04. Mai 2010

Expo 2010 in Shanghai Gesundheitsreform und Großfeuerwerk

Von räuberischen Banden und konfiszierenden Regierungskadern

Am Vorabend des ersten Mai wurde in Shanghai die Expo 2010 lautstark, vor allem mit viel Gesang und einem Großfeuerwerk, eröffnet.

Am ersten Mai selbst war es dagegen in dem Dorf Xichangdi im Kreis Anping der Provinz Hebei, fast tausend Kilometer nordwestlich von Shanghai, den ganzen Tag lang ohrenbetäubend laut. Es fing an mit der Musikgruppe der katholischen Kirchengemeinde eines Nachbardorfs. Die kamen mit einer Trommel von eineinhalb Meter Durchmesser und einem ganzen Sortiment von chinesischen Gongs und machten einen solchen Lärm, dass die neugierig zusammengelaufenen Kinder mit Zeigefindern in den Ohren davonliefen.

Andererseits war es vielleicht notwenig, denn in diesem Teil Hebeis bauen die Bauern traditionell, ob nun wegen räuberischen Banden (vor der Gründung der Volksrepublik) oder konfiszierenden Regierungskadern (danach) gut zweieinhalb Meter hohe Betonmauern um ihre Häuser. Nach draußen öffnet nur ein großes Stahltor. Und weil außer den Kindern, für chinesische Dörfer typisch, auch hier in Xichangdi fast nur Kranke und Alte wohnen, braucht es wahrscheinlich schon die volle Lautstärke, um diese auf die geplante Aktion des Sozialdienst-Zentrums der katholischen Diözese Hengshui aufmerksam zu machen. Deren Mitarbeiter wollen heute mit 17 freiwillige Ärzten und medizinisch ausgebildeten Nonnen ins Dorf kommen. Die meisten der Ärzte sind Internisten, einer hat sein kleines Labor für Blutuntersuchungen und Leberwerte mitgebracht und ein weiterer sein EKG-Gerät. Auch optische Geräte werden herbeigeschleppt und in den ausgeräumten Zimmern des Hauses eines Katholiken aufgebaut. Es gibt sogar einen Arzt für traditionelle chinesische Medizin und gleich zwei Psychotherapeuten – einen Priester und eine Nonne mit entsprechenden Zertifikaten. Im Falle des Priesters ist sein Zertifikat sogar von der Peking-Universität.

Nach dem Getrommel folgte eine Ansprache, völlig verzerrt durch den zu stark aufgedrehten Hall, bei der die Ärzte vorgestellt wurden. Zu Anfang und Ende wurde außerdem mehrmals darauf hingewiesen, dass die Untersuchungen alle kostenlos wären und es nicht darum ginge, Arzneimittel zu verkaufen.

Während der Untersuchungen, als sich die Kranken und Alten vor den auf der Dorfstrasse stehenden Tischen der Ärzte in Staub und heißer Sonne drängelten und sich nicht selten aneinander festhalten musste, lief übersteuerte Musik. Und gegen Ende der Aktion, am späten Nachmittag, als der Laborarzt schon am Einpacken war und alle, die noch kamen, mit der Bemerkung, sie hätten keinen nüchternen Magen, wegschickte, tanzten sechs Katholikinnen auf dem gut einen Meter hohen Betonvorsprung in dem Innenhof des Hauses zu dem explosionsartigen Krachen aus den Lautsprechern. Bis auf eine, die ihren Pullover wohl vergessen hatte, waren alle schwarz gekleidet, nur auf den Pullovern vorne war ein breiter grüner Streifen. In den Händen hielten die Tänzerinnen je zwei weiß-pink-mintgrüne Fächer mit goldenem Flitter am Rand. Der Tanz selbst war recht unmotiviert – das, was auf dem Land wohnende Chinesinnen um die 50 oft tanzen, um fit zu bleiben. Die staubigen und schlammverschmierten Absatzschuhe machten es nicht besser.

Wozu der ganze Lärm? „Wir wollen, dass die Bauern ein Bewusstsein dafür bekommen, dass sie sich früher untersuchen lassen. Die ruhen sich immer bloß kurz aus oder schlucken irgendwelche Medikamente, aber untersuchen lassen sie sich nicht. Bis sie dann wirklich nicht mehr laufen können. Weil sie Angst vor den Kosten haben“, sagt Zhao Liu, eine Mitarbeiterin des Hengshuier Zentrums. Können sich die Bauen eine Behandlung denn überhaupt leisten? „Doch, es ist nicht so, dass die Bauern gar kein Geld haben“, sagt Zhao Liu. „Das sieht man ja auch an den Häusern hier.“ – man sieht es wegen der hohen Wände nicht, aber man kann es sich angesichts der Höhe der Mauern gut vorstellen – „Alles stecken sie in die Häuser“, fährt Zhao Lin fort. „Aber wenn sie jetzt eine richtige Diagnose haben, dann nehmen die alten Leute schon etwas von dem Geld, das eigentlich dafür bestimmt war, damit ihr Sohn ein Haus bauen und dann heiraten kann. Und der Sohn kann dann ja auch schlecht etwas dagegen sagen. Besonders, wenn es lebensbedrohlich ist. Bisher hat es das noch nie gegeben, dass einer die Behandlung, die er nach unserer Diagnose hier begonnen hat, nicht bezahlen konnte“, sagt Zhao Liu. „Außer, es war eine von den ganz teuren Krankheiten, wo die Heilungschancen nicht groß sind. Bei Krebs zum Beispiel. Dann vererben viele der alten Leute ihr Geld lieber gleich“.

Aber was ist denn mit der staatlichen Krankenversicherung, die es jetzt doch auch auf dem Land gibt? Bekommen die Bauern ihre Ausgaben nicht erstattet? „Wenn die Bauern sich an die staatlich bestimmte lokale Klinik wenden, dann bekommen sie einen hohen Prozentsatz erstattet“, sagt Zhao Liu und reißt dabei die Augen auf, wie um zu unterstreichen, was für einen hohen Prozentsatz die Bauern „Da sind es 80 Prozent. Aber nur, wenn sie stationär behandelt werden. Für ambulante Behandlungen gilt das nicht. Aber wenn die Bauern in die Krankenhäuser des Kreises oder in das der Stadt gehen, dann sinkt der Anteil“, fährt Zhao Liu mit ihre Erklärung des staatlichen Versicherungssystems fort. „Und dann steigt auch der Sockelbetrag.“ Was denn für ein Sockelbetrag? „Naja, wenn die Krankenhausrechnung zum Beispiel 500 Kuai beträgt, dann werden auf Kreisebene erst einmal 200 abgezogen, und von dem Rest gibt es dann 80 Prozent. In der Stadt ziehen sie 700 Kuai ab.“ Das ist schon ein Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens einer Bauernfamilie hier in der Region.

„Aber das gilt nur in den staatlich festgelegten Krankenhäusern. Und Kosten für Untersuchungen werden nicht erstattet. Kosten für Vorsorgeuntersuchungen dann natürlich erst recht nicht. Mehr als 80.000 Kuai pro Jahr werden auch nicht erstattet. Und, es ist nicht so, dass Du das Geld gleich bekommst. Das ist sehr schwer. Ein oder zwei Jahre dauert das immer…“

In der Schlange von dem „Optiker“ steht ein alter Mann mit Mao-Anzug Jacke und einem um den Kopf geschlungenen Handtuch. Was hält er von dem neuen Krankenversicherungssystem? „Nicht gut“, murmelt er. In seinem Mund hat er nur noch ganz links und ganz rechts zwei gelbe Zahnstümpfe. Was er dann sagt, ist außerdem noch im lokalen Dialekt. Deswegen muss Cui Lin, eine weitere Sozialdienst-Mitarbeiterin, die aus dem Nachbarkreis stammt, übersetzen: „Er sagt: Wenn man im Krankenhaus ist, dann muss man auch die Medikamente von dort kaufen. Die sind aber doppelt so teuer wie draußen in einer Apotheke. Wenn Du also die Hälfte der Kosten erstattet bekommst, aber die Rechnung auch doppelt so hoch ist, dann ist es genau so, also hättest Du von Anfang an alles selbst bezahlt“. Die bei der Aktion mitmachenden Ärzte stimmen mit dem alten Mann völlig überein. Sie erklären übereinstimmend, dass das neue Krankenversicherungssystem für die Gesundheit der Bauen bisher „absolut nichts. Wirklich überhaupt nichts“ gebracht habe.

Dass sich alte Bäuerinnen und Bauern wegen der Häuser ihrer Söhne zu Tode sparen, soll aber natürlich niemandem die Freude an der Expo verderben, wo sich die verschiedensten Staaten und allen voran China mit prächtigen Pavillons feiern, die nach dem Ende größtenteils wieder abgerissen werden. Auch der selbst aus Shanghai stammende und der Expo eher kritisch gegenüberstehende Schriftsteller Han Han äußert Verständnis für diejenigen, die sich über die Eröffnung der Expo freuen. Er regte aber in seinem (inzwischen wieder entfernten) Blog-Beitrag an, im chinesischen Pavillon sollte lieber ein Bürger der Stadt ausgestellt werden: Einer von denen, die es trotz fünf Mal so hoher Wohnungspreise und nur eines Fünftels des in entwickelten Ländern üblichen Einkommens geschafft haben, bis heute zu überleben. Dem kann man zustimmen. Und weil das Überleben für die Katholikinnen aus dem Nachbardorf von Xichangdi noch viel schwerer war als für die Shanghaier, wäre es noch besser gewesen, wenn deren Tanz bei der Eröffnungsveranstaltung gezeigt worden wäre.


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