12. April 2009

Angeklickt Fundstücke

Aktuelles und Kurioses aus Presse und Internet

Interpretationsfehler: Unter der sehr überschaubaren Zahl der Argumente für Online-Zensursperren nimmt die Behauptung, Kinderpornographie im Internet wäre ein Massenphänomen, eine zentrale Stellung ein. Wie der Heise-Verlag in der ab Dienstag erhältlichen Ausgabe 09 der Computerzeitschrift c't berichtet, hat diese Annahme allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Sie beruht auf einer falschen Interpretation der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Die weist in diesem Bereich nämlich nicht etwa tatsächliche Fälle aus, sondern lediglich die Zahl der Ermittlungsverfahren - ohne dabei zu berücksichtigen, ob sich der anfängliche Verdacht später erhärtet und jemand verurteilt wird. Nun wird aber gerade im Bereich der Kinderpornographie in den letzten Jahren verstärkt aufgrund bloßer Mutmaßungen und vager Verdachtsmomente quasi "ins Blaue hinein" ermittelt. Als beispielhaft für diesen Trend gilt die im Dezember 2007 gestartete "Operation Himmel" (ef berichtete), bei der der größte Teil der ursprünglich über 12.000 Verfahren innerhalb kürzester Zeit mangels tatsächlicher Anhaltspunkte für Straftaten wieder eingestellt wurde. Bis heute ist nicht bekannt, wie viele Verdächtige am Ende überhaupt verurteilt worden sind, was die Verantwortlichen jedoch nicht davon abhält, die Zahl der Ermittlungsverfahren als "Beleg" für die angebliche Dimension der Kinderpornographie im Internet anzuführen.
Im Widerspruch zur künstlich aufgeblähten Rate der Bilder- und Klickverbrechen steht auch die -ebenfalls in der PKS enthaltene- Zahl der Verurteilungen wegen realen Kindesmissbrauchs: Die ist erfreulicherweise seit Jahren rückläufig.

http://www.heise.de/newsticker/c-t-Argumente-fuer-Internet-Sperren-sind-fragwuerdig--/meldung/136007

Hausbesuche: Wo Ursula von der Leyen fleissig an der virtuellen Mauer 2.0 bastelt, will auch Peer Steinbrück den Eindruck vermeiden, zu wenig zur Errichtung des zukünftigen Arbeiter- und Bauernparadieses beizutragen, und nimmt wieder einmal die wenigen noch verbliebenen Leistungsträger ins Visier: Die sollen nämlich in Zukunft nicht nur noch stärker abkassiert werden, sondern auch noch jederzeit unangekündigte Kontrollen über sich ergehen lassen müssen. Getreu dem Motto "Wer Reicher ist, bestimme ich" möchte Steinbrück darüber hinaus die Grenze, ab der die neuen Kontrollmöglichkeiten zulässig sein sollen, neu definieren. Am Ende dürfte eine Zweiklassengesellschaft stehen: Arbeitslose müssen schon seit langem die totale Durchleuchtung der persönlichen Verhältnisse durch die Sozialbehörden erdulden, bei Werktätigen übernimmt das in Zukunft das Finanzamt

http://www.welt.de/politik/article3523481/Steinbrueck-will-Steuerhinterzieher-zur-Kasse-bitten.html

Geiselnahme: Das Quellenportal wikileaks.org, auf dem Journalisten und Interessierte unzensierte Originaldokumente zu allen möglichen Vorgängen in Politik und Wirtschaft einsehen können, ist Politikern aller Couleur seit seiner Gründung ein Dorn im Auge - totale Kontrolle und Überwachung im Namen von Terrorismusbekämpfung und Steuerfahndung soll schließlich nur für den Normalbürger gelten, während man selbst lieber hinter verschlossenen Türen zu Werke geht und sich für die eigenen Belange größtmögliche Diskretion und Geheimhaltung erwartet. Nachdem der Inhaber der Domain wikileaks.de, die auf die internationale Webseite weiterleitet, bereits in der letzten Woche mit einer reichlich zwecklosen Hausdurchsuchung eingeschüchtert werden sollte (ef berichtete), wurde nun die Domain selbst gekapert und auf eine "Informationsseite" umgeleitet. Der zuständige Provider hat für Dienstag eine offizielle Erklärung angekündigt, angeblich soll die Sperrung nichts mit der Hausdurchsuchung zu tun haben und es soll auch nicht das Internet zensiert werden. Da sind wir jetzt aber mal wirklich gespannt.

http://wikileaks.org/wiki/Deutsche_Wikileaks_Domain_ohne_Vorwarnung_gesperrt
http://netzpolitik.org/2009/wikileaksde-gesperrt/

Anschlagsplanung: Wie wichtig die rechtzeitige Veröffentlichung von Originalquellen sein kann, zeigt ein jetzt bekannt gewordener Skandal um das BKA: Dort schreckte man in den 70er Jahren nicht einmal davor zurück, selbst Terroranschläge zu planen, um sie später der RAF in die Schuhe schieben zu können. Wäre das Dokument bereits 1975 bekannt geworden, wären die Verantwortlichen wohl kaum ungestraft davongekommen, mehr als 30 Jahre später scheint eine strafrechtliche Würdigung der Vorgänge dagegen unwahrscheinlich. Ein guter Grund für alle heutzutage an kriminellen Machenschaften Beteiligte, Portale wie wikileaks.org mit allen Mitteln zu bekämpfen.

http://www.welt.de/politik/article3536741/Polizei-plante-Terror-im-Kampf-gegen-die-RAF.html

Fototermin: Eine ganz andere Methode, die Veröffentlichung geheimer Informationen auf Portalen wie wikileaks zu verhindern, hat sich der oberste britische Terrorfahnder, Bob Quick, ausgedacht. Anstatt vertrauliche Informationen unter Verschluß zu halten, kann man sie nämlich auch einfach offen mit sich herumtragen, die hochauflösendenen Digitalkameras der Pressefotografen sorgen schon dafür, dass die Welt rechtzeitig von geplanten Durchsuchungen Terrorverdächtiger erfährt: Mission Accomplished.

http://www.bild.de/BILD/news/2009/04/09/sicherheitspanne-bei-britischen/anti-terror-chef-traegt-geheim-dokumente-offen.html

In eigener Sache: Haben Sie eine interessante oder kuriose Nachricht gefunden, die auch andere ef-Leser interessieren könnte? Dann schreiben Sie ein kurzes Mail an informant@ef-magazin.de - wir freuen uns über jeden Hinweis und verlinken auf Wunsch auch den Überbringer.


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