25. Mai 2009

Philosophische Praxis (Vol. 18) Der Wert der Arbeit

Vom Verdienen und Bekommen

Ob es sich aus lat. arvum, arva (gepflügter Acker) oder aus germ. orbu (Knecht) herleitet, ist im Grunde einerlei: Das Wort Arbeit hatte ursprünglich eine negative Bedeutung, nämlich Mühsal und Not. Ersichtlich wird dies auch an dem slawischen Wort rabota, das aus rab (Sklave) gebildet wurde.

Eine ähnliche Bewertung finden wir in der griechischen Philosophie. „Arbeit und Tugend“, schreibt Aristoteles, „schließen sich gegenseitig aus“. Als Verrichtung des Körpers sei die Arbeit eines freien Menschen unwürdig und hindere ihn an der Muße der Kontemplation.

Auch der jüdische Mythos (Gen. 3, 17-19) wertete die Arbeit als Fluch, als eine Folge der Erbsünde. Zwar traten Evangelien und Christentum dieser Auffassung entschieden entgegen, doch wurde die Arbeit auch noch im Mittelalter als göttliche Schickung betrachtet, in die sich der Mensch zu fügen hat.

Diese Auffassung veränderte sich erst mit dem Auftreten Martin Luthers, der die Arbeit als einen positiven Auftrag Gottes ansah und Kopf- und Handarbeit grundlegend gleich bewertete: „ … und ist eins wie das ander, fallet ab aller Unterschied der Werke ... was ihm fürkommt, das tut er und ist alles wohlgetan“. Luther verstand die Arbeit als Dienst für andere Menschen in einem bestimmten Beruf.

Max Weber, der seinem soziologischen Erkenntnisinteresse entsprechend seine Analyse nicht auf die Weltreligionen selbst, sondern auf dasjenige ethische Verhalten richtete, auf welches Prämien in Form von Heilsgütern gesetzt werden, konnte Jahrhunderte später zeigen, dass der Protestantismus für die Veränderung der Arbeitseinstellung eine wichtige Initialleistung erbracht hat.

Keine der Weltreligionen, so Weber, habe eine derart dezidierte Arbeits- und Berufsmoral entwickelt wie bestimmte Richtungen des asketischen Protestantismus: „Beruf und innerster ethischer Kern der Persönlichkeit sind hier eine ungebrochene Einheit“. Vor allem im Rahmen der calvinistisch-puritanistischen Prädestinationslehre wurden Arbeit und systematisch-rationale Lebensführung (Planung, Voraussicht) zum Zeichen der Bewährung.

Beruflicher Erfolg galt als das sicherste Zeichen von Gottes Gnade. Die prinzipielle Unsicherheit der Erwählung wurde zum Antrieb, den Gnadenstand auch methodisch zu kontrollieren. So wird es wohl kein Zufall sein, dass im protestantischen Deutschland, England und Amerika erstmals eine Vielzahl an Menschen zu anhaltendem Wohlstand und sozialer Sicherheit gekommen sind.

In den modernen Wohlfahrtsstaaten, in denen neuerdings kindliche Vorstellungen eines möglichen Schlaraffenlands zu Tage treten und eine Art Recht auf Faulheit durchgesetzt werden soll, wird Arbeit wieder zunehmend als Fluch und Sklavendienst betrachtet. Der Sozialismus, der mit dem Siegeszug der Demokratie verwirklicht wurde, ist heute längst nicht mehr der Notschrei der gequälten Kreatur, sondern ein wohlig-faules Grunzen geworden, das von einer neofeudalen politischen Funktionärsklasse dirigiert und weiter aufgestachelt wird. Dies könnte in absehbarer Zeit dazu führen, dass Arbeits- und Berufsmoral derart verkommen, dass die Mehrheit der Menschen zwischen Leistung und Wohlstand keine Verbindung mehr erkennen kann, dass der Unterschied zwischen Verdienen und Bekommen völlig in Vergessenheit gerät, was eine kollektive Verelendung zur Folge hat.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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