07. Juli 2009

Bing "Freiwillige" Selbstverstümmelung

Staatlicher Druck, nicht politische Korrektheit aus freien Stücken

In seinem Artikel "Bing: Der Klick nach links" beschreibt ef-Redakteur Christian Dorn einige Merkwürdigkeiten im Zusammenhang mit Ergebnissen von Microsofts neuer Suchmaschine "Bing". Beispielhaft genannt wurde die Suche nach der "Jungen Freiheit", deren Webseite in der Deutschland-Ausgabe (dazu gleich mehr) schlichtweg nicht gefunden werden kann. Beschäftigt man sich näher mit Bing, fallen allerdings noch weitere Ungereimtheiten auf: Während beim Suchbegriff "Junge Freiheit" immerhin noch Seiten angezeigt werden, die die genannten Wörter enthalten (und über die man auch recht schnell zur Jungen Freiheit findet), erscheint bei der Suche nach dem bekannten Nazi-Barden Frank Rennicke statt einem Ergebnis der folgende Hinweis:

"Der Suchbegriff frank rennicke führt möglicherweise zu sexuell eindeutigen Inhalten."

Nun mag der eine oder andere die rechtsradikale Lagerfeuerromantik des Herrn Rennicke vielleicht tatsächlich als antörnend empfinden, für die große Mehrheit dürfte das aber eher nicht zutreffen. Immerhin macht Microsoft es den Benutzern von Bing sehr leicht, die Ergebnisse verschiedener landesspezifischer Suchen zu vergleichen - entweder, indem man direkt den jeweiligen Landescode an die Such-URL anhängt ("&setmkt=en-US"), oder indem man das gewünschte Land über die Auswahl rechts oben auf der Seite einstellt.

Mit diesem Wissen ist es nicht schwer, die Bing-Ergebnisse zur Jungen Freiheit selbst zu überprüfen:
"junge freiheit" (über Bing Deutschland)
"junge freiheit" (über Bing Schweiz)
"junge freiheit" (über Bing Österreich)
"junge freiheit" (über Bing USA)

Wie der Vergleich zeigt, wird die Junge Freiheit nur in Deutschland, nicht aber im deutschsprachigen Ausland (und auch nicht in den USA) gefiltert. Dort findet man auch Frank Rennicke und sogar den Erzbösewicht Gary "Gerhard" Lauck, der über seine "NSDAP-Auslandsorganisation" seit Jahren von den USA aus Verfassungsschützer und Gutmenschen mit eindeutig rechtsextremen Botschaften und sonstiger NS-Folklore provoziert.

Was geht hier vor? Wer die Antwort verstehen will, muss bis zum Februar 2005 zurückgehen. Damals wurde nämlich, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ein höchst problematisches Zensursystem eingeführt, das unter dem harmlos klingenden Namen "Freiwillige Selbstkontrolle Suchmaschinen" daherkommt. Wobei es mit der Freiwilligkeit nicht weit her gewesen sein dürfte: Unter dem Vorwand des Amoklaufs von Erfurt wurden zu jener Zeit vor allem Film- und Computerspielproduzenten mit massiv verschärften Jugendschutzvorschriften überzogen. Es ist davon auszugehen, dass die sechs großen Provider und Suchmaschinenanbieter (neben Google und Microsoft auch AOL, Lycos, Yahoo und T-Online) weniger aus Verständnis für die eigenartigen deutschen Vorstellungen von Jugendschutz (die in dieser strengen Form in keinem anderen Land der Welt existieren) als vielmehr in einer Art Notwehr gehandelt haben, um einer gesetzlichen Regelung, die im Zweifel noch viel ungünstiger ausgefallen wäre, zuvorzukommen.

Dies immerhin gelang, aber nur um den Preis einer Verpflichtung zur umfassenden Selbstzensur. Von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf einer geheimen Liste gesammelte URLs und Suchbegriffe sollten in Zukunft aus den Ergebnissen ausgeblendet werden - ein ursprünglich von der Bertelsmann Stiftung ausgearbeitetes Konzept, das seit nunmehr gut vier Jahren dafür sorgt, dass auch Erwachsene auf der Suche nach einschlägigen Seiten wie youporn.com höchstens noch einen Hinweis auf "aus rechtlichen Gründen" unterdrückte Suchergebnisse finde. Dafür -und für die bequeme Möglichkeit, mit drei Klicks die Ergebnisse verschiedener Länder zu vergleichen- sollte man Google immerhin dankbar sein, macht es doch das klandestine Zensurverfahren wenigstens ein wenig transparenter.

Mittlerweile befinden sich übrigens laut Wikipedia 1355 Angebote sowie ein Flugblatt auf der Liste. Welche das neben den eher zufällig bekannt gewordenen Fällen (z.B. youporn, die Webseite eines kanadischen Piercing-Magazins sowie ein Blog zum Thema Magersucht) sind, weiss niemand so genau, denn die Liste wird ja nicht veröffentlicht - für die Verantwortlichen sehr praktisch, erspart man sich dadurch doch eine öffentliche Diskussion sowie kritische Nachfragen. Letztere wären zwar prinzipiell "für einzelne Seiten" möglich, aber dazu müsste man die betreffende Seite bereits kennen. Und über Suchmaschinen findet man sie ja nicht...

Zurück zu Bing und der Jungen Freiheit: Sehr wahrscheinlich sagt Microsoft-Pressesprecher Thomas Baumgärtner also die Wahrheit, wenn er "technische Probleme" für die fehlenden Ergebnisse verantwortlich macht. Konkret dürfte es wohl das sogenannte "BpJM-Modul", also der Zensurfilter auf Basis des geheimen Index verbotener Webseiten sein, der (noch) nicht komplett auf die neue Suchtechnik umgestellt worden ist. Wobei dieser zumindest nach offizieller Lesart nur "rote", nicht aber "gelbe" oder "grüne" Einstufungen kennt.

Wer erwachsen ist und nicht einen Teil der (virtuellen) Realität ausgeblendet bekommen möchte, dem bleibt jedenfalls bis auf weiteres nichts anderes übrig, als auf die österreichische oder schweizerische Variante von Bing umzusteigen. Oder öfters mal alternative Anbieter zu nutzen - eine bequeme Möglichkeit dazu ist die holländische Meta-Suchmaschine "ixquick", die die Ergebnisse verschiedener Suchmaschinen zusammenführt und in einem übersichtlichen Format darstellt.

Internet


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