10. Juli 2009

Philosophische Praxis (Vol. 24) Was heißt „sozial“?

Die Bedeutung eines Wieselworts

Bismarcks Bemühungen, im deutschen Reich einen Staatssozialismus zu etablieren, wurden zur ideologischen Basis des modernen Sozialstaats und hatten zur Folge, dass sich das Adjektiv „sozial“ über die Welt verbreitete. Heute nimmt dieses Wort in unserem moralischen wie politischen Sprachschatz eine Schlüsselrolle ein. Doch was heißt „sozial“?

Einerseits, so Friedrich A. von Hayek, beschreibt dieses Wort all jene Erscheinungen, die durch die verschiedenen Arten des Zusammenwirkens von Menschen erzeugt werden. Dies ist die faktische Bedeutung. Andererseits beschreibt es aber auch Handlungsweisen, die die entsprechenden Ordnungen begünstigen beziehungsweise ihnen dienen. Aus dieser zweiten, der normativen Bedeutung, „wurde mehr und mehr eine Ermahnung, eine Art Leitwort [...], das heute als Bezeichnung des moralisch Richtigen zunehmend das Wort ‚gut‘ verdrängt“. Das, was zunächst wie eine Beschreibung aussah, wurde unmerklich zur Vorschrift.

Die praktische Wirkung dieses Wortes sei weitgehend klar: Erstens, so Hayek, suggeriere es die Vorstellung, dass das, was eine spontane und natürliche Ordnung geschaffen habe, in Wirklichkeit das Ergebnis bewusster menschlicher Schöpfung sei. Zweitens, und daraus folgend, reize dieses Wort die Menschen, etwas neu oder in veränderter Form zu entwerfen, was sie selbst gar nicht hätten entwerfen können. Und drittens habe dieses Wort die Macht erlangt, jene Hauptwörter, mit denen es sich verbindet, ihrer Bedeutung zu entkleiden.

Was den dritten Punkt anbelangt, so Hayek, sei das Adjektiv „sozial“ das krasseste Beispiel dafür, was manche Amerikaner als „Wieselwort“ bezeichnen. Wieselwörter können – so wie ein Wiesel angeblich imstande ist, ein Ei auszusaugen, ohne eine Spur an diesem Ei zu hinterlassen – jedem Wort, dem sie vorangestellt werden, seinen Inhalt nehmen, während sie es scheinbar unverändert lassen.

So ist etwa eine Versicherung, die ich freiwillig zum Schutz meiner Person oder meines Eigentums abschließe, etwas grundsätzlich anderes als eine Sozialversicherung, die auf staatlicher Erpressung beruht. Ein Rechtsstaat ist etwas grundsätzlich anderes als ein sozialer Rechtsstaat, in dem das öffentliche Recht das Privatrecht dominiert. Und eine Marktwirtschaft hat mit den Regeln, die in einer sozialen Marktwirtschaft gelten, nur mehr sehr wenig zu tun. Fazit: Das Attribut „sozial“ hat die Begriffe „Versicherung“, „Rechtsstaat“ und „Marktwirtschaft“ inhaltlich entstellt.

Die übelste Wirkung, so Hayek, habe das Wort „sozial“ in der Wendung „soziale Gerechtigkeit“, da diese suggeriere, dass Gerechtigkeit nur dann herrsche, wenn Einkommensunterschiede mit Hilfe staatlicher Verordnungen vermindert oder beseitigt werden. Dieser Ruf nach „Verteilungsgerechtigkeit“ – dass jeder Einzelne nur das bekommen soll, was er moralisch verdient – sei insofern sinnlos, als sich moralisches Verdienst nicht objektiv bestimmen lasse. Niemand könne die Größe des Beitrags des Einzelnen zum Gesamtwohl feststellen, weshalb man die Bestimmung der Belohung den Marktmechanismen überlassen müsse.

Erfolg basiere auf Ergebnissen, nicht auf Motiven. Der Neid derjenigen, die sich genauso bemüht haben, aber keine Ergebnisse erzielen konnten, sei durchaus verständlich, aber kein zureichender Grund dafür, etwas auf Kosten der Allgemeinheit zu fordern.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Eugen Maria Schulak

Über Eugen Maria Schulak

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige