14. Oktober 2009

Frankfurter Buchmesse, Gastland China Brüder

Rezension eines chinesischen Romans

Milliardär und Glatzkopf Li sitzt auf seiner goldenen Toilette und fragt sich, warum er so einsam ist. Sein Stiefvater Song Fanping, nicht nur körperlich der Größte und deswegen beste Basketballspieler der kleinen Stadt Liuzhen nahe Shanghai, sondern auch liebevoller Ehemann und humorvoller Vater, kam in den Wirren der Kulturrevolution ums Leben. Sein Stiefbruder Song Gang, nicht nur der bestaussehende Mann Liuzhens, sondern auch belesen, fleißig, treuherzig und anständig, kam in den Wirren um die Privatisierung der Staatsunternehmen ums Leben. Die Besten sterben früh – so die Botschaft des neusten Romans von Yu Hua. Egal ob in der Kulturrevolution, die den geschichtlichen Hintergrund des ersten Teils von „Brüder“ bildet, oder im Kapitalismus, der den Hintergrund des zweiten Teils bildet. Nur Glatzkopf Li wird immer reicher.

In seinen bisher auf Deutsch erschienenen Romanen „Leben“ und „Der Mann, der sein Blut verkaufte“ stellt Yu Hua, Stargast auf der Frankfurter Buchmesse 2009, jeweils eine Person in verschiedene Abschnitte der modernen chinesischen Geschichte. Aufgrund Yu Huas lustiger Ideen und seines klaren Stils ist das stellenweise sehr unterhaltsam. In „Brüder“ geht Yu Hua wieder nach diesem bewährten Muster vor. Nur beschränkt er sich nicht auf die (Stief-) Brüder Song Gang und Glatzkopf Li. Es treten auch Dichter Zhao und Schriftsteller Liu, Schmied Tong, Schneider Zhang, Messerschleifer Guan, Zahnzieher Yu, Eisverkäufer Wang sowie Mutter Su auf – und alle werden in jedem Abschnitt „durchdekliniert“.

Das gilt auch für die Beschreibung der Geschäfte, die Glatzkopf Li immer reicher werden lassen. Der an sich lustige Abschnitt, als er gebrauchte Anzüge aus Japan importiert und damit eine Revolution der Herrenmode auslöst, wird so über zehn Seiten lang und langweilig. Und der sowieso geschmacklose Abschnitt, als Glatzkopf Li einen Jungfrauen-Schönheitswettbewerb veranstaltet und damit einen Handel mit künstlichen Jungfernhäutchen in Gang bringt, ist über 50 Seiten lang und geradezu unerträglich.

Trotz dieser ausufernden Länge seines Romans vergisst Yu Hua zu erwähnen, dass im heutigen China ein Glatzkopf Li niemals durch „marktwirtschaftliche Geschäfte“ ein Milliardär hätte werden können – denn in China herrscht nicht der Kapitalismus, sondern ein System, das die Politikwissenschaftler „administrativen Markt“ nennen und das in der Umgangssprache „Kaderkapitalismus“ heißt. So ist denn auch die ganze Schilderung von Glatzkopf Lis Aufstieg vom Petitionär und Müllsammler bis hin zu einem der reichsten Menschen der Welt völlig ungläubwürdig.

Im Nachwort schreibt Yu Hua, dass „Brüder“ ursprünglich nur ein Fünftel so lang werden sollte. Für den Roman wäre das besser gewesen. Dem Leser, der das Buch nun schon gekauft hat, sei empfohlen, es nach dem ersten Teil, der etwa ein Drittel ausmacht, wegzulegen.

Internet

Brüder: Roman


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