10. August 2010

Individualismus Verheißung oder Verhängnis?

Ist unsere Kultur noch zu retten?

Individualismus ist ein Standpunkt, dem zufolge der einzelne Mensch in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit den höchsten Wert darstellt. Der Einzelne hat einen Vorrang vor der Gemeinschaft, der Gesellschaft oder dem Staat. Die Gemeinschaft soll nur die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen der Einzelne sich entfalten und seine Ziele verwirklichen kann. Kurz: die Gemeinschaft soll dem Individuum dienen.

In der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wird der Individualismus zur treibenden Kraft im Kampf für die Befreiung des Menschen von politischen, religiösen und kulturellen Einschränkungen und Zwängen des feudal-absolutistischen Systems. Erst durch die Loslösung von diesen Einschränkungen und Zwängen ist es dem Individuum möglich geworden, sein Leben selbst zu gestalten. Es entstand das Bewusstsein der Selbstbestimmung (Autonomie), der Unabhängigkeit und der individuellen Freiheit.

Der Individualismus ist zur wichtigsten Quelle von Eigenverantwortung und Eigeninitiative geworden. Er bildet somit auch die wichtigste Bedingung des freien Wettbewerbs und der prosperierenden Entwicklung in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Im Gefolge der 68er-Bewegung entstand eine neue Form des Individualismus: der Selbstverwirklichungsindividualismus. Seine wichtigsten Merkmale sind: das Streben nach individueller Selbstverwirklichung, permanente Beschäftigung mit sich selbst, Ich-Bezogenheit (Egozentrik), andauernde Suche nach der eigenen Identität, Narzissmus, Bedürfnis nach Originalität, Neigung zur Selbstdarstellung, Ablehnung der „Masse“, Ablehnung von Autoritäten und hierarchischen Strukturen.

Der Weg der individuellen Selbstverwirklichung geht nach innen. Die innere Wirklichkeit wird gegenüber der äußeren als die fundamentalere betrachtet. Der Einzelne richtet die Außenwelt auf seine Innenwelt aus. Zu ihr gehören Vorstellungen, Gefühle, Wünsche, Stimmungen, „Bauch“, Intuition, Phantasie usw. Die inneren Erfahrungen bilden den eigentlichen Ort der Wahrheit, der Authentizität und Individualität. Zu beliebtesten Praktiken der Selbstverwirklichung wurden u.a. Psychotherapie, Selbsterfahrungsgruppe, kreatives Schreiben, Malen und Musizieren, Meditation und Praktiken, die unter dem Namen „Esoterik“ bekannt sind.

Im Bereich der sozialen Beziehungen werden feste Bindungen abgelehnt. Oft wird völlige Bindungslosigkeit propagiert. Mann sollte in Beziehungen nicht aufgehen und sich nicht einengen lassen. Diese Haltung führte in den Städten zur Entstehung einer Single-Kultur (in Großstädten wie Frankfurt stellen Single-Haushalte mehr als 50% aller Haushalte dar).

Der Selbstverwirklichungsindividualismus entstand und breitete sich zunächst am stärksten im links-alternativen Milieu, auch „Selbstverwirklichungsmilieu“ genannt, aus. Doch mittlerweile findet er auch in anderen Milieus eine beträchtliche Ausbreitung: Das egozentrierte Streben nach Selbstverwirklichung ist zum herrschenden Lebensideal in unserer Gesellschaft geworden.

Die negativen Folgen dieser Form des Individualismus liegen auf der Hand. Der Rückgang des Menschen auf sich selbst, auf die eigene Innenwelt, hat Vereinzelung, Vereinsamung und oft Isolation zur Folge. Damit hängt zusammen, dass die Befreiung von traditionellen Vorstellungen, Bindungen und Werten, in unserem Kulturkreis von christlichen Werten, zur Entstehung eines Sinnvakuums und einer bis heute andauernden Sinn- und Orientierungskrise führte. An die Stelle des christlichen Wertesystem ist nichts getreten, was dem Einzelnen einen übergreifenden, über-individuellen Lebenssinn geben würde.

Eine weitere negative Folge des Selbstverwirklichungsindividualismus ist der geringe Grad an sozialem Engagement. Sich mit sich selbst zu beschäftigen ist „in“, sich für andere Menschen zu engagieren ist „out“. Innenorientierte Selbstverwirklichung bedeutet die Abwendung von den Anderen, von sozialen Pflichten und sozialer Verantwortung.

Nicht zuletzt ist der Selbstverwirklichungsindividualismus die wichtigste Ursache für die Geburtenarmut in Deutschland und in der westlichen Welt. Der Einzelne ist mit sich selbst so beschäftigt, dass für ihn Kinder nicht in Frage kommen. Als Gründe für den fehlenden Kinderwunsch werden meist die Behinderung der beruflichen Karriere, der individuellen Freizeitgestaltung und die Verschlechterung der materiellen Situation genannt.

„Individualistische Kulturen zerstören sich selbst“, so der Politologe Meinhard Miegel in seinem Buch „Das Ende des Individualismus“. Denn langfristig führt die durch den Individualismus verursachte Geburtenarmut zum Aussterben der Träger der westlichen Kultur. Wenn aber die Träger einer Kultur aussterben, dann bedeutet es das Ende dieser Kultur.

Der Individualismus ist also einerseits die wichtigste Ursache für die wirtschaftliche Prosperität, den materiellen Wohlstand und die kulturelle Produktivität, andererseits die wichtigste Ursache für die Geburtenarmut und somit für den offenbar unvermeidlichen Untergang der westlichen Zivilisation. Die Frage, die ich zur Diskussion stellen möchte, lautet: Wie können die oben genannten negativen Folgen des Individualismus beseitigt oder wenigstens gemildert werden, ohne seine positiven Errungenschaften aufzuheben?


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