20. April 2009

Philosophische Praxis (Vol. 10) Die Schuldenbrille

Über Wahrheit und Krise

Krisenzeiten sind immer auch Gründerzeiten, in denen der Erfindergeist erstaunliche Blüten treibt. So entstand unlängst erst in einem Hinterhof in Wien eine Technologiewerkstatt, die aufgrund ihres Ideenreichtums zur Avantgarde zu zählen ist. Produziert werden in Handarbeit gefertigte Prototypen, die nach einer Testphase für die Massenproduktion verkauft werden sollen.

Gegründet wurde das mit gehortetem Silber finanzierte Unternehmen, das sich „The Truth“ nennt, von zwei ostdeutschen Physikern, einer bulgarischen Hellseherin und einem Wiener Spengler, der das ehrgeizige wie subversive Ziel wie folgt formuliert: „Wir haben uns vorgenommen, bislang weitgehend unbekannte Technologien zu völlig neuartigen Produkten zu entwickeln, mit der Absicht, Illusionen sichtbar zu machen. Es ist uns ein Anliegen, den Verblendungszusammenhang weltweit zu zerschlagen.“

Ein erster, voll funktionsfähiger Prototyp liegt bereits vor. Es handelt sich um ein helmartiges Brillengestell, das die Sehnerven mit der monetären Aura der Umwelt verknüpft und quantengenau auf die wahren Besitzverhältnisse kalibriert. „Wir nennen das Ding die Schuldenbrille“, sagt Herr Oswald, der Spengler von „The Truth“ mit glasigen Augen. „Sie macht das Ausmaß der Misere für jedermann sichtbar. Alles, was Schulden hat, geleast oder geborgt wurde und alles, was damit zusammenhängt, verschwindet aus dem Blickfeld.“

Wir waren die Ersten, die Testpersonen vor das Mikrofon bekommen konnten, um sie über ihre Erlebnisse mit der Schuldenbrille zu befragen. Liliane F., Historikerin: „Am Anfang wurde mir ziemlich übel und ich konnte kaum etwas sehen. Aber dann ... überall nackte oder halbnackte Menschen, die gemeint haben: ‚Uns geht es doch total gut in Österreich. Wir sind doch ein unheimlich reiches Land‘. Und was auch immer ich betrachtete: Fast alles war durchlöchert, vieles verschwunden.“

Heinrich H., Bankdirektor (schweißgebadet): „Ich habe mein Büro im letzten Stock. Unter mir war alles leer. Ich schwebte völlig in der Luft. Unser gesamtes Papiergeld war weg. Allein Frau Ayschegül, die bei uns das Putzen besorgt, war noch sichtbar. Die muss wohl hier die Einzige sein, die keine Schulden hat.“

Ettienne N., alleinerziehende Mutter von drei Kindern (völlig aufgelöst): „Die Schecks, sowohl die von meinen Liebhabern als auch die von der Sozialhilfe, verblassten in meinen Händen und lösten sich in Luft auf. Mein Schmuck, die teure Wäsch’, mein Fernseher, mein Hometrainer, mein Gesichtsbräuner, die Kaffeemaschin’, alles weg.“

Adolf S., U-Bahn-Fahrer: „Eigentlich hab ich gedacht, die Stadt gehört mir. Aber das stimmt nicht. Die san echt deppert, die von der Gewerkschaft“. Sepp W., Porschefahrer: „Also, ich bin sonst kein Lulu. Aber ich fahr, 150, und die im Radio geben die Yen-Kurse durch, und plötzlich war mein Lenkrad weg.“

Muhammad A., Taxifahrer: „In manchen Teilen von Wien war kein Asphalt mehr auf den Straßen. Die Politikerin, die ich vom Parlament abholte, verwandelte sich in ein rotierendes Loch, das alles in sich hineinsaugte. Aber mein Mercedes ist ausbezahlt, mein zweiter auch.“

Der mit 4.000 Euro dotierte Preis der Stadt Wien für Behindertenpädagogik ist „The Truth“ so gut wie sicher. „Immerhin“, meint Herr Oswald, „doch verstanden hat man unsere Produkte noch lange nicht. Das wird noch eine Zeit dauern.“

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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