29. August 2010

Feminismus Wo bleibt die Jungenförderung?

Wenn eine Ideologie nicht mal vor Kindern Halt macht

Jungen sind die Bildungsverlierer. Sie bekommen schlechtere Noten als Mädchen, besuchen öfter die Sonder- und die Hauptschule, bleiben öfter sitzen und brechen häufiger die Schule ab. Nur 43 Prozent der Abiturienten sind Jungen. Junge Männer gehen seltener auf die Universität und werden häufiger arbeitslos.

Während es eine flächendeckende, staatlich finanzierte Mädchenförderung mit Tausenden von Initiativen, Projekten und Organisationen gibt, werden Jungen vernachlässigt. Es gibt einen mit 200 Millionen Euro subventionierten Girls Day, an dem Mädchen technische Berufe kennenlernen können, aber keinen Boys Day, Notrufe für Mädchen, aber keine Notrufe für Jungen, obwohl sich Jungen in der Pubertät zwölf mal öfters umbringen als Mädchen; Mädchenhäuser, aber keine Jungenhäuser, obwohl auch viele Jungen es zuhause nicht aushalten können, Mädchenkulturzentren, aber keine Jungenkulturzentren usw.

Familienministerin Kristina Schröder hat zwar die Misere der Jungen erkannt, aber kein Konzept für eine flächendeckende Jungenförderung entwickelt. Da es offensichtlich kaum staatliche Mittel für die Jungenförderung gibt, konzentrieren sich ihre Vorstellungen auf folgenden Vorschlag: „Aber die Frage ist nicht nur, was der Staat anbieten kann, sondern wie sich die Bürger selbst einbringen wollen. Deshalb möchte ich das freiwillige Engagement stärken. Da gibt es Potenziale – etwa den Handwerker im Ruhestand, der einmal die Woche an eine Grundschule geht und dort mit den Kindern Vogelhäuschen baut. Das ist ganz praktisch, mit wenig Aufwand verbunden – und kann eine ungeheime Wirkung auf die Jungs haben“ (in einem Interview mit der Zeitschrift „Men’s Health“).

Es gibt sehr wenig Projekte, die sich der Belange von Jungen annehmen. Zu ihnen zählen das „Bremer Jungenbüro“, das Jungen als Opfern von Gewalt hilft, und das Projekt „Majuze“ in Rosenheim, das jungenspezifische Kurse anbietet. Die Organisation „MANNdat“, die sich für die Rechte von Männern einsetzt, beschäftigt sich auch mit jungenspezifischen Problemen. „MANNdat“ informiert über Jungen als Opfer von Gewalt, unter anderem über das in der Öffentlichkeit kaum diskutierte Problem der Genitalverstümmelung bei Jungen. Da Jungen besonders stark unter Lese- und Rechtschreibschwäche leiden, hat „MANNdat“ eine Jungenleseliste zusammengestellt.

Eine wichtige Initiative stellt die Internetseite „Webjungs“ dar. Sie informiert über Benachteiligungen von Jungen und über Jungenförderung. Neben dem „Forum für Jungs und junge Männer“ bietet „Webjungs“ ein Elternforum, eine Online-Beratung, eine Chat-Beratung und eine Telefonberatung an. Die Seite wird von Pädagogen und Therapeuten ehrenamtlich betrieben. Die Artikel sind sehr sachlich und kompetent geschrieben. Die Seite ist parteilich, ohne parteiisch zu sein.

Alle Kinder und Jugendliche sollten unabhängig von ihrem Geschlecht gefördert werden. Doch solange ein Geschlecht einseitig gefördert wird, sollte man sich vermehrt den Problemen und Sorgen des anderen Geschlechts zuwenden.


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