26. November 2009

Philosophische Praxis (Vol. 36) Toleranz

Angesichts der dümmsten Meinungen und ekelhaftesten Manieren grinsen manche verkrampft und „tolerant“

Das lateinische Wort „tolerantia“, das sich ursprünglich auf das geduldige Ertragen von Schmerzen bezog und zur Tugend der Tapferkeit gehörte, erschien in seiner heutigen Bedeutung erstmals im Rahmen der christlichen Philosophie. So plädierte Augustinus für Toleranz gegenüber sündigen Mitchristen und Juden, Thomas von Aquin noch zusätzlich für Toleranz gegenüber Heiden und der Humanist Thomas Morus dann generell für Religionsfreiheit, da die Anwendung von Gewalt zur Bewahrheitung des religiösen Glaubens mit religiösen Zielen unvereinbar sei.

Martin Luther, der den deutschen Begriff „tollerantz“ prägte, stellte mit seinen kritischen Thesen die Toleranz der Christenheit dann derart auf die Probe, dass dies zu einem europäischen Flächenbrand führte. In der Folge wurde, ausgehend von der englischen und französischen Aufklärung, die Frage der Toleranz zunehmend als politisches Problem betrachtet. Der weltliche Souverän habe Gedanken- und Meinungsfreiheit zu garantieren und das Kirchenvolk unter die Aufsicht des Magistrats zu stellen. Sei die geistliche Herrschaft einmal zurückgedrängt, könne sich unter der Vorherrschaft des Staates der Gedanke der Toleranz erst eigentlich entwickeln. Diese Vorstellung wurde durch den Terror der Französischen Revolution gehörig ad absurdum geführt.

Grundlegend für die Toleranz-Debatte der Moderne wurde dann Kants Konzeption der Freiheit des menschlichen Willens als oberstes Prinzip der Sittlichkeit sowie die Etablierung der Religionsfreiheit als Menschenrecht. Besonders letzteres führte dazu, dass sich der Toleranz-Begriff zunehmend verbreitete, auch für nichtreligiöse Fragen herangezogen wurde und schließlich derart zum Gemeinplatz degenerierte, dass ihn Johann Wolfgang v. Goethe als überholt ansah und überbieten wollte: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Diese Forderung, das Andere im Anderen nicht bloß zu dulden, sondern letztlich zu akzeptieren (um nur ja niemanden zu beleidigen), brachte dann erst die volle Ambivalenz des Toleranz-Konzepts ans Licht, seine prekäre Zwischenstellung zwischen Indifferenz und Solidarität und damit seine unheilbare Paradoxie: Wie kann etwas geduldet oder gar akzeptiert werden, das begründetermaßen abgelehnt wird?

Und so warf Friedrich Nietzsche in seiner „Götzen-Dämmerung“ die Frage auf, wie jemand, der sich vornehmlich in der Tugend der Toleranz übe, denn noch ein Rückgrat oder so etwas wie ein intellektuelles Gewissen haben könne: „Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere Überzeugungen: diese selbst leben verträglich beisammen, - sie hüten sich, wie alle Welt heute, sich zu kompromittieren. Womit kompromittiert man sich heute? Wenn man Konsequenz hat. Wenn man in gerader Linie geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn man echt ist ...“.

Und in der Tat: Die meisten von uns stehen heute derart unter Toleranz- und Akzeptanzzwang, dass sie es angesichts der dümmsten Meinungen, verwerflichsten Handlungen und ekelhaftesten Manieren bloß zu einem verkrampften Grinsen bringen. Doch für berechtigte Kritik braucht sich niemand zu schämen. Im Gegenteil, auch wenn es für unsere Ohren obszön anmutet: „Der gebildete Mensch hat die Pflicht, intolerant zu sein“ (Nicolás Gómez Dávila).

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Eugen Maria Schulak

Über Eugen Maria Schulak

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige