06. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 40) Der Weg zur Knechtschaft

Ein Kollektiv ist keine Person

Bereits in Der Weg zur Knechtschaft (The Road to Serfdom, 1944), verfasst in England während des Zweiten Weltkriegs, skizzierte Friedrich August von Hayek jene Grundgedanken, die später für ihn typisch werden sollten: So sei die Entwicklung unserer westlichen Zivilisation nur deshalb möglich gewesen, weil die Menschen sich den unpersönlichen Kräften des Marktes unterworfen hätten. Niemand habe diese Entwicklung bewusst geplant und angeordnet, sondern sie habe sich im Zuge stetig komplexer gewordener Tauschverhältnisse auf dem Wege einer kulturellen Evolution gleichsam von selbst ergeben.

Der Vorsatz, dieses Bauwerk nun verändern und mit Hilfe von Ideen gestalten zu wollen, könne demnach nur die Folge eines in die Irre gehenden Rationalismus sein. Kein Einzelwesen, so Hayek, und auch keine Behörde habe so etwas wie einen vollkommenen Überblick. Niemandem könne die Kompetenz über unser aller Leben zugesprochen werden. Politische Planung und Regulierung müsse demnach zwangsläufig zu einer Verschlechterung der Verhältnisse führen und letztlich die persönliche Freiheit zerstören.

Gewidmet war The Road to Serfdom „den Sozialisten in allen Parteien“, also all jenen, die sich von wirtschaftlichen Planungsexperimenten ein „neues Jerusalem“ versprachen. Akribisch wies Hayek nach, dass Sozialismus, wie auch immer er sich zeige, mit dem Gedanken der Freiheit unvereinbar sei und dass der Aufstieg des Nationalsozialismus keine Reaktion auf den sozialistischen Zeitgeist, sondern dessen notwendiges Ergebnis gewesen sei. Eine gelenkte Wirtschaft ende stets in Despotie. Eine freie Gesellschaft hingegen sei nur durch konsequente Verfolgung marktwirtschaftlicher Prinzipien zu erreichen. Da diese durch sozialistische Ideen weitgehend zerstört worden seien, gelte es sie erneut zu formulieren, um die Idee der Freiheit wieder anschaulich und greifbar zu machen.

Grundlage einer freien Gesellschaft, so Hayek in späteren Jahren, sei ein Individualismus, der auf Tradition und Konvention beruht, der den Wert der Familie, die Zusammenarbeit kleiner Gemeinschaften und Gruppen sowie lokale Selbstverwaltung prinzipiell bejaht. Echter Individualismus zeichne sich dadurch aus, dass jede Form von Planung von einer Vielzahl Einzelner und nicht zentral von einer Behörde durchgeführt wird. Dies bringe auch „flexible, aber normalerweise befolgte Regeln“ hervor, welche „das Verhalten anderer in hohem Maße voraussagbar“ machen. Im Gegensatz dazu stehe ein sozialistisch inspirierter „falscher Individualismus, der all diese kleineren Gruppen in Atome auflösen möchte, die keinen anderen Zusammenhalt haben als die vom Staat auferlegten Zwangsgesetze und der danach trachtet, alle sozialen Bindungen zu einer Vorschrift zu machen“.

Anders gesagt: Frei und selbstverantwortlich handeln kann nur ein Einzelner. Denn nur eine Person oder Persönlichkeit kann für ihr Handeln haften und gerade stehen. Gruppenhaftung ist juristisch zwar möglich, philosophisch jedoch keineswegs. Alle Ethik steht und fällt demnach mit der Person. Ein Kollektiv ist zweifellos keine Person. Es hat weder Persönlichkeit noch ein Gewissen und kann demnach auch nie aus Selbstverantwortung und in Freiheit handeln. Und so bringt die Herrschaft des Kollektivs stets die Knechtschaft des Einzelnen mit sich.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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