12. Juni 2009

Philosophische Praxis (Vol. 19) Neofeudalismus

Die gute Nachricht: Er wird zugrunde gehen

Das Wort Feudalismus (frz. féodalité), das wahrscheinlich auf gotisch faihu (Vermögen) zurückgeht, bezeichnete im Frankreich des 18. Jahrhunderts die Gesamtheit der durch Adel, Grundherrschaft und Lehen bestimmten Normen. Die Soziologie des 19. Jahrhunderts führte „Feudalismus“ dann als Gegenbegriff zu „Kapitalismus“ ein und verstand darunter eine Gesellschaftsform, deren Hauptmerkmal ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Großgrundbesitzern und den auf deren Land sitzenden Bauern und Pächtern ist.

Charakteristisch für den Feudalismus war ganz allgemein, dass die Feudalherrn, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, sich des politischen Mittels bedienten. Sich des politischen Mittels zu bedienen bedeutet, sich mit Hilfe von Gesetzen und unter Androhung von Gewalt einen Teil dessen anzueignen, was von anderen Menschen mit Hilfe des ökonomischen Mittels erarbeitet wurde. Die Feudalherrn lebten demnach von der Arbeit anderer. Das Mittel, dessen sie sich dabei bedienten, war ein politisches, d.h. es beruhte auf Zwang.

Diesen Zwang gibt es heute immer noch, vielleicht mehr denn je, so dass man durchaus von einem Neofeudalismus sprechen kann. Die Anführer der Neofeudalen sind die Vertreter des derzeit herrschenden Systems, das heißt Politiker, hohe Beamte, Gewerkschafter und Kammervertreter, die das politische Einkommen festlegen und durchsetzen. Ihre Anhänger finden sich vorwiegend bei jenen, die den Staat als einzige Einkommensquelle haben und für die jene „wohlerworbenen Rechte“ eine Überlebensfrage sind. Anführer wie Anhänger sind demnach Staatsbenefiziare, das heißt Empfänger von staatlichen Apanagen, mit deren Hilfe sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Legitimiert wurde der Feudalismus ursprünglich als göttliche Ordnung. Heute legitimiert sich der Neofeudalismus durch eine religiös überhöhte Staatsgläubigkeit. Und so wie die klassischen Feudalherrn das Mäzenatentum für sich in Anspruch nahmen, haben die heutigen Neofeudalen die „soziale Frage“ für sich gepachtet, das heißt sie sind Gutmenschen, die aber ausschließlich auf Kosten anderer gut sein können und es demnach gar nicht sind.

Was seine Ausbeutungsquote betrifft, so hat der Neofeudalismus seine ideologischen Vorläufer längst überrundet. Gab es zur Zeit des klassischen Feudalismus bereits Bauernaufstände wegen 15 Prozent Zehent und lag die Staatsquote gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch bei sieben Prozent, so sieht Herrschaft heute ganz anders aus. Mittlerweile beträgt die Staatsquote an die 50 Prozent. Und es fragt sich: Wie hoch muss sie eigentlich noch werden, damit die Angst der Neofeudalen vor dem Hungertuch gebannt ist.

Historisch betrachtet war es der Liberalismus, der erstmals gegen den Feudalismus auftrat und ihn aufbrechen wollte. Dies erklärt, warum jene, die heute auf die (Neo-) Liberalen schimpfen, ausschließlich aus der Ecke der Neofeudalen kommen. Die ängstliche Wut der Neofeudalen gleicht der wütenden Angst der klassischen Feudalherrn aufs Haar. Diese Wut ist der alte Reflex gegen den Liberalismus, der die parasitäre Existenz der Feudalen schon damals in Frage stellte.

Die gute Nachricht: Feudalismus funktioniert nur dann, wenn es wenige Feudalherren und viele Auszubeutende gibt. Der Neofeudalismus hingegen wird auf Grund der Menge der Feudalherrn notwendig zu Grunde gehen. So viele Pfründe gibt es nicht.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Eugen Maria Schulak

Über Eugen Maria Schulak

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige