25. August 2009

Philosophische Praxis (Vol. 28) Metaphysik

Wütend, maßlos, ewig

Herakleitos von Ephesos, einer der bedeutendsten Denker der vorsokratischen Zeit, versuchte den geistigen Gehalt des Kosmos zu verstehen. Er nannte ihn „Logos“ – sinnerfülltes Wort, vernünftige Rede, Weltvernunft und Weltgesetz – manchmal auch „Blitz“, „Feuer“ und „Verhängnis“. All diese Worte standen für eine ordnende Kraft, welche die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, für das grundlegende Prinzip, das die Natur – gr. physis – strukturiert und demnach metaphysisch übersteigt.

Die Welt, so Herakleitos, ist ewiger Prozess. Bewegung und Wechsel, Krieg und Vergänglichkeit prägen ihr Erscheinungsbild. Dennoch ist in allem Logoshaftes, „erglimmend nach Maßen und erlöschend nach Maßen“. Dem Menschen, als einem Bestandteil der vom Logos strukturierten Welt, ist es gegeben, den Gesamtprozess allmählich zu verstehen. Zwar ist es keineswegs ein Leichtes, all die Rätsel der Natur zu lösen, doch da der Logos ausnahmslos in allem wirkt, können wir kraft des Logos sowohl die Natur als auch uns selbst enträtseln.

Am Anfang, so auch Anaxagoras, stand der Geist. Er ist die Ursache von allem wie Ursprung seiner selbst, und „über alles, was nur Seele hat, über die größeren wie die kleineren Wesen, hat er die Herrschaft“. Denn er ist „selbstherrlich“ und ist „vermischt mit keinem Ding, sondern allein, selbständig und für sich. Er ist das feinste aller Dinge und das reinste, besitzt von allem Kenntnis, hat die größte Kraft. Und alles, was war, alles, was jetzt ist und was noch sein wird, ordnete er an“.

Seine Selbstherrlichkeit zeigt sich für Anaxagoras darin, dass er sich selbst den Menschen zum Geschenk macht, nämlich in Form ihrer Vernunft. Dieses Geschenk – also er selbst – bewirkt das allmähliche Erkennen der vernünftigen Struktur der Welt, welche wiederum er selbst ist. Als Gipfelpunkt seiner Selbstherrlichkeit hat der Geist sich demnach ein Publikum geschaffen, das ihm von den ersten Rängen her andauernd applaudiert. Philosophie ist demnach letztlich nichts anderes als Gottesdienst.

Mehr als 2000 Jahre später schreibt Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel, dass wahrhafte Philosophie „Gehalt“ haben müsse und nicht die menschliche Beschränktheit auf ihre Fahnen heften dürfe. Philosophie hat „den Zweck, die Wahrheit zu erkennen, Gott zu erkennen, denn er ist die absolute Wahrheit; insofern ist nichts anderes der Mühe wert“. Philosophie muss „über das Endliche zum Unendlichen“ hinausgehen und den „Sprung“ wagen, der allein das Denken ist. „Das Wahre ist das Ganze“ – wer sich mit weniger begnügt, ist auf dem falschen Weg.

Metaphysik ist demnach schöpferische Philosophie: Sie ist die Suche nach dem alles enthaltenden und alles erhaltenden Kern, nach der von allen Dingen gelösten und alle Dinge erst lösenden Abstraktion. Sie ist das Trachten nach dem Überbegriff, der alles durch alles erleuchtet; die Begierde nach einer Wortskulptur, welche den Blick aufs Ganze freigibt. Sie ist die Sehnsucht nach Homogenität; die Phantasie, dass unser Denken an einem Punkt zusammenfließt; der Wunsch, dass dieses Eine die Welt endlich plausibel und erklärbar macht. Sie ist die wütende, maßlose Frage nach dem Ewigen, Grundlosen, in sich selbst Ruhenden, sich selbst Bejahenden, die Frage nach dem wahren Sein des Seienden, dem Absoluten. – Metaphysik ist Philosophie an der Kippe.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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