16. Oktober 2009

Frankfurter Buchmesse, Gastland China Die umzingelte Festung

Rezension eines chinesischen Romans

„Westler sind auf andere Weise hässlich als Chinesen: Chinesen sind hässlich als wäre ihr Schöpfer faul gewesen und hätte Material beiseite geschafft, als hätte er seine Arbeit lieblos und schlampig verrichtet. Westler sind hässlich, als hätte ihr Schöpfer seinem bösen Willen Ausdruck verliehen, als habe er sich über ihre Gesichtszüge lustig gemacht. Ihre Hässlichkeit hat Methode“, beobachtet Fang Hongjian.

Ein für den Roman sehr typisches Zitat. Auch konservative konfuzianische Gelehrte und deren abergläubische Ehefrauen, verwestlichte neureiche Kaufleute und deren verwöhnte Kinder, eitle und arrogante Intellektuelle, primitive und ungebildete Bewohner der Inlandsprovinzen – in „Die umzingelte Festung“ kommt niemand ungeschoren davon. Fang Hongjian, die Hauptfigur selbst, war zwar in der Schule der Zweitbeste, sieht recht gut aus, macht lustige Beobachtungen und geistreiche Bemerkungen, ist aber gleichzeitig passiv und in nichts so richtig gut. Diesen Unzulänglichkeiten ist er sich durchaus bewusst, aber dagegen machen kann er auch nichts: Der Roman beginnt damit, dass er sich in Deutschland einen gefälschten (amerikanischen) Doktortitel kauft und in das China des Zweiten Weltkriegs zurückkehrt. Dort versucht er, in einer Gesellschaft, die sich gerade am Wendepunkt zwischen „traditionell chinesisch“ und „modern westlich“ befindet, seinen Platz zu finden.  

Der Autor Qian Zhongshu (1910–1998) war einer der größten Gelehrten des vorigen Jahrhunderts. Auch ohne den „richtigen“ Klassenhintergrund – sein Vater war ein berühmter Konfuzianer – und ohne die richtige politische Einstellung – in seinem Roman spielen die Kommunisten überhaupt gar keine Rolle – wurde er später zum offiziellen Übersetzer der „Mao-Bibel“ beordert. Auch das konnte ihn aber in der Kulturrevolution nicht vor Verfolgung schützten. Sogar seine 1958 veröffentlicht „Ausgewählte und kommentierte Sammlung von Gedichten der Song-Zeit“ wurde als „nicht ausreichend marxistisch“ kritisiert. Und das, obwohl Qian Zhongshu in einem Interview 1988 sagte, das Buch sei nur ein „beschämender Kompromiss zwischen seinem eigenen Geschmack und der damals in akademischen Kreisen herrschenden Atmosphäre“. Qian Zhongshu verlegte sich schließlich darauf, nur noch in klassischem Chinesisch zu schreiben, was die Roten Garden nicht lesen konnten. So blieb „Die umzingelte Festung“ leider Qian Zhongshus einziger Roman.

Vor allem sein differenziert-unparteiischer Blickwinkel und die witzig-ironischen Schilderungen – so wird Fang Hongjians Familie auf ihrer Flucht nicht von der japanischen Besatzungsarmee, sondern von desertierten chinesischen Soldaten ausgeraubt – heben den Roman aber über alle modernen chinesischen Romane hinaus. Auch 60 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung.

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Die umzingelte Festung


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