15. Oktober 2009

Frankfurter Buchmesse, Gastland China Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt

Rezension eines chinesischen Romans

In Guanzhuang stehen Dorfwahlen an. Die Dorfvorsteherin Kong Fanhua hat schon ihre Stellung als Parteisekretärin verloren, weil ein alter Mann aus ihrem Dorf gestorben ist und ohne die vorgeschriebene Einäscherung heimlich begraben wurde. Nun haben Nachbarn bemerkt, dass die Bäuerin Yao Xuedai seit zwei Monaten keine blutigen Binden mehr auf dem gemeinsam benutzen Plumpsklo hinterlassen hat. Yao Xuedai hat aber schon zwei Töchter. Ihr Bauch gehört nicht zu den 37 Bäuchen des Dorfs, denen „es von Gesetz wegen erlaubt ist, anzuschwellen“. Deswegen muss Kong Fanhua jetzt auch noch um ihre Nominierung zur Dorfwahl bangen. Ihr mühsamer Kampf gegen die Zeit beginnt.

Sehr gut gelingt dem Autor Li Er die Darstellung dessen, was am Besten mit dem Begriff „chinesische Beziehungsnetzwerke“ bezeichnet wird. Egal ob alle Schüler in Guanzhuang eine Ausgabe des „Englisch Konversation in 300 Sätzen“ kaufen müssen, weil sich das Buch des Neffen des Kreisparteisekretärs bisher schlecht verkaufte, oder ob von dem Geld lieber die Inspektoren des Schulamts eingeladen werden sollen: Es gibt nichts, was ohne Rücksicht auf „besondere Interessen“ entschieden werden könnte.

Auch die Dorfvorsteherin Kong Fanhua hat keine eigenen Entscheidungsspielräume und würde, obwohl „demokratisch gewählt“, sofort aus dem Amt entfernt, wenn sie die Anweisungen von oben nicht umsetzte oder sich auch nur einmal in Bezug auf das „Beziehungsgeflecht“ verkalkulierte.

„Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“ ist laut Behauptung des Regisseurs, der das Buch verfilmte, der Lieblingsroman der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie soll das Buch bei ihrem letzten Staatsbesuch sogar dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao zum Geschenk gemacht haben. Leider nur auf Deutsch.

Schade. Denn die deutsche Übersetzung ist oft sehr holperig – ein Satz passt nicht zum vorherigen, oft ist nicht klar, wer denn jetzt mit „er“ oder „sie“ gemeint ist, und chinesische Redewendungen werden mal wörtlich, mal sinngemäß wiedergegeben. Das ist verwirrend und macht das Lesen recht mühsam.

Ein hochrangiger Diplomat von der Deutschen Botschaft in Peking will andererseits von so einem Geschenk nichts wissen und sagt, er wüsste nur, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den Autor Li Er gesprochen hätte. Naja, was man eben auf Staatsbesuch so macht, um in Deutschland erzählen zu können, man habe sich in China für die Menschenrechte (Meinungsfreiheit) eingesetzt und gleichzeitig die chinesischen Gastgeber nicht zu verärgern. Ein Treffen mit einem Mittelklasse-Romancier mag da tatsächlich die beste Wahl sein.

Internet

Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt: Roman


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