30. Juni 2011

Einwurf zur Gewaltwelle in Griechenland Weiße Rose(n) in Athen?

Die wirklichen Probleme haben keine Lösung, sondern Geschichte

Haben Sie sich schon ein Bild gemacht, von den Ereignissen in der großen, jahrtausendealten Stadt am Mittelmeer, die wir seit langem Athen nennen und die heute als Hauptstadt des Staates Griechenland gilt? Haben Sie sich eine Meinung gebildet, die Sie vertreten wollen, wenn Sie heute Abend in ihren Sportverein, zur Geburtstagsfeier Ihres Freundes oder ihren Nichtraucher-Stammtisch gehen? Sind da die Schmarotzer der EU auf den Straßen, die nur immer besser versorgt werden wollen oder etwa die gewohnheitsmäßigen Steuerhinterzieher, die um ihre Einkünfte aus sogenannter Schwarzarbeit fürchten? Sind es einfach Krawallbrüder, die schon in Genua oder Heiligendamm ihr Mütchen kühlten? Oder ist es gar eine Widerstandsbewegung gegen die aufkommende EU-Diktatur, die Griechenland als Testgebiet für eine Versklavung Europas sich ausgewählt hat? Oder doch etwas ganz anderes? Wer kann das ernstlich beurteilen, aus der Ferne?

Wenn wir in unsere Medien schauen, dann lesen wir unter anderem von den „Friedlichen“, die auch dort in Gänsefüßchen gesetzt werden, da einige von ihnen den Steinewerfern applaudiert haben sollen und womöglich selbst Marmorbrocken gegen Polizisten werfen, die das Parlamentsgebäude mitsamt der tagenden Volksvertreter schützen. So versucht man, auch die gewaltlos Protestierenden sämtlich zu diskreditieren.

Die Abwesenheit von Gewalt, Frieden in Freiheit – schöne Träume! Doch wie erreicht man dies? Mit einer Revolution, mit einem Putsch, mit einer totalen Kapitulation, mit einer friedlichen Wende oder mit gewaltsamen Krawallen? Wo in aller Welt haben ausgerechnet politische Umstürze Frieden in Freiheit garantiert? Es ist unser Wunsch nach Veränderung, der uns dazu treibt, an eine Verbesserung durch radikale Umkehrung allen Übels in kuchengute Verhältnisse zu glauben. Machen wir uns aber nichts vor, weder ein Bürgerkrieg noch die von den Eurokraten gefeierten Steuererhöhungen, die Ausgabenkürzungen und Verkäufe von Staatsbetrieben einschließlich der von ihnen gewöhnlich bewirtschafteten Monopole werden irgendetwas an jenen schweren politisch-ökonomischen Problemen Griechenlands ändern, die Gérard Bökenkamp kürzlich auf ef-online in seinem Vergleich mit Tschechien aufgeführt hat.

Dazu kommen Probleme, die eine schnelle Lösung nicht erwarten lassen: Viele Griechen haben offensichtlich nur insoweit Vertrauen in die staatlichen Institutionen, wie diese ihnen nach einer Wahl Lohn und Gehalt, Renten oder Subventionen auszahlen. Sie rechnen als Unternehmer und Freiberufler damit, auch dann zur wiederkehrenden Begleichung von auf Schätzungen beruhenden Steuerforderungen herangezogen zu werden, wenn sie in den betreffenden Jahren alle Steuergesetze beachtet zu haben glauben. Nur konsequente Schwarzarbeit schützt dann vor doppelter Veranlagung. Die Qualität „ihrer“ politischen Klasse betrachten sie offenbar mit einer Mischung aus Realismus und Fatalismus: geeignete, vertrauenswürdige Führungspersönlichkeiten sind nicht erkennbar.

„Die wirklichen Probleme haben keine Lösung, sondern Geschichte“ hinterließ uns Nicolás Gómez Dávila. In Bezug auf Griechenland besteht diese Geschichte zumindest seit dem 20. Jahrhundert in einer Aneinanderreihung von politischen Katastrophen korrupter Regimes, verlustreichen militärischen Auseinandersetzungen und – von außen betrachtet – dem Schwinden moralischer Instanzen, die in der Lage sein könnten, durch ihre Reputation als Personen zu einer Befriedung und zum Wachsen einer öffentlichen Rechtsordnung beizutragen.

Yanis Varoufakis könnte vielleicht solch eine Person werden. Der Volkswirt der Athener Universität verstieg sich gegenüber der „International Herald Tribune“ zu der Binsenweisheit: „Wenn man zahlungsunfähig ist, dann löst man dieses Problem nicht mit neuen und noch höheren Schulden.“ Doch diese Wahrheit auszusprechen, die ja vielen der Demonstranten und wohl auch einigen Parlamentariern wohlbekannt sein dürfte, und demgemäß staatlich zu handeln, das sind zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe. Dem notwendigen Wandel in Griechenland stehen viele Hindernisse im Wege, eines davon ist die Angst der Eurokraten vor einem Zusammenbruch ihres auf Schuldentürmen und politischen Lügengebäuden errichteten fragilen Machtgefüges.

Im Moment bleibt uns nur die Hoffnung, dass die politisch-ökonomischen Probleme weiter eskalieren mögen, sodass Menschen in Griechenland und anderenorts mehr Gelegenheit haben werden, in der Krise verantwortliche Entscheidungen in ihrem ureigenen Sinne und in dem ihrer Mitmenschen zu treffen. Wenn wir die Opfer der Gewalt auf den Straßen Athens bedauern, so sollten wir uns daran erinnern, welche Opfer der bestehende Gewaltfrieden in der EU fordert: die Einebnung der herausragenden kulturellen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Regionen Europas im Interesse einer politisch-ökonomischen Gleichschaltung, wie sie Europa noch nicht gesehen hat. Ob die nächste politische Katastrophe aber auch nur eine Verminderung der Probleme bringen wird, kann nicht vorhergesagt werden.

Solange die bequeme Auffassung regiert, nach der jede noch so absurde Stimme die Äußerung der nackten Wahrheit aufwiegt, wird sich vermutlich nichts Grundlegendes ändern.


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Johannes Kromberg

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