03. März 2009

China nach Olympia Manchmal Meinungsfreiheit beim Wetter

Wo deutsche Zensoren noch lernen können

Angeblich war es eine der Forderung von IOC-Präsidenten Jaques Rogge: Während der XXIX. Olympischen Sommerspiele sollte zumindest den Zugriff auf Wikipedia freigeben werden. Tatsache ist, dass die Online-Enzyklopädie seit dem Sommer 2008 auch von chinesischen Internet-Nutzern geöffnet und gelesen werden kann. Und das relativ problemlos: „China“ als Suchbegriff – kein Problem. „Religion in China“ – geht meistens. Nur „Buddhist Association of China“ geht überhaupt nicht, die Seite bleibt gesperrt. Dabei lautet der Eintrag nur „The Buddhist Association of China is a major organization of Chinese Buddhism. It was founded in 1953. The Buddhist Association has warned of Falun Gong, a qigong practice defined as an "evil cult" by the Communist Party of China, that is outlawed and persecuted in the People's Republic of China. However, the Association is a branch of the Chinese government, not an independent entity. The current president is Venerable Master Yi Cheng, who was an organizer for the World Buddhist Forum.” Mehr nicht. Was gefährdet daran die gesellschaftliche Stabilität?

Wahrscheinlich ist es der Begriff „Falun Gong“. Wird dieser von China aus bei  google.com eingegeben, bricht sofort die Verbindung mit dem Server zusammen. Wird er dagegen bei google.cn eingegeben, findet die Suchmaschine innerhalb von 0,08 Sekunden 1.850.000 Treffer – wobei unten auf der Seite der Satz „Aufgrund lokaler gesetzlicher Vorschriften und Politik werden ein Teil der Suchergebnisse nicht angezeigt“ steht.

www.google.cn findet aber auch nicht immer etwas „Die Suchergebnisse enthalten möglicherweise einen nicht gesetzes- oder politikkonformen Inhalt und können deswegen nicht gezeigt werden“, heißt es derzeit bei der Suche nach dem chinesischen Äquivalent für „den Po lecken“. Und auch beim Durchgehen der Treffer des wichtigsten Konkurrenteb, der chinesischen Suchmaschine baidu.com.cn hagelt es Ablehnung: Entweder „http 404 File not found“, „Eintrag nicht gefunden oder gelöscht“, oder es erfolgt eine automatische Umleitung auf die Startseite von www.voc.com.cn.

Nun ist das Götz-von-Berlichingen-Zitat auch in manchen Goethe-Ausgaben zensiert und in Limburg (Hessen) gibt es keine Autokennzeichen mit AA. In Anbetracht dessen, was sonst noch so alles (auch in China) im Internet steht, ist es aber doch erstaunlich, dass die chinesische Regierung so sehr auf die Wortwahl des Volkes achtet. Zumal „tian pi gou“ gar keine Unfreundlichkeit in dem Sinne des Götz von Berlichingen ist, sondern nur eine Steigerung von pai ma pi (dt. wörtlich: „den Pferdehintern schlagen“, dt. sinngemäß: „sich einschmeicheln“).

Seinen Grund hat es in einem Druckfehler: Bereits am 22. Januar verfasste eine Nachwuchsjournalistin namens Lü Ting in der in Shenzhen erscheinenden „Südlichen Hauptstadtzeitung“ einen Artikel zu dem Thema „Shenzhen ist Euer zweites Zuhause“. Sie beschreibt darin, wie mehrere hochrangige Regierungskader zusammen mit Wanderarbeitern einfache Maultaschen machen und aufessen – was sonst zum traditionellen chinesischen Neujahr im engen Familienkreis geschieht. Und gerade als die fröhliche Stimmung den Höhepunkt erreicht und ein gemeinsames Lied angestimmt werden soll steht in dem Artikel: „So eine Arschkriecherei erregt mich sehr“. Anscheinend hat es der zuständige Redakteur selbst nicht mehr ausgehalten und diesen abfälligen Kommentar in den Text geschrieben – darüber, wie die Passage ursprünglich lautete, wird in chinesischen Blogs viel diskutiert. Und der bei solchen „harmonische Gesellschaft“ beschwörenden Texten wahrscheinlich auch nur wenig Interesse aufbringen könnende Schriftsetzer hat – ohne sich viel Gedanken zu machen – gesetzt, was in dem Manuskript stand. Die Hongkonger „South China Morning Post“ berichtete, dass der zuständige Redakteur eine Geldstrafe von 1000 RMB Yuan (umgerechnet 120 Euro) zahlen muss – was etwa ein Viertel seines Monatsgehalts sein dürfte.

Das alles betrifft Deutsche nur am Rande. Die deutschsprachige Wikipedia-Seite war schon lange vor der Englischen geöffnet, und von den wichtigen deutschen Websites ist nur die chinesische Version der Deutschen Welle gesperrt. Obwohl sich mit ein bisschen Glück manchmal das Europawetter öffnen lässt. Vielleicht wenn in Brüssel ausnahmsweise einmal die Sonne scheint und der Belgier Jacques Rigge mal wieder seinen großen Einfluss geltend macht…


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