22. Oktober 2009

Philosophische Praxis (Vol. 34) Über Vorurteile

Eine Verteidigung

Die Theorie der Vorurteile wurzelt in der Vorstellung Ciceros, dass es sich bei einem Vorurteil (praeiusticium) um eine überstürzte Meinung handle. Diese Auffassung wurde im Rahmen der englischen Aufklärung auf die Spitze getrieben, so dass letztlich jede Meinung, die einem natürlichen Verstand entspringe, als überstürzt zu betrachten sei. Ein sich selbst überlassener Verstand, so Francis Bacon, gleiche einem unsauberen Spiegel, der die Realität stets verzerrt wiedergebe.

Immanuel Kant konnte dann zwischen Vorurteilen und bloß vorläufigen Urteilen unterscheiden. Letztere seien zwar ebenso rein subjektiv, würden jedoch vom Bewusstsein getragen, eben bloß vorläufige und nicht endgültige Urteile zu sein. Ein Vorurteil hingegen sei ein vorläufiges Urteil, das fälschlich für ein endgültiges Urteil angesehen wird.

Im Vorfeld der Französischen Revolution betrachtete man Vorurteile nicht mehr im Rahmen der Erkenntnistheorie, sondern der Sozial- und Religionskritik. „Préjugé“ wurde zur Modevokabel und politischen Allzweckwaffe, mit der die Tradition entmachtet werden sollte. So benutzte auch Kant den Begriff Vorurteil vor allem im Hinblick auf den Standpunkt eines „generalisierten Anderen“, den es im Denken zu berücksichtigen gilt. Frei von Vorurteilen sei demnach nur derjenige, „dem es leicht wird, die Sache aus einem ganz anderen Gesichtspunkt zu betrachten“, der seinen „logischen Egoismus“ hintanstelle und ihn sozial relativiere.

Bis heute versteht man deshalb unter Vorurteilen vor allem negative Einstellungen gegenüber bestimmten Personengruppen oder Sachverhalten, die durch politisch korrekte, das heißt „richtige“ Urteile zu ersetzen sind. Dass diese ebenso Vorurteile sein können, wird nicht mehr weiter reflektiert. Politisch verordnete Antidiskriminierungsprogramme haben den Zweck, das Nachdenken über Unterschiede im menschlichen Denken und Handeln zu unterbinden. Das bedeutet, dass das Denken selbst diskriminiert wird beziehungsweise Denkverbote verhängt werden, eine Tradition, die sich direkt von den Ideen der Französischen Revolution über den Sozialismus bis zu den Wohlfahrtsstaaten von heute verfolgen lässt.

Es ist ein Verdienst Hans Georg Gadamers, im Rahmen der philosophischen Hermeneutik und im Anschluss an Martin Heidegger gezeigt zu haben, dass jeder Erkenntnisvorgang prinzipiell von einem Vorurteil ausgehen muss. Jedes Verstehen bleibt von der „vorgreifenden Bewegung des Vorverständnisses dauerhaft bestimmt“, und zugleich ist alles Verstehen immer auch die „Reflexion eines gegebenen Vorverständnisses“. Wann immer ich etwas oder jemanden verstehen will, gehe ich mit einem bestimmten Vorverständnis an die Sache oder an den Menschen heran. Wie immer der weitere Prozess des Verstehens auch aussehen mag, das Ergebnis wird stets vom Vorverständnis mitbeeinflusst sein.

Ein leeres Erkenntnissubjekt, das objektive Daten empfängt, ist demnach nicht denkbar. Das fragende Subjekt ist niemals leer. Dies habe jedoch nichts mit einer „Befangenheit in Vorurteilen“ zu tun, sondern die Vorurteile des Einzelnen seien in Wahrheit „weit mehr als seine Urteile die geschichtliche Wirklichkeit seines Seins“. So gesehen wäre es durchaus stimmig, einen Menschen ohne Vorurteile als einen Menschen ohne Vergangenheit und Zukunft und folglich auch ohne Geist zu betrachten.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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