30. November 2011

Ägypten Die Soldaten lernen schneller als die Demonstranten

Demographie und Bürgerkrieg

Die Jugend vom Tahrir-Platz erschöpft sich in Wiederholungen. Sie will nur einen weiteren Machthaber loswerden – Mubaraks 76-jährigen Oberbefehlshaber Tantawi. Da sich seit dem Sturz des Rais am 11. Februar 2011 nichts Richtung Demokratie geändert habe, richtet sich bei einigen die Wut allerdings schon generell gegen die „Vormacht der alten Generation in der neuen politischen Ära“ (Financial Times, 23.11.2011, S. 2).

Noch etwas hat sich seit dem Februar nicht verändert. Ägyptens Bürgerkriegsindex liegt immer noch bei 3,4. Auf 3.400 junge Männer zwischen 15 und 19 Jahren am Beginn des Lebenskampfes kommen nur 1.000 angehende Rentner zwischen 60 und 64 Jahren, die Positionen räumen. Selbst beim Verschwinden aller Alten müssen auch weiterhin drei bis vier Jünglinge in die Konkurrenz um einen einzigen Posten. Nichts daran ändert sich durch das Auswechseln des politischen Personals oder gar durch einen charismatischen Jüngling an der Spitze des 80-Millionen-Volks. Deutschland hingegen ist mit einem Index von 0,94 gesegnet. Hinter 1.000 Alten folgen 940 Junge, so dass es zu Gedrängel gar nicht erst kommt. Ägyptische Jugendüberhänge gab es letztmalig zwischen 1923 und 1933. Die roten und braunen Hemden der Straßenschlachten weichen alsbald dem grauen Rock. Der Rest ist bekannt.

Ägyptens Armee verhält sich keineswegs wiederholend. Sie konzentriert sich neun Monate lang auf die Vorbereitung des Bürgerkriegs. Sie kann sich nicht damit beruhigen, dass in Libyen oder Syrien sogar Bruderkriegs-Indizes von 3,9 beziehungsweise 5,6 das Töten befeuern. Denn auf dem Land und in den Vorstädten liegen auch am Nil die Relationen kaum niedriger. Deshalb lernt man durch rund 12.000 Verhaftungen gerade die mutigsten Protestierer gut kennen und verschleppt potentielle Revolutionskommandeure in Militärgefängnisse. Daneben wird der schon von 2009 auf 2010 um mehr als zwei Prozent gestiegene Militärhaushalt (SIPRI Year Book 2011) noch einmal hochgefahren, obwohl das Wirtschaftswachstum 2011 auf ein Fünftel der früheren Raten abrutscht. 435.000 ausgesuchte Männer – Deutschland hat bei der gleichen Bevölkerung  gerade 208.000 Soldaten – verstehen längst, dass Verbrüderungen mit Zivilisten auf dem Tahrir-Platz und selbst vorbildlich freie Wahlen die Zuspitzung nur verzögern, aber nicht verhindern können. Sie immerhin haben Posten und wollen die nicht verlieren.

Am schwierigsten gestaltet sich die Wahl des Bündnispartners. Das Oberkommando steht eher im säkularen Lager, erhält von dort jedoch am wenigsten Zuspruch. Die salafistischen Islamisten kommen nicht in Frage. Die Dienste „könnten sie an einem einzigen Tag verhaften“ (Financial Times, 22.11.2011, S. 6). Da sie schon unter Mubarak unter Beobachtung standen, kennt man sie noch besser als die Februar-Aktivisten. Allein das Bündnis mit den Muslimbrüdern belässt der Armee im – auf kleiner Flamme bereits laufenden – Bürgerkrieg alle Vorteile. Die gibt sich entsprechend kooperationsfähig. Ihre Kritik bleibt vernehmbar genug, um die Verratsvorwürfe der Revolutionäre zu neutralisieren. Sie klingt aber milde genug, um anstehende Ministerämter nicht zu riskieren.



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Gunnar Heinsohn

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