04. Mai 2009

Konditionierung Der Fnord am Wannsee

Abseitige Betrachtung eines ehemaligen Untertitels

In der "Illuminatus"-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea werden Kinder bereits in der Schule mit Sätzen wie "Wenn Du den Fnord nicht siehst, kann er dich nicht fressen" darauf konditioniert, beim Lesen und Hören des Wortes "Fnord" Unwohlsein und Verunsicherung zu empfinden, ohne dabei aber das Wort selbst bewusst wahrzunehmen. Während Eingeweihte ("Illuminierte") den Fnord sehen können und somit für die Konditionierung unempfindlich sind, führt die antrainierte Angst bei normalen Lesern dazu, in Meldungen und Berichte eingestreute Fnords unterbewusst auf den Inhalt der jeweiligen Nachricht zu beziehen, wodurch die Verschwörer eine weitreichende Kontrolle über die Bevölkerung erreichen. Der gerade über das Wesen der Fnords aufgeklärte Joe Malik erkennt:

"Das Wesentliche bei der Kontrolle ist natürlich Angst. Die Fnords produzieren eine Bevölkerung in einem chronischen, niedrigschwelligen Alarmzustand, gequält von Geschwüren, Schwächeanfällen, Herzklopfen und all den anderen Symptomen einer Überdosis Adrenalin. All meine Arroganz und Geringschätzung für meine Landsleute verschwand, und ich hatte echtes Mitleid mit ihnen. Kein Wunder dass die armen Schweine alles glaubten, was man ihnen erzählte, Verschmutzung und Überbevölkerung ohne Klage ertrugen, ihre Söhne für endlose Kriege verschleppt und geschlachtet sahen, niemals protestierten, sich niemals wehrten, niemals Glück, Leidenschaft, Neugier oder normale menschliche Gefühle zeigten, mit einem andauernden Tunnelblick lebten, an einem Slum vorbeigingen und weder das menschliche Elend noch die potentielle Gefahr für ihre Sicherheit sahen..."

Selbstverständlich ist die "Illuminatus"-Trilogie nur ein reichlich schriller (aber trotzdem höchst lesenswerter) Roman, und in der Realität gibt es keine Fnords. Wirklich nicht? Der libertäre Anarchist Wilson wollte nicht nur unterhalten, er wollte auch über Methoden der Manipulation, über Kontrolle und Bevormundung aufklären (der in gewissen Kreisen erschreckend weit verbreitete Glaube an die tatsächliche Existenz von Illuminaten zeigt allerdings, dass er einige seiner Mitmenschen gründlich überschätzt hat). Womit wir beim Wannsee wären. Dieser idyllische Flecken am Rande der Hauptstadt dient nicht nur Millionen Berlinern als Ausflugs- und Erholungsziel, sondern war vor fast 70 Jahren auch Schauplatz einer Konferenz hochrangiger NS-Größen, auf der die planmäßige Vernichtung der Juden beschlossen wurde, wie jeder, der in der Bundesrepublik aufgewachsen ist, mindestens dreifach wiederholt in der Schule gelernt hat. Selbst wenn es das einzige ist, was man je über den Wannsee hört, insbesondere in den weiter weg gelegenen Landesteilen.

Der Wannsee ist übrigens ziemlich groß, er erstreckt sich über eine Fläche von fast 3 Quadratkilometern und wer ihn umrunden möchte, hat gut und gerne 20 km Wanderung vor sich. Neben dem bekannten und unter Denkmalschutz gestellten Strandbad Wannsee säumen eine Vielzahl privater und öffentlicher Gebäude seine Ufer, in denen vor und nach der NS-Zeit sicher schon viele Konferenzen und Tagungen stattgefunden haben. Trotz zeitlicher und räumlicher Trennung (die für die Planung der Naziverbrechen genutzte "Villa Marlier" dient heute als Gedenkstätte und steht für Veranstaltungen aller Art nicht zur Verfügung) sollte man aber den Ausdruck "Wannsee-Konferenz" tunlichst vermeiden, denn der gehört -anders als der See- exklusiv den Nationalsozialisten, so wie "Mein Kampf" dem Freistaat Bayern. Zuwiderhandlungen werden in letzterem Fall mit rechtlichen Schritten, im ersteren mit erbosten Kommentaren geahndet.

Doch warum zeugt es von "mangelhaftem Anstand", eine Konferenz am Wannsee als ebensolche zu bezeichnen? Namensbildungen mit Beteiligung von Orten oder Seen sind im Deutschen allgemein üblich und gelten im Regelfall nicht als verwerflich, wie zahlreiche Beispiele ("Lissabonner Verträge", "Schengen-Abkommen") belegen. Es kann also weder am See (harmlos, nur 9m tief, und nach einer Untersuchung des Berliner "Landesamtes für Gesundheit und Soziales" auf Grundlage der EU-Badegewässerrichtlinie sowohl physikalisch-chemisch als auch mikrobiologisch völlig unbedenklich) noch an der Wortbildung liegen.

Die Ursache liegt tiefer, und man kann sie nur verstehen, wenn man den deutschen Fnord sehen kann: Das Hakenkreuz. Ursprünglich in verschiedenen Kulturen mit diversen Bedeutungen (Indien: Sonne, Glück, China: Überfluss, langes Leben, Germanen/Kelten: verzierendes Ornament ohne tieferen Sinn) verwendet, steht das Symbol heute fast exklusiv für die nationalsozialistischen Verbrechen. Anders als bei Wilson ist es in Deutschland strikt verboten, es zu zeichnen, was Zeitschriften wie den "Spiegel" jedoch nicht davon abhält, es regelmäßig zwecks Auflagensteigerung zu benutzen (bei Wilson findet man Fnords überall, außer in der Werbung).

Interessanterweise sind sich dabei sowohl deutsche Behörden als auch Befürworter des Nationalsozialismus über die fast schon mystische Wirkung des Symbols einig. Der US-Nazi Gary "Gerhard" Lauck schreibt bereits 1976 in der Zeitschrift "NS-Kampfruf":

"Der Zauber des Hakenkreuzes, das den Kämpfer zur Heldentat ermutigt, den gesund empfindenden Arier unwiderstehlich anzieht und den Feind mit Angst erfüllt, ist die schärfste Waffe der z.Z. materiell schwachen NS-Bewegung. Wenigstens in der Zeit ihrer Selbstvorbereitung und des organisatorischen Ausbaus ist dies so, d.h. bevor eine große Krise das Volk aus ihrer Lethargie aufrüttelt und es für den Nationalsozialismus reif macht.

„Dank" dem Hakenkreuz-Verbot reicht lediglich die massive Verbreitung bzw. Verklebung des mit dem Hakenkreuz versehenen Propagandamaterials aus, alles auf den Kopf zu stellen. Die Demokraten erschrecken, die Kommunisten schreien, die ganze Presse warnt vor der neuesten „nazistischen Ausschreitung" und das Volk sieht, daß es sich um etwas Ernstes handelt."

Im Gegensatz zu Lauck wird natürlich kein vernünftiger Mensch dem Nationalsozialismus viel Positives abgewinnen können, deswegen wird der Fnord (der nicht nur das Hakenkreuz selbst, sondern eine ganze Reihe weiterer Symbole und Wörter umfasst) im Regelfall umgekehrt, also genau so wie von Wilson beschrieben, verwendet: Schon ein noch so weit hergeholter oder gar völlig ohne Grundlage behaupteter Bezug zum Nationalsozialismus sorgt zuverlässig für das Ende jeder rationalen Diskussion, während der sorgsam antrainierte Reflex die Kontrolle übernimmt. Dass das unmöglich im Sinne von Freiheit und rationaler Betrachtung sein kann, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.

In Wilsons Roman kann man sich selbst von der Wirkung der Fnords befreien, indem man sie bewusst wahrnimmt und das Wort laut ausspricht. Vielleicht ist es an der Zeit, auch den Nationalsozialismus als das wahrzunehmen, was er tatsächlich ist: Ein Staatsverbrechen ersten Ranges, das aber -zum Glück!- schon lange Geschichte ist und dem man deswegen auch keine übernatürliche Wirkung in der Gegenwart zuzuschreiben braucht. Und den Wannsee als großes, bis zu 9 Meter tiefes Badegewässer mit unbedenklicher Wasserqualität, an dem man ohne weiteres freiheitliche Konferenzen abhalten kann.

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