24. Mai 2011

Diesseits von Israel All die kleinen Bin Ladens

Gewalt als interne Angelegenheit

Weil so viele europäische Intellektuelle in Nahost vor allem die Juden Israels beobachteten, sind sie von den Aufständen der Araber und den Gegenschlägen ihrer Unterdrücker überrascht worden. Überstürzte Anpassungsversuche haben dann nicht viel mehr gebracht als die Umbenennung bisher respektvoll gezeichneter Präsidenten, Staatschefs und Verteidiger Palästinas in „Diktatoren“ oder „Despoten“.

Da jedoch allein das ideologische Muster von Israels Schuld am Blutvergießen im Islambogen seit Jahrzehnten eingeübt ist, muss es wie ein unter Wasser gedrückter Korken wieder nach oben. Exemplarisch für viele Kollegen schreibt deshalb Roland Nelles im „Spiegel“: „Amerika muss endlich für einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sorgen. Sonst wird es wieder einen Osama geben.“

Der Erschossene selbst war bei der Beurteilung seines Tuns weiter als seine judenfixierten Deuter. Schon in einer Ausstrahlung vom 7. Oktober 2002 drohte er dem Westen nicht etwa mit missachteten Palästinensern, ja nicht einmal mit einer Armee der Frömmigkeit. Ausdrücklich warf er die „Jugend des Islam“ und die „Jugend Gottes“ in die Schlacht.

Mit dieser Wortwahl lieferte Osama bin Laden eine durchaus passable Terrorerklärung – und das auch noch jenseits Israels. Weil der Islam in einem Jahrhundert von 140 Millionen auf heute 1,5 Milliarden Anhänger sprang, macht es nämlich durchaus Sinn, mit dem Pfund von 200 bis 300 Millionen jungen Männern zu wuchern, die friedlich nur schwer unterzubringen sind. Die Araber alleine verfünffachten sich seit Israels Gründung im Jahre 1948 von 75 auf 350 Millionen Menschen. Ihre radikale Speerspitze im Gazastreifen schafft sogar eine Verachtfachung von 200.000 auf 1,6 Millionen.

Nicht die knapp sechs Millionen Juden Israels halten das Schicksal jener 1,5 Milliarden in der Hand. Selbst mit weiseren Regierungen hätte man sie ohne ihre nukleare Samsonoption längst weggefegt. Die Muslime – was „Al Jazeera“-Reporter klarer sehen als gewöhnliche Palästina-Experten – sind sich selbst die größte Gefahr. Sie ähneln darin den Europäern, die zwischen 1500 und 1915 von 60 auf 500 Millionen Einwohner zulegten, bis 1945 ebenfalls nur ihresgleichen zu fürchten hatten und bis dahin weit über 100 Millionen in die Kriegsgräber beförderten.

Angesichts dieser demografischen Parallelen überrascht es nicht, dass von 11 Millionen Muslimen, die seit 1948 durch Gewalt umkamen, nur 55.000 in Kriegen gegen Israel ihr Leben verloren – einer von zweihundert. Allein die Bürgerkriege unter den Arabern Libanons und Algeriens haben drei- und viermal so viele Opfer gekostet.

Welcher Journalist will da garantieren, dass ein Palästina ohne Israel besser fahren würde? Womöglich ist es Glück im Unglück der Unstaatlichkeit, dass die zahllosen Palästinenser ohne Aussicht auf Karrieren ihren Zorn nicht nur untereinander exekutieren müssen, sondern auf Israel richten können, das dann zumeist gezielt zurückschlägt und gerade dadurch die Opferzahlen begrenzen kann.

Auch in diesem Falle ist die arabische Seite einsichtiger als ihre europäischen Sympathisanten. So registrierte die „Palestinian Human Rights Monitoring Group“ bereits 2005 mehr Opfer – „vorrangig junge Männer“ – bei interner Kriminalität und Bandengewalt als in antijüdischen Attacken. Anfang September 2006 verzweifelte selbst der Hamas-Sprecher Ghazi Hamad: „Gaza keucht unter dem Joch der Anarchie und den Schwertern junger Meuchelmörder.“ Der Hamas-Führer Ismael Haniyeh – Vater von dreizehn Kindern – allerdings fühlt sich da in seinem Element und träumt auch am 2. Mai 2011 unverdrossen weiter von der Vernichtung Israels. Das Ende Bin Ladens geißelt er deshalb als „Mord an einem heiligen Krieger Arabiens“.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30. Mai erscheinenden Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 113


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Gunnar Heinsohn

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