16. Juni 2010

Kirgisien Welche Rolle spielt der Bürgermeister von Osch?

Über die Kunst, ein Pogrom zu schüren

In den südkirgisischen Städten Osch und Dschalalabad sowie in einigen umliegenden Dörfern war es in den vergangenen Tagen zu Pogromen kirgisischer junger Männer gegen Usbeken gekommen. Nach Angaben usbekischer Flüchtlinge sind dabei allein in Dschalalabad siebenhundert Menschen getötet worden. Etwa hunderttausend Usbeken sind in das Nachbarland Usbekistan geflüchtet, das inzwischen seine Grenzen geschlossen hat. Internationale Organisationen wie die OSZE sprechen von ethnischen Säuberungen. Von Anfang an waren Vermutungen laut geworden, dass der im April 2010 gestürzte kirgisische Präsident Kurmanbak Bakijew die Ausschreitungen angezettelt hat, um die neue Interimsregierung zu destabilisieren und seine Rückkehr zur Macht vorzubereiten.

Bakijew hat seine Machtbasis in Osch, wo er während seiner Regierungszeit seinen Anhänger Melis Myrzakmatov als Bürgermeister installiert hatte, der bis heute im Amt ist. Die beiden Vize-Bürgermeister von Osch sind gestern, am 15. Juni 2010, handstreichartig und ohne rechtliche Grundlage von Myrzakmatov entlassen worden. Beide Vize-Bürgermeister, Timur Kamtschibekow und Bakyt Amanbaew, erheben nun gegenüber der zentralasiatischen russischsprachigen Nachrichtenagentur „ferghana.ru“ schwere Vorwürfe gegenüber Myrzakmatov. Amanbaew behauptet sogar, Zeuge eines Telefongesprächs zwischen dem Bürgermeister und dem Ex-Präsidenten gewesen zu sein, bei dem es um Maßnahmen für eine erneute Machtergreifung Bakijews ging. Myrzakmatov habe eine „Gruppe von dreißig bis vierzig Leuten“ bestellt, welche die zu den Massakern führenden Provokationen begangen hätten. Der Bürgermeister selbst war gegenüber „ferghana.ru“ nicht zu einer Stellungnahme zu diesen Anschuldigungen bereit.

Nach bislang vorliegenden Presse-Informationen bestanden die blutbadauslösenden „Provokationen“ darin, dass Gerüchte gestreut wurden, eine Gruppe usbekischer Männer habe eine junge Kirgisin vergewaltigt. Ethnologisch gesehen sind solche Vorwürfe stets ein vielversprechendes Erfolgsrezept, um Ausschreitungen anzustiften. Einen ähnlichen Ursprung hatten auch die Unruhen zwischen Uiguren und Chinesen im Jahre 2009 in Urumtschi, bei denen fast zweihundert Menschen, zumeist Chinesen, zu Tode kamen.

Es bedarf allerdings zunächst einmal auf politischen und vor allem ökonomischen Diskrepanzen beruhender Animositäten zwischen zwei Gruppen, damit derartige Gerüchte in Pogrome umgemünzt werden können. So bildeten die Usbeken einst die Mehrheit der städtischen Bevölkerung in Südkirgisien und sind nach wie vor als Händler und Geschäftsleute relativ wohlhabend, was den Neid vieler noch vor wenigen Generationen nomadisierender Kirgisen auf sich zog. Als dann das Gebiet infolge der noch von Stalin gezogenen Willkürgrenzen nach dem Zerfall der Sowjetunion dem neuen Staat Kirgisien zufiel, waren die Usbeken zwar von der Teilhabe an der Macht ausgeschlossen, aber immer noch vermögender als ihre kirgisischen Neumitbürger.

Aber auch die Geburtenrate der Usbeken ist etwas höher als die der Kirgisen, was möglicherweise Befürchtungen der kirgisischen Lokalpolitiker nach sich zog, in absehbarer Zeit auch ihre politische Macht abgeben zu müssen. Dieses Gemisch aus Neid und drohendem Pfründeverlust reichte offenbar aus, einen mordlustigen Mob zorniger junger Männer zu mobilisieren. Dabei sind beide Bevölkerungsgruppen ethnisch und kulturell gesehen nicht sonderlich verschieden: Beide sind zumindest pro forma sunnitische Muslime, die Turksprachen Usbekisch und Kirgisisch sind in etwa so unterschiedlich wie Niederländisch und Flämisch, und optisch sehen die Usbeken im Schnitt nur einen Tick weniger asiatisch aus als die Kirgisen.

Neid in Teilen der Bevölkerung auf eine wohlhabendere Gruppe ist somit die Grundzutat für ein erfolgreiches Pogrom. Wenn dann auf politischer Ebene drohende beziehungsweise lockende Machtverschiebungen und Bereicherungen dazukommen, bedarf es offensichtlich nur ein paar künstlich herbeigeführter Gerüchte und Provokationen, um Massaker, Bürgerkrieg und ethnische Säuberungen herbeizuführen. Dieses Rezept hat in der Geschichte der Menschheit allzu oft funktioniert. Davon können als Zielscheibe des Neids Juden, Armenier, indonesische Chinesen, Bahai, ugandische Inder, Simbab-Weiße und viele andere Gruppen ein leidvolles Lied singen. Auch Banker und Besitzer schöner Autos können als Projektionsfläche eifersüchtiger Menschen dienen, die sich benachteiligt wähnen.

Es ist übrigens weitaus seltener der Fall, dass Pogrome sich gegen Gruppen richten, die erfolgloser sind als die herrschende Mehrheit, auf deren Kosten sie leben. In solchen Fällen behelfen sich die erfolgreicheren Gruppen in erster Linie durch Abschottung und auf politischer Ebene durch Separation. Vor wenigen Tagen haben die „gemäßigten“ flämischen Separatisten der N-VA einen grandiosen Wahlsieg errungen. Wenn man die Stimmen des radikaleren „Vlaams Belang“ dazuzählt, dann will eine deutliche Mehrheit der Flamen aus Belgien austreten und nicht mehr die im Schnitt behäbigeren und stets sozialistisch wählenden Wallonen alimentieren. Ähnlich ging es Slowenen und Kroaten, und heute schicken sich unter anderem auch Katalanen, Basken, Norditaliener und Schonen an, das Joch der politischen Zwangsumverteilung abzuschütteln, um die Früchte ihrer Arbeit selbst ernten zu können. Die EU indes beschreitet mit ihrem Weg der Zentralisierung und „Harmonisierung“ den gegenteiligen Weg. Was Stalin einst mit seiner willkürlichen Grenzziehung bewirkte, könnte den Brüsseler Apparatschiks der Europäischen Räteunion mit ihrer maßlosen Umverteilung, ihrer Falschgeldschöpfung und ihrer politischen Durchdringung des Alltagslebens auch bald gelingen.

Den Anfängen zu wehren bedeutet eine Entpolitisierung des menschlichen Zusammenlebens. Nur wenn menschliche Interaktionen wie Handel, Migration und Grenzziehungen auf freier individueller Vertragsbasis erfolgen und nicht durch unproduktive Machtverwalter, sprich Politiker, von oben herab gesteuert werden, kann eine Kultur des Fleißes, der Aufrichtigkeit und der freiwilligen Solidarität und Mitmenschlichkeit gedeihen.


Quelle:

Ferghana.ru: Lokale Kräfte stehen hinter den Pogromen (16.06.2010)


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Björn Tscheridse

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