12. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 43) Fairness

Wenn gesunde und erwachsene Menschen danach beurteilt werden, was sie können, vollbringen oder generell leisten

Die Klage über das Schicksal ist alt wie die Menschheit. Dort, wo sie gehört und als glaubhaft empfunden wurde, brachte sie jene, die ihr lauschten, in Bewegung, so dass sich etwas in ihnen regte. Aber nicht nur das Gefühl des Mitleids, auch die Vernunft kam ins Spiel, die dieses Mitleid stützte, nämlich die Einsicht, vielleicht auch selbst einmal über ein Schicksal klagen zu müssen und durch die Hilfe, die anderen geleistet wird, für die Zukunft gewissermaßen vorsorgen zu können. Auf diese Weise entstand aus der Familie und der Gruppe der Freunde heraus die Gemeinschaft, eine starke Bindung, die über die eigene Lebenszeit und über Generationen hinweg galt.

Trotzdem blieben Fragen offen: Warum trifft das Schicksal gerade mich? Warum trifft es ihn oder sie? Wer oder was ist die Ursache dafür, dass überhaupt geklagt werden muss? An wen lässt sich die Klage richten? Sind es die Götter oder die dunklen Schicksalsmächte, die alles verursacht haben? Wenn ja, dann muss ich den Göttern opfern, um das Unheil abzuwenden. Ist es der Mensch als Einzelner, der sein gottgegebenes Schicksal zu meistern hat? Wenn ja, dann bleibt als Antwort ein tugendhaftes Leben, welches das härteste Schicksal über die Generationen hinweg vertreibt. So kommt nach und nach das Glück ins Haus, nicht bloß für jene, die gläubig sind, sondern letztlich für alle, die dieses Verhalten leben.

Aus diesem Glauben heraus, der ein christlicher ist, entwickelte sich die Vorstellung, dass es die wenigsten Streitereien – und damit Fairness – dann gibt, wenn gesunde und erwachsene Menschen, die Ansehen, Vermögen und Protektionen erwerben wollen, bei der Vergütung ihres Einsatzes danach beurteilt werden, was sie können, vollbringen, leisten oder generell vermögen. So hat jeder, der über die Kräfte seines Körpers, seiner Sinne und seines Verstandes verfügen kann, die gleiche Chance. Vor diesem Kriterium herrscht Gleichbehandlung in jenem Sinn, in dem es auch evident ist, dass etwa im Hochsprung nur dann ein Preis zu gewinnen ist, wenn man tatsächlich hoch springt. Niemand würde erwarten, dass es auch anders sein könnte.

Analog verhält es sich bei allem, was wir ein Werk, eine Kunst, eine Leistung oder ein Vermögen nennen. Freilich kann sein, dass jemand ein Werk vollbringt, das erst viel später oder gar erst nach dem Tod honoriert wird. Ist das dann unfair? Nein. Denn es war dann ein Werk, das im besten Fall für die Ewigkeit verfasst wurde.

Für alle anderen (oder für die mehr Sterblichen unter uns) findet die Beurteilung, ob jemand etwas vollbringen kann, ihren Bezug zur Realität über das ökonomische Wahlverhalten und wird ausgedrückt in Geld. Jeder Euro ist gewissermaßen ein Stimmzettel beziehungsweise ein Beweis dafür, dass das, was gekauft wird, gewissermaßen auch etwas kann, leistet oder vermag. Dies verhilft jenen, die anderen das Gewünschte liefern können, im besten Fall zu Ansehen und Wohlstand.

Gibt es noch etwas darüber hinaus? Gibt es noch eine weitere Strategie, die das alles übersteigen will? Fairerweise nicht. Unfairerweise jedoch sehr wohl, nämlich in der Anwendung politischer Mittel. Doch Fairness gibt es nur dann, wenn jeder nach dem beurteilt wird, was er kann, nicht nach dem, was ihm Politik verschafft. Wäre letztes der Regelfall, wäre dies der Beweis dafür, in einer Diktatur zu sein.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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