25. Januar 2010

Philosophische Praxis (Vol. 48) Scham und Erotik

Die Möglichkeit des Wechselspiels

Vor etwa 60.000 Jahren, zur Zeit des mittleren Paläolithikums, begann der Mensch – damals noch in Form des Neandertalers – seine Toten zu bestatten. Die Verstorbenen wurden geschmückt und deren Gräber gekennzeichnet. Diese Akte der Fürsorge, der Trauer und der Hoffnung können als geistige Prozesse gedeutet werden, die ein Heraufdämmern existentieller und metaphysischer Fragestellungen markieren.

30.000 Jahre später, zur Zeit des Homo sapiens, entstanden in Frankreich die ältesten uns bekannten Ritzzeichnungen auf europäischem Boden. Verewigt wurden sie auf rauhen Felsblöcken und steilen, oft überhängenden Felswänden, manchmal auch auf flachen Knochenteilen oder kleinen Steinplatten. Der Inhalt jener ersten Kunst war einschlägig: Schamlippen und erigierte Glieder, üppige Brüste und fette Hinterteile, Paare beim Geschlechtsakt. Erst später stellte man Tier- und Jagdszenen dar.

Die Vergänglichkeit und die Geschlechtlichkeit, die Mysterien des Todes und des überschäumenden Lebens, waren damit die ersten und zentralen Inhalte kultureller Überlegung. Dadurch löste sich der Mensch von seiner ursprünglichen Animalität. Er ging aus ihr hervor, indem er sich seiner Sterblichkeit und seiner Geschlechtlichkeit bewusst wurde und kulturelle Denkmäler und Artefakte hinterließ.

Im Zuge der Bewusstwerdung des Geschlechtlichen kam die Empfindung der Scham ins Spiel, deren Auftauchen im jüdisch-christlichen Schöpfungsmythos beschrieben wurde: Als Eva und schließlich auch Adam vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, da gingen beiden die Augen auf und sie merkten, dass sie nackt waren. Deshalb banden sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schürzen daraus. Als sie das Geräusch der Tritte Gottes hörten, da versteckten sie sich. Gott rief nach Adam: „Wo bist du?“ Der antwortete: „Als ich im Garten das Geräusch deiner Tritte hörte, fürchtete ich mich, weil ich nackt bin. Deshalb habe ich mich versteckt“.

Wie auch immer jener Übergang vollzogen wurde, mit dem Auftauchen der Scham gewann die geschlechtliche Aktivität des Menschen zusätzliche Facetten: Die Erfahrung der Nacktheit, die das Tier nicht kennt, das schreckhafte Verhüllen von Blößen sowie das bewusste Enthüllen und Entblößen mit einer im Zuge der Annäherung entstehenden Angst oder Angst-Lust, die aus der Scham entspringt, wurden zu bestimmenden Elementen menschlichen Empfindens. Nun gab es Verbote, Tabus und Grenzen, und wollte man sich geschlechtlich betätigen, galt es Verbote zu brechen, Tabus zu verletzen und Grenzen zu überschreiten. 

Zu vermuten ist, dass diese neuartige und im Gegensatz zum Tier spezifisch menschliche Situation – die schamhafte Sexualität – auch den Beginn des erotischen Empfindens markiert, da erst die Möglichkeit eines Wechselspiels zwischen Scham und bewusster Schamlosigkeit jene Spannung erzeugt, in der das erotische Empfinden entsteht. „Wir sprechen immer dann von Erotik“, so der französische Literat und Philosoph George Bataille, „wenn ein Mensch sich auf eine Weise verhält, die zu den gewöhnlichen Sitten und Meinungen in betontem Gegensatz steht. Die Erotik zeigt die Kehrseite einer Fassade, deren einwandfreies Äußeres nie in Abrede gestellt wird: Auf der Kehrseite enthüllen sich Gefühle, Körperteile und Gewohnheiten, deren wir uns gewöhnlich schämen.“

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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