01. Mai 2010

Milieustudie Die Freiheit der Linken

Beobachtungen in einem alternativen Café

Das links-alternative Milieu, das in der Soziologie auch als Selbstverwirklichungsmilieu bezeichnet wird, ist immer noch eins der dynamischsten Milieus in der Bundesrepublik. Es ist im Gefolge der Alternativbewegung der 60er Jahre entstanden. Parteipolitisch kann es am ehesten den „Grünen“ zugeordnet werden. Das in diesem Milieu angestrebte Ziel ist die Befreiung des Individuums von traditionellen Denkmustern, Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Sein Lebensideal liegt im Streben nach individueller Selbstverwirklichung.

Die Repräsentanten des Milieus treffen sich in ganz bestimmten Kneipen und Cafés, die in Großstädten und Universitätsstädten vorzufinden sind. Eins dieser Cafés besuche ich ziemlich regelmäßig, denn für einen Soziologen bietet es ein schier unerschöpfliches Beobachtungsmaterial.

Was mir dort zunächst auffällt, ist die Atmosphäre der zwanghaften Ungezwungenheit. Bedienung und Publikum möchten sich besonders locker, unbekümmert und nachlässig verhalten. Eine Bedienung singt während des Bedienens, die andere surft hinter der Theke im Internet, die dritte telefoniert ununterbrochen mit dem Handy. Sie möchten sich durch die Arbeit nicht einengen lassen. Die Arbeit soll vielmehr Ausdruck von Freiheit, Individualität und Kreativität sein.

Auf der Speisekarte des Cafés findet man unter anderem ein Vollkornfrühstück und ein Fitness-Frühstück. Besonderer Wert wird auf die Dekoration des Frühstücks gelegt: Geraspelte Möhren und in Spiralen geschnittenes Obst werden beigelegt. Die Zubereitung des Frühstücks soll ebenfalls Ausdruck von Kreativität sein. Croissants und Café au lait werden am häufigsten bestellt – man gibt sich französisch. Doch möchte man andererseits auf das Urdeutsche nicht verzichten: das Vollkornbrot und das Müsli. Die deutsche Ideologie des Vollkornbrots wird nirgendwo so vehement vertreten wie im links-alternativen Milieu. Das Vollkornbrot hat für die Linksalternativen eine mystische Bedeutung. Ähnliches gilt für das Müsli, das in anderen Ländern als Pferdefraß verwendet wird.

Das Publikum besteht aus mehreren Gruppen. Da sind zunächst die altlinken Männer, die noch mit über 60 so aussehen möchten wie Zwanzigjährige. Sie sind unrasiert, tragen längere Haare und bevorzugen legere Kleidung. Sie lesen wie auch die anderen Besucher des Cafés die „taz“ und die „FR“. Die Frauen im mittleren und älteren Alter entsprechen im Aussehen und Verhalten dem Stereotyp der Ökofrau. Selbstgestrickte Pullover, bunte, breite Röcke und unrasierte Achselhöhlen sind wie schon vor 40 Jahren ihre Markenzeichen. Allerdings beobachte ich seit Jahren, dass dieser Frauentyp allmählich ausstirbt.

Die jungen Männer machen es den älteren nach. Auch sie sind unrasiert und leger angezogen, essen Croissants und trinken Café au lait. Man merkt ihnen an, dass sie die ganze Nacht gekifft haben. Sie wirken müde und unmotiviert. Da machen die jungen Frauen schon einen ganz anderen Eindruck. Sie wirken dynamisch, motiviert und zielstrebig. Im Gegensatz zu den älteren Frauen sind sie konsumorientiert. Kennzeichnend für ihr Äußeres ist ein Wechsel zwischen abgetragener, lässiger und eleganter, schicker Kleidung. Sie treffen sich regelmäßig und sprechen über ihre Karrieren. Ich nenne diese Frauen-Fraktion „beste Freundinnen“. Sobald eine der besten Freundinnen das Café betritt und die anderen besten Freundinnen am Tisch sieht, gibt sie einen lauten, spitzen Begrüßungsschrei von sich. Dann folgt jedes Mal ein langes Umarmungs- und Kussritual. Auch diese Rituale haben als Demonstrationen von Freiheit etwas Aufgezwungenes und Künstliches.

Eine ganz besondere Frauen-Fraktion bilden die lesbischen Frauen. Ihre äußeren Merkmale sind: der Knaben- beziehungsweise Igelschnitt, kurze Jacken, breite Wollhosen und die Farbe rot in unterschiedlichen Variationen. Einige von ihnen tragen Designer-Brillen mit schwarzem Gestell, was offensichtlich Intellektualität anzeigen soll. Die Begrüßungsrituale der lesbischen Frauen übertreffen an Lautstärke und Intensität die der „besten Freundinnen“. Mit dem intensiven Knutschen – auch nach dem Begrüßungsritual – möchten sie ihre sexuelle Orientierung und ihre Freiheit demonstrieren.

Selten sieht man im Café Familien mit Kindern oder Mütter mit Kindern. Kein Wunder, denn im Selbstverwirklichungsmilieu bedeuten Kinder in der Regel Behinderung der Selbstverwirklichung und Verlust der Freiheit. Das Single-Dasein ist die bevorzugte Lebensform. Das Verhalten der wenigen Kinder ist nicht viel anders als das der Erwachsenen. Sie dürfen alles machen, was ihnen Spaß macht, unter anderem mit Farbstiften und anderen Gegenständen auf die Besucher des Cafés werfen. Auch Kinder sollen ihrer „Freiheit“ und Kreativität freien Lauf lassen.

Meine Beobachtungen führen mich immer wieder zu dem Schluss, dass im Selbstverwirklichungsmilieu ein naives Verständnis von Freiheit und Autonomie herrscht. Freiheit wird dort hauptsächlich als „Freiheit von“ verstanden, und zwar von festen Konventionen und Bindungen. Freiheit bedeutet Ungebundenheit. Der Begriff der Verantwortung und der der Pflicht werden dabei als konservativ abgetan, die Praxis der Aufopferung wird völlig abgelehnt. Freiheit erscheint im Milieu als eine Laune, ein Gefühl, das ständig demonstriert wird. Doch zur Freiheit gehört mehr als das zwanghafte Demonstrieren eines Gefühls.


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