10. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 42) Was ist Avantgarde in der Politik?

Ist noch immer nicht klar, dass Politik mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet?

Avantgarde in der Politik kann analog zur Avantgarde in der Kunst nur Folgendes bedeuten: aus vollem Herzen und mit allen Mitteln die Tradition, die eigenen Ausdrucksformen und Inhalte radikal in Frage zu stellen und aktiv an deren Auflösung zu arbeiten.

Haben Politiker dafür auch genügend intellektuelle Kraft? Denn die Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, die jene Avantgarden einst betrieben, waren zweifellos kräftige Personen. Und vor allem: Wäre eine Avantgarde in der Politik, die analog zur Avantgarde in der Kunst aus Provokation, Innovation und Selbstreflexivität besteht, nicht viel zu gefährlich? Müssten wir uns nicht vor ihr fürchten?

An die Angsthasen unter uns: Denkt einmal darüber nach, ob Politik wirklich mehr als Dekoration ist. Das war es nämlich, was die Künstler im frühen 20. Jahrhundert an ihrer Tradition auszusetzen hatten. Was ist das Dekorative und „Bürgerliche“ in der Politik? Macht und Herrschaft. Aber was ist Macht und Herrschaft denn anderes als ein Zugeständnis? Glaubt ihr wirklich, dass der Mensch politisch beherrscht werden muss? Fragt sich denn niemand: Wozu eigentlich?

Muss man es stets wiederholen, dass Politik entsetzlich viel Leid auf diese Welt gebracht hat? Ist noch immer nicht klar, dass Politik mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet? Seht euch doch das 20. Jahrhundert an, in dem weit über 100 Millionen Menschen allein aus politischen Gründen ermordet worden sind, die Kriegstoten nicht eingerechnet. Und was ist der Schluss daraus, von uns Gegenwärtigen: Wir brauchen mehr Politik! Kann man sich etwas noch Dümmeres und Gefährlicheres vorstellen als das?

Als Antwort hört man dann meist: Ja, das ist schon richtig, aber es geht um die richtige Politik. Und die richtige Politik ist die heutige Politik. Und die heutige Politik ist ganz anders als die Politik zu früheren Zeiten. Niemand muss sich mehr fürchten. Jeder bekommt was er will. Wir sind alle eine „Gesellschaft“ und alle füreinander da. Alle denken und zahlen für alle. Und wenn alle brav sind und es gut meinen, dann wird auch alles gut. Das ist die politische Botschaft der führenden Intellektuellen dieser Welt.

Damit man mich versteht: Es geht um Aktionismus à la John Cage. Cage komponierte ein Stück namens 4`33``. Kein Laut ist bei diesem Stück zu hören. Niemand klimpert munter darauf los. Es herrscht Schweigen – und Spannung. Aber es ist kein erzwungenes Schweigen, kein „shut up!“ von Seiten des Publikums, nein. Ein erzwungenes Schweigen würde bloß diejenigen, die gezwungen werden, in Aufwallung bringen und in einen Redefluss treiben, der nicht mehr zu stoppen wäre.

Das Schweigen müsste aus Selbsterkenntnis erfolgen. Erst dann wäre es eine Avantgarde. Doch welcher Politiker hat die Kraft und den Mut dazu? Wer hat die Kraft, einmal freiwillig zu schweigen? Und was würde passieren, wenn sie alle gemeinsam freiwillig schweigen würden? Würden wir dann augenblicklich übereinander herfallen und uns wechselseitig ermorden, belügen und bestehlen? Nein. Und was, wenn sie dann sagen würden: Wir wollen nicht mehr euer Leben mit Macht und Herrschaft dekorieren. Wir schämen uns unserer Vorfahren, die so viel Leid auf diese Welt gebracht haben. Deshalb entlassen wir euch in eure Freiheit. Wachset und mehret euch. Tragt Verantwortung und werdet klug.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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