30. Oktober 2009

„Angemessene Zinsraten“ für den sozial korrekten Healthcare-Bereich Auf der Suche nach der Wahrheit über die Mikrofinanz

Erlebnisbericht von der Jahrestagung der China Association for Microfinance

Eingeladen war ich nicht, aber eine chinesische Bekannte leitete mir das Programm der Jahrestagung der China Association for Microfinance weiter. Weiß man erst einmal, wo die Tagung stattfindet, lässt sich eine fehlende Einladung leicht dadurch ersetzten, dass man dreinschaut als spräche man nur Französisch und suche in der Menge seine Bekannte (180 RMB Tagungsgebühr gespart). Für andere Länder weiß ich das nicht, aber zumindest in China und für westliche Ausländer ist das so.

Die ersten beiden Vorträge von Regierungskadern aus Bankenaufsicht und Zentralbank waren unergiebig. Es ging darum, wie oft im letzten Jahr in Papieren des Politbüros das Wort „Mikrofinanz“ aufgetaucht sei (sechs Mal), dass es Steuererleichterungen, Verwaltungskostensubventionen und 127 registrierte Mikrofinanzorganisationen gäbe und es in drei Jahren zehn mal so viele sein werden. Als dritter Redner sprach der Friedensnobelpreisträger von 2006, Muhammad Yunus. Zunächst einmal darüber, wie sehr er sich freue, so viele alte Bekannte, die er bereits in Bali, Mexiko, und Madrid getroffen habe, wieder zu sehen. Und wie sehr er sich darauf freue, sie nächstes Jahr in Nairobi wieder zu sehen...

Als er so weit gekommen war, wurde Yunus von einem militanten Klimaschützer, der sich wegen der laschen Sicherheitsvorkehrungen hatte einschleichen können, kohlendioxidemissionsarm mit einer Armbrust erscho... nein, nein, natürlich nicht. Er erzählte vielmehr, dass er im Januar 2008, während des Höhepunkts der Finanzkrise, in New York (im Stadtteil Queens) eine Grameen-Bank gegründet und innerhalb von 18 Monaten 1.500 Kundinnen gewonnen habe. Draus schloss er, dass auch Peking Mikrofinanzinstitutionen bräuchte. Denn der Zugang zu Finanzdienstleistungen sei ein Menschenrecht, und China stünde es nicht gut zu Gesicht, wenn Menschen von dem Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen blieben. Anscheinend war es sowohl in den USA als auch in der südwestchinesischen Provinz Sichuan ein Problem gewesen, die Genehmigung zur Annahme von Spareinlagen zu bekommen... Zum Schluss ging Yunus auf Pläne ein, „social business“ im „healthcare“-Bereich zu gründen und nährstoffreichen Joghurt kostengünstig herzustellen.

Weil Du Xiaoshan von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften anschließend aufgefallen war, dass nicht alle Tagungsgäste während des Vortrags ihre Kopfhörer aufgehabt hätten und er deswegen das alles noch einmal wiederholte, blieb leider nur Zeit für zwei Publikumsfragen. Die erste drehte sich um die Definition des Begriffs „social business“, wie ihn irgendein chinesischer Doktor der Sozialwissenschaften gebrauche, und dauerte fünf Minuten. Die zweite wurde von einem jungen chinesischen Teilnehmer in sehr schlechtem Englisch gestellt (womit man die Dolmetscher in ihren Kabinen immer schön zur Verzweiflung bringen kann) und drehte sich darum, ob Yunus in seiner Sichuaner Bank noch Positionen als Manager zu vergeben hätte…

Danach war zehn Minuten Pause, kaum genug, um sich ein zweites Mal an der Schlange für Gebäckstückchen anzustellen (und dafür 180 RMB!). Nach der Pause gab es Präsentationen zu den Themen „Einfluss der Finanzkrise auf die Mikrofinanz“, vollste PowerPoint Folie mit 147 chinesischen Schriftzeichen, und zu „Angemessenen Zinsraten“, welche den Rekord noch einmal um 228 Zeichen heraufschob, was selbst für chinesische Verhältnisse bemerkenswert klein gedruckt war. Anschließend sprach Cai Yu, auf den ersten Blick als Frauenverband-Kaderfrau zu erkennen. Als sie von ihrem Blatt ablas, dass Frauen „eine wichtige Kraft bei der Entwicklung der Gesellschaft“ sind, wurde allerdings auch sie standrechtlich erschossen.

Trotz dieses (Un)glücksfalls zeigte sich der Moderator bei der Zusammenfassung sehr zufrieden. Er freute sich, dass so viele Teilnehmer gekommen seien, noch dazu so viele junge Leute, die dann auch noch auf Englisch Fragen stellten – das beweise doch, dass die Mikrofinanz ein aufstrebender Bereich sei. Bevor Yunus nun aufgrund seines engen Zeitplans gehen müsse, wolle man ihm aber noch ein Abschiedsgeschenk überreichen. Es handelte sich dabei um die „nachhaltigen Wirkungen“ eines Frauenverbands-Mikrokreditprojekts in der Provinz Shaanxi, zwei kleine Stickereien hinter von Vielfliegern so geschätzten Glasrahmen. Anschließend verließ die Hälfte aller Teilnehmer die Tagung, um sich mit Yunus in der Hotel-Lobby zu fotografieren. Ich nutzte das Durcheinander, um mich vor der Rushhour auf den Weg nach Hause zu machen.


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