29. Juli 2010

Benachteiligungen Kollektiv oder Individuum?

Überlegungen zum Begriff der Gerechtigkeit

Kollektivistische Auffassungen, denen zufolge die Gruppenzugehörigkeit für die Beurteilung eines Menschen entscheidend ist, stehen individualistischen Auffassungen gegenüber, für die die Einzigartigkeit des Menschen den höchsten Wert darstellt. Die ersteren gehen davon aus, dass Menschen qua Gruppenzugehörigkeit benachteiligt, andere Menschen ebenfalls qua Gruppenzugehörigkeit bevorteilt werden. Daraus entsteht bei den Kollektivisten die Forderung, dass Angehörige der benachteiligten oder angeblich benachteiligten Gruppen mittels staatlicher Maßnahmen besonders behandelt, gefördert oder gar bevorzugt werden sollen. Beispielsweise sollen sie vor Gericht mildernde Umstände erhalten oder bei der Vergabe von Arbeitsstellen bevorzugt eingestellt werden.

Diese Auffassung widerspricht dem individualistischen Verständnis von Gerechtigkeit, wonach es auf den Einzelfall ankommen sollte, denn es gibt Menschen aus der bevorzugten oder angeblich bevorzugten Gruppen, die mehr benachteiligt sind als Menschen aus der benachteiligten oder angeblich benachteiligten Gruppe. Hierfür einige Beispiele, die sich auf die Bundesrepublik beziehen:

1) Menschen aus der Unterschicht sind gegenüber Menschen aus der Mittel- und Oberschicht benachteiligt, behaupten die Sozialisten aller Schattierungen. Ihre Chancen im Berufsleben sind geringer als die Chancen von Menschen aus den bevorteilten Schichten. Also sollten sie bevorzugt behandelt werden.

Denkt man nicht in Gruppenidentitäten, sondern betrachtet die Einzelfälle, so lassen sich genügend Menschen aus der Mittel- und Oberschicht finden, die besonders schlechte Entwicklungsmöglichkeiten hatten. Einige von ihnen wurden zum Beispiel in der Familie schlecht behandelt, was bei ihnen dauerhafte psychische Schäden hinterließ. Andere wurden beispielsweise in Internate gesteckt, in denen sie zu psychischen Krüppeln wurden, usw.

Andererseits lassen sich Menschen aus der Unterschicht finden, die in sehr guten Verhältnissen groß geworden sind. Sie wuchsen in stabilen Familien auf, die ihnen positive Werte und Selbstvertrauen vermittelt haben. Sie sind besser für Leben und Beruf gewappnet als viele Angehörige der Mittel- oder Oberschicht. Daher ist die Auffassung, dass Menschen aus der Unterschicht qua Zugehörigkeit zu dieser Schicht benachteiligt sind, falsch. Es lässt sich höchstens behaupten, dass Menschen aus der Mittel- oder Oberschicht in der Regel oder in einer bestimmten Hinsicht (zum Beispiel bezüglich der materiellen Verhältnisse) bessere Voraussetzungen haben als Menschen aus der Unterschicht.

2) Die Feministinnen behauptet, dass Frauen qua Zugehörigkeit zu ihrem Geschlecht benachteiligt sind. Deshalb sollten sie besonders gefördert und bevorzugt behandelt werden. Auch hier kann leicht nachgewiesen werden, dass eine große Anzahl von Frauen viel bessere Entwicklungsmöglichkeiten, sei es familiärer, schulischer oder beruflicher Art, hatte als die meisten Männer.

Bezieht man die Auffassung von der schichtenspezifischen Benachteiligung auf Männer und Frauen, so kann behauptet werden, dass Männer aus der Unterschicht in der Regel mehr benachteiligt sind als Frauen aus der Mittel- und Oberschicht – ein Umstand, der von Feministinnen völlig übersehen wird. Doch oben wurde bereits festgestellt, dass die Auffassung von der schichtenspezifischen Benachteiligung durch Gegenbeispiele leicht widerlegt werden kann.

3) Eine weit verbreitete Meinung besagt, dass Migranten gegenüber den Einheimischen benachteiligt sind. Dies stimmt nur in einer Hinsicht: Migranten haben in der Regel schlechtere Deutschkenntnisse als Einheimische, was auch Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt mit sich ziehen kann. Doch dieses Defizit kann in relativ kurzer Zeit durch den Erwerb der deutschen Sprache ausgeglichen werden.

Dass die meisten Migranten der Unterschicht angehören, macht sie nicht per se zu Benachteiligten, wie oben festgestllt wurde. Migranten können bessere individuelle Dispositionen haben als die Einheimischen.

Die Beispiele zeigen, dass in der Bundesrepublik Menschen nicht qua Gruppenzugehörigkeit benachteiligt sind. Benachteiligungen können nur einzelne Menschen betreffen. Es kann höchstens gesagt werden, dass Angehörige einer Gruppe „in der Regel“ oder „in einer Hinsicht“ gegenüber Angehörigen anderer Gruppen benachteiligt sind. Doch dieses „in der Regel“ oder „in einer Hinsicht“ reicht nicht aus, um die bevorzugte Behandlung ganzer Gruppen zu rechtfertigen. Es wäre daher viel gerechter, nicht auf angebliche Benachteiligungen von Gruppen, sondern auf Benachteiligungen von Einzelpersonen zu achten.


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