09. Juni 2011

Kriege und Menschen Serbien und Georgien versus Tschetschenien oder Afghanistan

Drei NATO-Generalsekretäre und keine Antwort auch zu Libyen

Beschwingt, aber auch beschwörend stimmt Ende Mai 2011 Lord Robertson of Port Ellen hohe Offiziere und Kriegsexperten auf den Sieg in Afghanistan ein. In seiner Zeit als NATO-Generalsekretär habe man während des Kosovokrieges im Frühjahr 1999 jeden Tag Pressekonferenzen abgehalten und – bewusst im Stil Winston Churchills – immer wieder erklärt, dass der Westen niemals besiegt werde. Die Teilnehmer der Konferenz „Protecting the soldier in modern conflict“ applaudieren höflich. Doch Begeisterung oder gar Siegeszuversicht will im Insitute of Directors an Londons Pall Mall nicht aufkommen. Das Publikum wird nämlich kurz zuvor Zeuge einer Analyse des Unterschieds zwischen beiden Kriegsschauplätzen. Der Schotte kann das nicht wissen, weil er wegen Islands Vulkan Grimsvötn vom Flugzeug auf die Bahn wechseln muss und deshalb verspätet aus Edinburgh eintrifft.

Das Serbien seiner Zeit hat zehn Millionen Einwohner und kapituliert nach 80 Tagen und knapp 11.000 Angriffen der westlichen Bombenflugzeuge. Das größte Militärbündnis der Welt, hinter dem 800 Millionen Menschen stehen, siegt „hands down“, wie ein Medienmann beim Londoner Treffen schwärmt. Alle Befürchtungen über weitere Gewaltausbrüche Belgrads erweisen sich als haltlos, obwohl es gerade mal 1.200 Mann verliert. Selbst Ratko Mladic von Srebrenica tritt nicht mehr an. Frieden und Brüssels Fleischtöpfe werden unbestrittenes Mantra der südslawischen Vormacht. Dafür zieht es am Ende sogar den Bosnienschlächter ans Licht. Afghanistan hingegen führt seit 1978 Krieg und steht ungeachtet des Verlustes von Millionen stärker da als je zuvor.

Warum wird der eine machtpolitische Zwerg schnell niedergeworfen, während der andere immer wieder in die Offensive geht? Russland mit seinen 140 Millionen Einwohnen macht im Osten ja dieselbe Erfahrung. Georgien mit 4,5 Millionen Einwohnern läuft im August 2008 nach vier Tagen davon. Die Opferzahlen bleiben im dreistelligen Bereich. Aber Tschetschenien mit nur einer Million Menschen zwingt das Riesenland von 1994 bis 1996 und noch einmal von 1999 bis 2009 in Kriege, bei denen 140.000 Menschen ihr Leben verlieren. Ähnliches schafft Afghanistan, das mit damals 13 Millionen Einwohnern die 300 Millionen starke Sowjetmacht nach zehn Jahren (1978-1988) zum Abzug zwingt.

Haben Serben und Georgier etwas gemein, das sie – ob NATO oder Russland - zu Besiegten macht? Und verfügen die Afghanen über ein Mittel, dem weder Amerikaner noch Russen etwas entgegenstellen können? Warum verlieren die Krieger vom Hindukusch Schlacht um Schlacht und bleiben dennoch siegesgewiss, während die anderen so schnell Reißaus nehmen?

Bei den Georgiern (1,4 Kinder pro Frau) und Serben (1,7) werden potentielle Helden gar nicht erst geboren. Ihre männlichen Nachkommen sind einzige Söhne oder gar einzige Kinder. Alle haben eine Zukunft, weshalb sie selbstmörderische Kommandos meiden. Ihr Durchschnittsalter liegt nahe bei den 40 Jahren, genau wie bei den Gegnern von NATO und Russland. Die Tschetschenen aber haben damals ein Durchschnittsalter von 18 Jahren und die Afghanen stehen selbst heute bei 17. Die Großen stecken im selben demografischen Sinkflug wie die geschlagenen Kleinen. Absolut haben sie zwar mehr siegesentscheidende Söhne, aber mit jedem Gefallenen verliert auch bei ihnen eine Familie den einzigen männlichen Stammhalter.

Russland versteht immerhin schon 2008, dass ihm in Georgien nicht dasselbe passieren kann wie zwanzig Jahre zuvor in Afghanistan, wo es einzige Jungen gegen dritte und vierte Söhne des Gegners verliert. Die NATO ist so weit noch nicht. Bei der Londoner Konferenz demonstriert das der britische Oberkommandierende, als er Fragen nach dem Libyeneinsatz mit der Abwehr eines Genozids in Bengasi, also mit der Verhinderung eines zweiten Srebrenica verteidigt. Jaap de Hoop Scheffer – in London Diskussionsleiter und bei der NATO Nachfolger von Lord Robertson – bekräftigt daraufhin noch einmal die Trauer seiner Landsleute über das Nichtstun der Soldaten im bosnischen Blutjuli 1995. Doch niemand hat de Hoop Scheffer oder seinerzeit den Niederländern erklärt, dass nicht alle Völkermorde gleich sind. Die einen lassen sich in der Tat verhindern, während bei anderen die Interventionsmacht selbst nur allzu oft schlichtweg auf einer Seite mittötet. Hätte man damals Mladics Leute vor Srebrenica entschlossen gestoppt, wären sie nicht in immer neuen Wellen zum Abschlachten ausgerückt, sondern so resigniert abgezogen wie ihre muslimischen Gegner auch. Es gibt schlicht keine neuen Angriffswellen. Auf beiden Seiten stehen alternde Volksgruppen, die noch hassen, aber keine ernsthaften Verluste mehr aushalten können, weil zweite, dritte oder gar vierte Söhne gar nicht erst geboren wurden.

Die aber hat Afghanistan und kann deshalb Verluste aushalten wie nur wenige Territorien der Erde. Seine Frauen haben viermal so viele Kinder wie ihre Schwestern in Serbien und Georgien. Mit seinem Bruderkriegsindex von sechs – auf einen rentennahen 59-Jährigen folgen sechs Neunzehnjährige in den Lebenskampf – prunken im Islam nur noch Gaza und Jemen. In Serbien liegt der Index ganz friedlich bei eins. In Libyen jedoch, wo angeblich ein zweites Bosnien – mit doch ebenfalls nur eins – verhindert werden soll, steht er bei brandgefährlichen drei. Dieser hohe Faktor sorgt dafür, dass auch nach elf Wochen und 3.700 NATO-Luftangriffen (bis 7. Juni 2011) nicht nur Gaddafis Leute, sondern auch die Rebellen immer noch kämpfen und ebenfalls Kriegsverbrechen begehen können.  

Deutschland verliert im dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gebietsweise – etwa in Württemberg – zwei Drittel seiner Menschen. Afghanistan hingegen schießt in seinem 33-jährigen Krieg von 13 auf  30 Millionen hoch. Jedes Jahr erreichen 460.000 Jungen das dort übliche Kampfalter von 15 Jahren. Nur eine Minderheit kann auf eine Karriere hoffen, und auch das nur, solange Berlin oder Washington für einen Teil der jungen Männer die Soldaten- und Polizistenlöhne zahlen. Gleichwohl will NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen – nicht weniger brillant als seine beiden Vorgänger – weit über 2014 hinaus gegen Afghanen kämpfen, bis ihre Gesellschaft „für Terroristen ungastlich“ geworden sei. Zuversichtlich meldet er, dass bereits 1.700 Taliban in westlich bezahlten Fördermaßnahmen stecken („Financial Times“, 31.05.11). Man möchte das nicht gleich als Tropfen auf den heißen Stein abtun. Aber weiß der Generalsekretär, dass auf die 4,5 Millionen 15-29-jährigen Afghanen, die jetzt allen Seiten die todesmutigen Rekruten liefern, 7,3 Millionen 0-14-jährige Knaben folgen, die für die Schlachten von morgen bereit stehen?

Dass hier ein gemeinsamer Krisenraum, „Af-Pak“, sein Potenzial entfaltet, weiß Rasmussen in jedem Fall. Dieser vom Autor 2007 für eine Londoner Janes-Konferenz geprägte Ausdruck ist von der US-Regierung und ihrem kürzlich verstorbenen Sonderbotschafter John Holbrooke adaptiert worden. Allerdings ging dabei die demografische Pointe verloren. Pakistan keucht zwar „nur“ unter einem Bruderkriegsindex von vier. Aber seine Volumina sind einzigartig. 14 Millionen Männer zwischen 30 und 44 Jahren lassen die Kämpfe hinter sich. 28 Millionen zwischen 15 und 29 sind jetzt aktiv. Doch hinter ihnen träumen formidable 35 Millionen Jungen unter 15 Jahren von den Früchten des Sieges oder dem Ruhm des Heldentodes. Das sind abendländische Potentiale vom Beginn des 20. Jahrhunderts, als man zwischen 1914 und 1918 zehn Millionen Mann verbrennt und doch – mit der Ausnahme Frankreichs – für jeden Hof und jede Werkstatt noch Erben übrig behält.


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Gunnar Heinsohn

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