09. Mai 2009

Philosophische Praxis (Vol. 15) Wider den Konstruktivismus

Sein radikaler Kern führt sich selbst ad absurdum

Der radikale Kern des Konstruktivismus besteht in der Annahme, dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert, also jeder Einzelne in einer anderen Wirklichkeit lebt und es somit keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Wirklichkeit gibt. Jede Wahrnehmung sei bloß eine Konstruktion, die sich aus sinnlichen Reizen und den Leistungen des Gedächtnisses ergebe. Keine wissenschaftliche Methode könne folglich die Realität je berühren, keine Theorie die Realität beschreiben. Allgemein gültige Erkenntnis sei demnach prinzipiell unmöglich.

Solches Denken findet sich heute überall, in Teenagerdebatten, bei Technikern, unter Ärzten und in Wissenschaftskreisen rund um die Welt. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern: Alles ist relativ, alles ist subjektiv, alles liegt bloß im Auge des Betrachters. Es ist die philosophische Popkultur, die einem auf Schritt und Tritt begegnet, wie eine Filiale von McDonalds.

Einen Philosophen sollte dies freilich kaum erschüttern. Einerseits weiß er, dass, wenn er sterben sollte, die Relativität ein rasches Ende hat. Dann steht das Absolute vor der Tür. Und andererseits ist es allemal so, dass es einem Philosophen um die Wahrheit geht und gehen muss. Ein Philosoph, der etwas auf sich hält, bemüht sich um die Wahrheit. Das ist sein Kerngeschäft. Verlässt er diesen Kern, ist er nichts anderes als ein Clown.

Echte Philosophen bemühen sich um echte Erkenntnis, das heißt sie wollen die Mauer, die zwischen ihnen und der Realität steht, durchbrechen. Das ist das Ziel. Alles andere ist nicht der Mühe wert. Ein Konstruktivist dagegen wirkt wie ein Raubtier ohne Zähne oder ein Krieger ohne Schwert. Ein Philosoph hingegen kämpft. Sein Schlachtfeld ist das Schlachtfeld der Ideen. Wer dort gewinnt, der gibt der Zeit ihren Takt.

Letzteres würde auch ein Konstruktivist nicht bestreiten. Aber, und das ist entscheidend: Ein Konstruktivist, ein Relativist würde niemals wissen und entscheiden können, welche Ideen tatsächlich die Besseren sind. Das heißt, er würde gar keine besseren Ideen haben – und was noch schlimmer ist: Er würde gar keine besseren Ideen haben wollen. Im Grunde ist das nichts anderes als eine Form der Resignation, eine Art philosophische Hilflosigkeit, Defätismus, vielleicht sogar der intellektuelle Ausdruck einer sterbenden Kultur, die unendlich müde und dekadent geworden ist.

Aber abgesehen davon ist der Konstruktivismus auch logisch nicht zu halten: Er behauptet nämlich, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beruhen. Diese können jedoch, seinen eigenen Aussagen gemäß, keine Gültigkeit haben. Denn ein nicht vorhandener Zugang zur Wirklichkeit kann nicht als Teil der Wirklichkeit erkannt werden, das ist logisch unmöglich. Der Konstruktivismus hat demnach ein Selbstanwendungsproblem. Sein radikaler Kern führt sich selbst ad absurdum.

Deshalb steht nach wie vor offen, ob die Realität erkannt werden kann oder nicht. Und deshalb ist auch das philosophische Bemühen, die Realität tatsächlich zu erkennen und sie in Form von Ideen zu formulieren, keineswegs vergeblich oder vielleicht sogar lächerlich oder naiv, sondern nach wie vor notwendig, wenn man nach Erkenntnis streben will.

Erkenntnis hat also letztlich etwas mit Courage zu tun. Und allemal: Wer die Courage verliert, der hat von vornherein verloren.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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