03. September 2011

Charlotte Roche, Murray Rothbard und die Kids Geschiedene Leute, gebrochene Kinder

Kleine Lektüre für trennungswillige Eltern und unterkühlte Libertäre

Der Singlehaushalt ist in Deutschland die häufigste Haushaltsform. 15 Millionen Singlehaushalte zählt die Republik. Seit 1970 ist die Quote der Alleinlebenden von damals 25,1 Prozent auf heute 39,4 Prozent angestiegen. Ein Trend, der Vermietern nützlich erscheinen mag, die ansonsten aufgrund der demographischen Alterung größere Wohnungsleerstände befürchten müssten. Im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel wird oft noch eine weitere Zahl genannt: die Scheidungsrate. Etwa ein Drittel aller deutschen Ehen werden geschieden. 1970 scheitern 76.000 Ehen in Deutschland und im Jahr 2005 sind es bereits 201.600.

Wenn Demographieforscher die Scheidungsrate erwähnen, treibt sie die Zahl der Kinder um, die aufgrund der Scheidungen nicht geboren werden. Der Aspekt, dass die bereits geborenen Kinder, durch die Scheidung ihrer Eltern schon in jungen Jahren ein gestörtes Verhältnis zu Familie und Partnerschaft entwickeln könnten, bleibt meist auf der Strecke. Sicher, im günstigsten Fall kann die traumatische Erfahrung zu einer „Ich-will-das-einmal-besser-machen“-Mentalität führen, jedoch weit häufiger wirkt sich das Erlebte negativ aus. Aber ökonomische Überlegungen, die den Erhalt der Bevölkerungszahl im Auge haben, sollen hier gar nicht angestellt werden. Hier soll es um die mitunter fatalen Auswirkungen der Trennung auf die Kinder gehen.

In der aktuellen ef-Ausgabe weist André F. Lichtschlag in einem Artikel zum Scheidungskind Behring Breivik darauf hin, dass auffallend viele Terroristen aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen. Der Artikel zitiert auch den Kriminalpsychologen Thomas Müller, der auf einen Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und schwieriger Kindheit aufmerksam macht: „In frühester Kindheit sind diese Menschen oft innerlich vereinsamt. Als Ausgleich dafür, dass sie keine Vertrauensperson haben, entwickeln sie Phantasien, in denen sie mächtig sind und andere schlagen oder töten können. Die Sexualität, die sich später entwickelt, verknüpft sich mit diesen Phantasien.“ Larry Bilotta, ein Beziehungsexperte aus der Partnervermittlungsbranche, der sich der Rettung von Ehen verschrieben hat, trägt unter dem Titel „18 Shocking Statistics About Children and Divorce“ ernüchternde Zahlen aus Amerika zusammen, die hier einmal zitiert werden sollen:

Die Hälfte aller kleinen Amerikaner wird es einmal im Leben durchmachen, dass die Menschen auseinander gehen, die bisher ihren Lebensmittelpunkt ausmachten; ein Viertel sogar zweimal. Eins von zehn Kindern wird dreimal oder öfter die Scheidung ihrer Eltern respektive Erziehungsberechtigten erleben. Von allen Kindern, die in diesem Jahr in eine Ehe geboren werden, werden 50 Prozent die Scheidung ihrer Eltern noch vor Erreichen der Volljährigkeit erleben. Ein Viertel aller Kinder in den USA wachsen derzeit ohne Vater auf.

Die Scheidungen hinterlassen beträchtliche Narben auf der empfindlichen Kinder- oder Jugendlichenseele, die oftmals tiefer sind, als sie der Tod eines Elternteils verursachen könnte. Scheidungskinder benötigen weit häufiger psychologische Hilfe als Waisen oder Halbwaisen. Kinder von Alleinerziehenden oder aus Patchwork-Familien nehmen dreimal häufiger psychologische Hilfe in Anspruch als Kinder aus glücklichen Ehen. Nach einer Studie der amerikanischen Akademie für Kinder- und Jugendpsychiatrie leiden Scheidungskinder oftmals noch nach über sechs Jahren unter der Trennung der Eltern und fühlen sich unglücklich, einsam, ängstlich und unsicher.

Sie haben mehr Probleme mit Gleichaltrigen, versuchen fast doppelt so oft Selbstmord zu begehen, und besonders Jungen sind deutlich aggressiver als Kinder aus intakten Familien. 70 Prozent aller langfristig in Amerika einsitzenden Gefängnisinsassen wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen auf. Kinder von alleinerziehenden Frauen werden zehnmal häufiger Opfer von Gewalt oder Mord. Neben Familien aus dem Drogenmilieu sind es Haushalte Alleinerziehender, in denen die meisten Fälle von Kindesmissbrauch gezählt werden.

Schon Studien aus den Achtziger Jahren belegen, dass Kinder von mehrfach geschiedenen Eltern nur niedrige Abschlüsse erreichen und dass sie von ihren Arbeitskollegen als unangenehm im Umgang empfunden werden. Zweimal häufiger als Kinder aus glücklichen Ehen brechen sie die Schule gar ganz ab. Hat man Auswirkungen auf Psyche und Leistungsfähigkeit noch erwartet, so erstaunt doch die Tatsache, dass eine Scheidung auch physische Beeinträchtigungen für die Kinder mit sich bringen kann. Scheidungskinder leiden häufiger unter Asthma, Kopfschmerzen sowie Sprachstörungen, und sie verletzen sich öfter. Allgemein leiden sie 50 Prozent häufiger unter gesundheitlichen Problemen.

Für hiesige Leser mag folgendes noch interessant sein: Im Anschluss an diese Zahlen würden viele Libertäre auf den linken Zeitgeist zeigen, was, da vorherrschend, durchaus gerechtfertigt wäre. Ich möchte an dieser Stelle einmal auf die unterkühlte libertäre Rhetorik verweisen, die meist alles andere als kinderfreundlich ist. Kommt es auf die Kinder, sind libertäre Betrachtungen, neben der Freiheitsliebe, allzu oft gänzlich frei von Liebe. Das Kapitel „Children and Rights“, aus („Mr. Libertarian“) Murray Rothbards „The Ethics of Liberty“ ist so ein Text. Zwei Zitate (frei übersetzt) sollten genügen, um zu illustrieren was ich meine: „Ein Elternteil sollte nicht das Recht haben, ein Kind zu töten oder zu misshandeln, aber Eltern sollten das gesetzliche Recht haben, ihr Kind nicht zu nähren, es also zuzulassen, dass es stirbt.“ Mir ist kein linker Text bekannt, der soweit gehen würde. Wahrscheinlich weil die Linke Kinder als künftigen Nützling des Kollektivs betrachtet, was auch nicht gerade viel mit Liebe zu tun hat. Ich konnte leider nicht recherchieren, ob Rothbard kinderlos war, aber in Anbetracht dieses Satzes, würde ich einen hohen Betrag darauf  wetten.

Ebenso schwer verdaulich ist Rothbards Haltung zu Abtreibungen: „Aber sollte eine Mutter entscheiden, dass sie ihren Fötus nicht länger will, dann wird der Fötus zu einem parasitärem Eindringling, und die Mutter hat das perfekte Recht, diesen Eindringling auszustoßen. Abtreibung sollte nicht als Mord einer lebenden Person angesehen werden, sondern als Ausstoßung eines ungewollten Eindringlings aus dem Körper der Mutter.“ Neben der intellektuellen Kälte von Rothbards „parasitärem Eindringling“ wirkt die feministische Unbekümmertheit einer Charlotte Roche fast schon sympathisch. Sie gab kürzlich bei Sandra Maischberger ein Zitat ihrer Mutter zum Besten: „Ihr dürft im Kinderzimmer ruhig Sex haben, und falls du schwanger werden solltest, hat deine Mutter immer Geld für eine Abtreibung“. Die Bestsellerautorin Roche übrigens beschreibt in ihrem neusten Buch das Leben einer Frau, die in einer Patchwork-Familie Probleme mit sich, dem Kind, dem neuen Mann und – wer hätte das gedacht? – ihrer Sexualität bewältigen muss und dabei versucht, ihrer Tochter eine bessere Mutter zu sein als es ihre war. Muss ich erwähnen, dass Roche ein Scheidungskind ist?

Internet

Link zu Bilottas Artikel mit Quellenangaben

http://www.marriage-success-secrets.com/statistics-about-children-and-divorce.html


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Holger Graf

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