02. November 2009

Philosophische Praxis (Vol. 35) Urteile und Vorurteile

Wo man nicht die Straßenseite wechseln muss…

Urteile wie Vorurteile sind gleichermaßen Sätze, in denen etwas behauptet wird. Unterscheiden lassen sie sich bloß durch den Grad der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Mensch durch sie dem Irrtum verfällt.

Gleich null ist die Irrtumswahrscheinlichkeit dann, wenn es sich um allgemein gültige und notwendig immer wahre Sätze handelt, wie etwa „Alle Fische sind Fische“ oder „Wenn es regnet, dann regnet es“, die man in der Logik Tautologien nennt. Ebenso gleich null ist aber auch der Sinn dieser Sätze. Sie haben keinerlei Informationswert, sind für das Verständnis der Welt völlig unbrauchbar und stellen auch keine Richtschnur dar, an der sich das Denken und Handeln orientieren könnte. Zu den Tautologien zählen auch Definitionen wie „Alle Junggesellen sind unverheiratete Männer“, durch die nichts hinzukommt, was nicht schon im Ansatz klar und vorgegeben ist.

Weiterhin sind auch all jene Urteile allgemein gültig und notwendig immer wahr, die Immanuel Kant „synthetische Urteile a priori“ (zusammengesetzte Urteile unabhängig von jeder Erfahrung) nannte. Im Unterschied zu den reinen Tautologien oder tautologischen Definitionen bieten synthetische Urteile a priori Einsichten, die zu neuen Erkenntnissen führen. Kant war der Meinung, solche Urteile gefunden zu haben: in der Mathematik, in der Geometrie oder in Form des Kausalitätsprinzips.

Der Wiener Ökonom und Erkenntnistheoretiker Ludwig von Mises konnte dann mehrfach zeigen, dass es synthetische Urteile a priori auch über das tägliche menschliche Handeln gibt. So etwa werden zwei Menschen freiwillig nur dann etwas tauschen, wenn sie erwarten, von diesem Tausch zu profitieren, und zwar insofern, als sie jene Güter oder Dienstleistungen, die sie im Zuge des Tauschaktes hergeben, stets niedriger bewerten, als jene, die sie dabei erhalten. Ein freiwilliger Tausch bedeutet im Augenblick des Tauschaktes stets einen wechselseiten Profit. Das heißt aber auch, dass, wann immer ein Tauschakt nicht freiwillig stattfindet, sondern erzwungen wird (so wie etwa im Fall der Sozialversicherung, die ihre Beiträge ausschließlich unter Androhung von Gewalt einzieht), eine der beiden Parteien auf Kosten der anderen profitiert.

Derartige Urteile, die allgemein gültig, notwendig immer wahr und demnach mit Sicherheit keine Vorurteile sind, gibt es leider nur selten. In den meisten Fällen ist die Irrtumswahrscheinlichkeit größer als Null. So ist es etwa nicht einmal möglich, Sätze wie „Alle Menschen sind sterblich“ oder „Morgen geht die Sonne auf“, denen fast jeder zustimmen würde, die aber bloß auf Erfahrung beruhen, in dem besagten strengen Sinne zu beweisen. Sie stellen, ebenso wie die ungleich dümmeren Sätze „Alle Italiener sind laut“ oder „Alle Menschen sind gleich“, nichts anderes als Vorurteile dar, die mehr oder weniger falsch oder richtig sind.

Anders gesagt: Wenn einem in der Nacht am Trottoir sieben Nonnen entgegenkommen, braucht man die Straßenseite nicht zu wechseln (außer man wäre der Teufel höchstpersönlich). Diese Einsicht ist zweifellos ein Vorurteil. Doch möglicherweise rettet es einem irgendwann einmal das Leben. Der kolumbianische Denker Nicolás Gómez Dávila hat das Problem wie folgt formuliert: „Wir wollen, dass alles beweisbar sei: um zur Wahrheit zu kommen, ohne intelligent sein zu müssen“.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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