05. November 2009

China nach Olympia Meinungsfreiheit leider auch nicht mehr beim Wetter

Kommunisten machen in Peking Sonne und Schnee

Zum ersten Mal aufmerksam auf das Thema Wetterbeeinflussung wurde ich noch während meiner Pekinger Studienzeit. Alle Jahre wieder gab es am 30. April und am 30. September einen Wolkenbruch und anschließend am Tag der Arbeit und dem Staatsgründungstag einen strahlend blauen Himmel. War das Petrus, der sich mit den Kommunisten gut stellen wollte? Oder konnte die chinesische Regierung das Wetter beeinflussen?

Meine letzten Zweifel, ob so etwas denn wirklich möglich sei, schwammen am 29. Juli 2008 davon. An diesem Tag ließ die Pekinger Regierung in einem Versuch, die für die Olympiade zugesagten niedrigen Feinstaubwerte doch noch zu erreichen, einen unglaublichen Wolkenbruch herniederprasseln. Während frühmorgens der Himmel zwar etwas bedeckt gewesen war, es aber überhaupt nicht nach Regen ausgesehen hatte, wurden gegen 11 Uhr plötzlich die oberen Wolkenränder schwarz. Fünf Minuten später konnte man vor lauter Regen die gegenüberliegende Straßenseite nicht mehr sehen und stand knöcheltief im Wasser.

Das war im Sommer letzten Jahres. Anscheinend war dann aber nach der Olympiade und den Paralympics alles Wasser vom Pekinger Himmel geholt. Denn im Winter 2008/2009 gab es 110 Tage lang überhaupt keinen Niederschlag, nicht einen einzigen Millimeter Regen, nicht eine einzige Flocke Schnee.

Natürlich hat es auch 2009 in den frühen Morgenstunden des 1. Oktober kräftig geschüttet und wahrscheinlich haben die Bajonette der am Tor des Himmlischen Friedens vorbeimarschierenden Soldaten dann auch vorschriftsmäßig in der Sonne geglänzt. Aber das war nur ein Tag – es blieb eine Menge Wasser oben.

Und tatsächlich war dann genau einen Monat später, am Morgen des 1. November alles weiß: Schnee auf den Start- und Landebahnen des Pekinger Flughafens, so dass sich über 200 Flüge teilweise bis zu 20 Stunden verspäteten. Schnee auf den teilweise noch grünen Pekinger Bäumen, die zu zehntausenden unter der Schneelast abknickten und auf Straßen und Stromleitungen fielen. In den Stadtteilen Chaoyang, Haidian, Shunyi und Changping gab es stundenlange Stromausfälle und überall – auch, weil kein Pekinger Autofahrer Winterreifen hat – ein gewaltiges Verkehrschaos.

Und es fiel nicht nur der Schnee: Auch die Temperaturen sanken um 13,5 Grad auf minus 4 Grad Celsius. Das ist recht kalt. Besonders wenn man bedenkt, dass die meisten Pekinger Wohnungen mit Fernwärme geheizt werden. Die Heizperiode beginnt, von der Regierung festgelegt, aber erst am 15. November. Auch das ist alle Jahre wieder dasselbe, in der ersten Novemberhälfte muss man frieren. Wo nicht mit Fernwärme geheizt wird, fielen ohne Strom natürlich auch die Elektroheizungen und Klimaanlagen aus.

Wie schon Mark Twain sagte: „Alle reden vom Wetter, aber keiner tut etwas dagegen“ – was kann man gegen einen frühen Wintereinbruch schon tun... Dachten die zu Millionen in ihren kalten Wohnungen frierenden Pekinger. Bis zwei Tage später die Nachricht durchsickerte: Insgesamt 186 (nach anderen Berichten 84) Ladungen Silberjodid waren zwischen Samstag, dem 30. Oktober ab 8 Uhr abends und Sonntag morgens um 7 über der chinesischen Hauptstadt hochgeschossen worden – zur Bekämpfung der Dürre, wegen der schrumpfenden Reservoire und des sinkenden Grundwasserspiegels. Die 16 Millionen Kubikmeter Schnee waren nur deshalb heruntergekommen…

Auch wenn die staatlichen Medien schnell Berichte über die Entscheidung der Regierung brachten, dieses Jahr jetzt doch und ausnahmsweise etwas eher mit dem Heizen zu beginnen und dazu noch die Mindesttemperatur, auf die man in seiner Wohnung Anspruch hat, von 16 auf 18 Grad zu erhöhen, gab es einige kritische Äußerungen. So kritisch, dass inzwischen bei google.cn bei der Suche nach „Pekinger Schneekatastrophe“ unten auf der Seite folgender Satz auftaucht: „Aufgrund lokaler gesetzlicher Bestimmungen wird ein Teil der Suchergebnisse nicht angezeigt.“

Sucht man mit dem gleichen Begriff bei google.de, dann ist bereits der zweite Treffer ein anderer. Schade, dass der in China nicht angezeigt wird. Denn die unter der Schneelast gesplitterten Bäume hat der Künstler Li Xi, sehr schön fotografiert. Und schade, dass es so auch keine Antwort auf die Frage des nächsten „nicht angezeigten“ Bloggers gibt, der gerne wissen möchte wie es sein kann, dass die Regierung es schafft, das Wetter zu beeinflussen, aber nicht, der Bevölkerung vorher Bescheid zu sagen. Oder doch? „Das zeigt, dass es noch viel Raum zur Verbesserung des nationalen Wettermanipulationswarnsystems gibt“, sagte Chen Zhenlin, der Sprecher der Chinesischen Meteorologischen Verwaltung, in einem Interview. Das könnte man als Antwort gelten lassen. Damit aber kein negativer Eindruck entsteht, beendet die Journalistin ihr Interview mit Chen Zhenlin mit den Worten: „Der Pekinger Regierung gebührt Applaus dafür, dass sie dieses schwerwiegende Problem angegangen ist und schwierige Entscheidungen getroffen hat.“

Internet

Die Seite des Künstlers Li Xi


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