabei auch noch Feuerwerkskörper mitbringen konnten, die laut Aussage von Luo Yuan, Vize-Chef der Pekinger Feuerwehr, „mit den bei der Olympiade verwendeten identisch“ und weder zum Verkauf zugelassen noch besonders billig waren, erfährt der Leser aber nicht. Genausowenig wird die Frage geklärt, um welche Angestellte es sich dabei denn gehandelt haben könnte. Wichtiger ist, dass für den bei den Löschversuchen zu Tode gekommenen Feuerwehrmann Zhang Jianyong bereits bei der Politik-Abteilung der Pekinger Feuerwehr ein „Märtyrer-Status“ beantragt wurde. Dass ihm dieser zuerkannt wird, ist anzunehmen, steht doch in den „Neuen Pekinger Nachrichten“, dass er sein eigenes Atemgerät einer „im 14. Stock eingeschlossenen Person“, zu der keine näheren Angaben gemacht werden und die offensichtlich von dem giftigen Qualm auch weiter keinen Schaden davontrug, überlassen habe.

Ein paar Fragen bleiben also noch offen. Im Internet erfährt man nichts Neues: Dort wurden der am 12. Januar erfolgte Aufruf einiger Dissidenten, das Staatsfernsehen CCTV zu boykottieren, genauso gelöscht wie jetzt genau einen Monat später die Blog-Beiträge, die den Brand mit der alten chinesischen Spruchweisheit „Die Regierung darf brandstiften, das Volk nicht mal eine Lampe anzünden“ in Verbindung brachten. Das heißt aber nicht, dass es in Peking nicht doch Meinungen gibt, die in diese Richtung gehen. So erwidert ein in dem Viertel östlich des CCTV-Komplexes wohnender Rentner auf die Frage, ob er an eine Brandstiftung glaube: „Ach, Hintergründe – die bekommen wir doch nicht gesagt. Es gibt eine Untersuchung, dann werden ein paar Schuldige gefunden und erschossen – die kannst Du dann ja fragen!“. Und ein an der schwarzen Ruine vorbeifahrender Taxifahrer meint: „Wieviel das gekostet hat? Wieso? Ist doch alles: Binnennachfrage erhöhen! Hähähä!“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Wolf Dieter Kantelhardt

Über Wolf Dieter Kantelhardt

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige