16. Februar 2010

China SMS-Grüße zum Tigerjahr

Das schlechte Gewissen des Direktors Zhang

Von dem berühmten britischen Ethnologen Nigel Barley stammt der Ausspruch, dass sich daran, was die Angehörigen einer Kultur denen einer anderen verkaufen wollen, ablesen lässt, was sie von diesen halten. Eine sehr interessante These. Dann verriete die in den vor allem von Touristen besuchten Kaufhäusern Pekings (Xiushui, Yaxiu, Hongqiao usw.) angebotene Markenkleidung, dass die Chinesen glauben, dass die Menschen im Westen wesentlich weniger Interesse am Schutz geistigen Eigentums haben, als ihre eigenen Regierungen immer behaupten... Barleys These wirft aber auch Fragen auf: Zum Beispiel, was die „Obamao“-T-Shirts, die jetzt in den von Touristen freuquentierten Bar-Straßen (Nanluoguxiang, Houhai-Gebiet) überall verkauft werden, zu bedeuten haben. Der 44. US-Präsident in Anzug und Pose des „Großen Steuermannes“.

Noch interessanter ist natürlich, was Angehörige einer Kultur von sich selbst halten – also ein Blick auf das, was sie sich gegenseitig verkaufen wollen. Das ganze Jahr über bekommen alle chinesischen Mobiltelefon-Benutzer eine gewaltige Menge von Werbe-SMS, durchschnittlich fünf pro Tag. Die meisten davon, fast 80 Prozent, sind Immobilienanzeigen – einmalig günstige Wohnungen und Villen, Sonderaktionen mit Innenausbau oder städtischer Wohnberechtigung gratis, die letzten noch möglichen Zeichnungen für gewaltige Neubauprojekte in Küstenstädten usw. Weitere 10 Prozent bieten Nachhilfeunterricht für Schüler – die Empfänger sollen ihr Kind von „Spezialisten“, manchmal sogar von echten „Ausländern“, auf Prüfungen vorbereiten lassen. Die restlichen 10 Prozent bieten dann alles Mögliche an – vom Auswandern nach Kanada und US-Green Cards bis hin zu Vorträgen über Aktienhandel und „gesundheitserhaltenden“ Massagen. In den letzten beiden Tagen, den ersten des chinesischen „Jahres des Tigers“, bekamen alle chinesischen Mobiltelefon-Benutzer – möglicherweise außer denen in der „Autonomen Region Xinjiang“, in der die Zahl der SMS, die eine Nummer maximal versenden darf, auf 20 pro Tag begrenzt bleibt, um die Verbreitung separatistischer Lügen einzuschränken – aber weit mehr SMS. Mehr als fünf und auch mehr als 20. Die meisten davon waren natürlich keine Werbe-SMS, sondern nur gute Wünsche zum neuen Jahr, in denen so oft wie möglich das Wort „Tiger“ verwendet und mit dem Wort „Reichtum“ verknüpft wurde. Auch die Regierung meldete sich von Zeit zu Zeit, um wahlweise auf die Vorschriften in Bezug auf das Abbrennen von Feuerwerkskörpern hinzuweisen oder um deren Einhaltung zu bitten.

Nur eine einzige SMS betraf etwas ganz anderes: „Möchten Sie jederzeit Zugriff auf den Inhalt seiner / ihrer Handygespräche mit anderen Personen erhalten? Tel.: 13973344445, Direktor Zhang kann Ihnen helfen, diesen Herzenswunsch zu verwirklichen! Das ist eine große Hilfe bei dem beruflichen Weiterkommen und bei der Überprüfung von außerehelichen Affären! Von: +86152749908745, 2010.2.15, 06:43:49“

Nigel Barley hat außer den Berichten über seine Feldforschungsaufenthalte in Kamerun auch Biographien interessanter Persönlichkeiten der südostasiatischen Geschichte geschrieben. So auch eine von Julius Lauterbach, der im Ersten Weltkrieg Offizier auf dem Leichten Kreuzer „Emden“ war. Nachdem Lauterbach in Singapur in britische Kriegsgefangenschaft geriet, begann er laut Barley einen Handel mit der Sorte Bänder, die um Matrosenmützen gebunden sind und mit dem Namen des Schiffs bestickt sind. Weil die Emden nach der Versenkung von 25 feindlichen Schiffen innerhalb von zwei Monaten sehr berühmt war, konnte man sich damals in Singapur mit Emden-Bändern einiges kaufen. Lauterbach selbst hatte aber natürlich nur eins – also überredete er einen chinesischen Schneider, ihm weitere herzustellen. In der Biographie heisst es dann weiter, dass Lauterbach „... als Weltmann aber genau wusste, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis der Schneider, wie jeder Chinese mit Selbstachtung, auf eigene Rechnung in diesen Markt eintreten würde...“ Dieser Aussage zufolge war es auch nur eine Frage der Zeit, bis in der entsprechenden chinesischen Behörde ein „Direktor Zhang“ darauf kommen würde, dass die staatliche „Sicherheitstechnologie“ auch eine hervorragende Geschäftsgelegenheit bietet – und auf eigene Rechnung in den Markt tritt. Dass das nun geschehen ist, bestätigt die hervorragende Beobachtungsgabe des berühmten britischen Ethnologen – und stimmt ein wenig pessimisitisch im Bezug auf das Vertrauen, das chinesischen Geschäfts- und Ehepartner füreinander empfinden.

Immerhin wird aber dadurch, dass „Direktor Zhang“ seine innovative Dienstleistung nur per SMS anbietet und nur eine Mobiltelefonnummer angibt, deutlich, dass er zumindest weiß, dass das, was er macht, illegal ist und somit ein Unrechtsbewusstsein hat. Im Gegensatz zur Bundesregierung, die doch anscheinend tatsächlich der Meinung ist, der Handel mit gestohlenen Daten sei „juristisch vertretbar“, wenn nicht gar „gerechtfertigt“.


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