30. Mai 2010

Literatur Mut und Feigheit der Intellektuellen

Zum 50. Todestag von Boris Pasternak

Unvergesslich sind die Liebesszenen mit Jurij Schiwago, gespielt von Omar Sharif, und Lara, gespielt von Julie Christie, sowie die Musik von Maurice Jarre aus dem amerikanischen Kinohit „Doktor Schiwago“ (1965). Dem Film liegt die gleichnamige Romanvorlage des russischen Schriftstellers Boris Pasternak zugrunde.

Pasternak wurde 1890 in Moskau geboren. Er studierte Philosophie in Moskau und Marburg. Doch entschied er sich schließlich für die Poesie. 1917 sprach er sich für die Russische Revolution aus. Als Idealist glaubte er, dass sie die Lebensverhältnisse der Volksmassen verbessern würde. Schnell wurden jedoch seine Hoffnungen enttäuscht. Hungersnöte, eine katastrophale Wirtschaftspolitik und die Entstehung einer neuen Herrscherkaste, die ihre Gegner brutal verfolgte, prägten das Leben in dem neu geschaffenen Staat. Die Freiheit der schriftstellerischen Arbeit wurde immer mehr eingeschränkt. Die Schriftsteller sollten nicht ihrem Gewissen, sondern der Arbeiterklasse folgen – für freiheitsliebende Menschen wie Pasternak unannehmbar.

Zeitlebens glaubte Pasternak an die Freiheit des Wortes und an die Wahrheit. Das klingt pathetisch, ist es aber nicht. 1935 nahm er an dem Schriftstellerkongress in Paris teil. Während sich seine westlichen Kollegen wie Louis Aragon, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Heinrich Mann als glühende Verehrer Stalins und des sowjetischen Paradieses zeigten, sprach sich Pasternak für die uneingeschränkte Freiheit des Wortes aus – ausgerechnet Pasternak, der die sowjetischen Schriftsteller repräsentieren sollte.

1935 erhielt Pasternak Publikationsverbot, das bis zu seinem Tod aufrechterhalten wurde. Seine Lyrik wurde als bürgerlich, also nicht proletarisch eingestuft. Er wurde angegriffen und öffentlich verhöhnt. Warum Stalin Pasternak während der Säuberungen der 30er Jahre nicht liquidieren ließ, bleibt bis heute ein Rätsel. Pasternak konnte Georgisch und übersetzte aus dem Georgischen ins Russische. Das imponierte offenbar dem Diktator. Dass Pasternak überlebte, war eine Laune Stalins.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er an „Doktor Schiwago“. Der Roman handelt von einem Arzt, der in den Wirren der Russischen Revolution zwischen die Fronten der Rot- und Weißgardisten gerät. Die besondere politische Brisanz des Romans besteht darin, dass Pasternak als ein in der Sowjetunion lebender Schriftsteller wahrheitsgetreu auch den Zynismus und die Grausamkeit der Kommunisten darstellt – ein Tabubruch, der ihm weitere Schikanen seitens des Regimes einbrachte.

Der Roman erschien 1956 in Italien und brachte dem Autor 1958 den Nobelpreis. Die sowjetische Regierung unter Chruschtschow zwang Pasternak, den Preis abzulehnen. Man drohte ihm mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft und wollte ihn sogar des Landes verweisen. Vor seinem Haus wurden aggressive Aufmärsche veranstaltet. Das war zu viel für Pasternak. Er starb an den Folgen eines Herzinfarkts und einer fortschreitenden Krebserkrankung am 30.05.1960 in Peredelkino bei Moskau.

Intellektuelle vom Typ Pasternaks fehlen uns heute – intellektuelle Autoritäten, die den Mut hätten, die Probleme unserer Gesellschaft schonungslos zu benennen. Die bundesrepublikanischen Intellektuellen sind kaum in der Lage, gesellschaftliche Tabus zu brechen, obwohl ihnen für Meinungsäußerungen weder Gefängnis noch Todesstrafe droht. Sie haben ihre Gehirne im Depot des politisch korrekten Mainstream-Denkens abgegeben. Es ist für sie einfach bequem, staats- und systemkonforme Meinungen zu reproduzieren. Kein Wunder, denn die meisten von ihnen leben auf Kosten des Staates.

Der Konformismus ist besonders stark an den Universitäten ausgeprägt. Nur Forschungen, die sich dem Mainstream beugen, werden durchgeführt. Nur solche Forschungen werden auch genehmigt und finanziert. Nichts soll aus dem Rahmen fallen. Aber auch das verwundert nicht, denn ein Universitätsprofessor ist als Beamter ein Staatsdiener: Er ist dazu verpflichtet, gegenüber dem Staat und dem System loyal zu sein.

Nur wenige Intellektuelle – zu erwähnen sind Gerhard Amendt, Norbert Bolz und Peter Sloterdijk – trauen sich, Tabuthemen wie Kritik an der Gleichstellungspolitik, am Sozialstaat oder an der Einwanderungspolitik zu behandeln. Es bleibt zu hoffen, dass die Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, in denen wir uns bereits befinden, mehr mutige Intellektuelle hervorbringen. Pasternak kann dabei als Vorbild dienen.


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