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Bericht aus Philadelphia: Das trojanische Zeltvon Holger Graf Ron-Paul-Fans okkupieren „Occupy“ Auch in Amerikas fünftgrößter Stadt, Philadelphia, kampiert seit Anfang Oktober ein Ableger der „Occupy-Wall-Street-Bewegung“ (OWS) auf den Straßen. „Occupy Philly“ heißt das Aktionsbündnis, das den Großkopferten ein Schnippchen schlagen will. Anders als in anderen Städten wartet es jedoch mit einer Besonderheit auf: Am Rande des Dilworth Plaza hat eine Gruppe von Anhängern des libertären republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul ihre Zelte aufgeschlagen. Sie will nach eigenem Bekunden nicht gegen den linken Protest protestieren, sondern nur eine andere Seite aufzeigen. Allerdings sehr zum Unmut der OWS-Aktivisten. In „Democrats“ nahestehenden Internet-Foren reagiert man erzürnt auf das trojanische Zelt. Die Anhänger der Partei, deren Wappentier ein Esel ist und die sich nicht gerade dadurch hervorgetan hat, die angeprangerten Umstände zu ändern, wollen die Ron-Paul-Freunde, die in Philadelphia unter dem Namen „Truth, Freedom, Prosperity“ (TFP) campieren, loswerden. Ein Forums-Schreiber notiert: „Die Ron-Paul-Gruppe hat sich parasitär an unsere ultra-progressive, revolutionäre Bewegung angehängt, um anstrengungslos ihren Müll verbreiten zu können.“ Tagelang wird über eine Vertreibung spekuliert. Am 19. Oktober dann wird nächtens in den Ron-Paul-Stand eingebrochen, während die Betreiber in ihren Zelten schlummern. Es wird sämtliches Infomaterial inklusive DVDs und Büchern entwendet, sowie Propangasflaschen, Taschenlampen und zwei Drittel der Nahrungs- und Wasservorräte. Dazu hinterlässt einer der Diebe in der Mitte des Unterstands einen optisch wie olfaktorisch eindrucksvollen Kothaufen. So handeln Anhänger einer Bewegung, die sich auf die Fahnen schreibt, sie repräsentiere 99 Prozent der Menschen. Doch der Schuss geht nach hinten los. Die Aktion macht die schrägen Jungs von TFP bei den Okkupierern erst recht bekannt. Und bei einigen sogar beliebt. Die Stimmen, die eine Vertreibung der Paulaner fordern, werden leiser. Vor dem Vorfall hing nur ein kleines Plakat an dem Stand, danach lächelt ein 2,40 Meter hohes Ron-Paul-Gesicht die Passanten an. Sympathisanten spenden nun Kampagnenmaterial aus ihren Kellern. Teilweise aus dem Jahr 2008 – man überklebt die Jahreszahl einfach mit 2012. Solch eine Möglichkeit steht nicht allen offen. Ron-Paul-Anhänger aber hätten auch Material aus den 80er Jahren nehmen können, seine Aussagen sind die gleichen geblieben. Die Wahlkämpfer der Mindestentlohner, Euro-Retter und Energiewender dagegen müssen quartalsweise neue Broschüren drucken. Ein besonderes Ärgernis für die OWS-Aktivisten ist ein Mann namens Fernando Antonio Salguero. Er plädiert für ein liberales Waffenrecht. Und er hat eine Lizenz zum offenen Tragen von Handfeuerwaffen. Nicht nur, um sie irgendwo abzuheften: An seiner Hüfte baumelt stets ein Colt, Kaliber 45. Eine unerträgliche Provokation für die anderen Okkupierer, erklärt Chris Goldstein, ein Wortführer von „Occupy Philly“, dem störrischen Waffenfreund: „Du würdest hier weniger Aufmerksamkeit erregen, wärest du nackt.“ Es könnte jedoch noch etwas anderes dahinterstecken: Einen Mann mit einem Colt am Gürtel möchte man ungern mit „handfesten Argumenten“ von seiner Entbehrlichkeit überzeugen. „Eine bewaffnete Gesellschaft ist eine höfliche Gesellschaft“, pflegt Salguero zu sagen. Er weigert sich strikt, seine Waffe abzulegen, kündigt aber an, dass man am Image arbeiten werde. Man wolle nicht mehr als „das Ron-Paul-Zelt“ gelten, sagt Salguero und entfernt ein paar Plakate, darunter auch das riesige. Außerdem errichtet er eine bisher in OWS-Zeltstädten einmalige Räumlichkeit zum Aufwärmen durchgefrorener Demonstrantenleiber, die „Occupy Philly warming station“. Vermutlich bedingt durch die globale Erwärmung war es an der amerikanischen Ostküste zu einem ungewöhnlich frühen und heftigen Wintereinbruch gekommen. Mehrere Aktivisten zogen sich Erfrierungen zu. Salguero, Feuerwehrmann und nebenberuflich Überlebenstrainer, nutzte seine Erfahrungen, um einen ausreichend wärmenden Verschlag zu konstruieren, der auch noch den amerikanischen Brandschutzbestimmungen entspricht. An der Tür der Aufwärm-Station, deren Baupläne Salguero an alle Occupy-Aktivisten, gleich welcher Couleur, weitergeben will, steht geschrieben: „Tritt ein mit Frieden im Herzen.“ Im Innern liegen Teppiche aus, stehen ein Feldbett, Stühle und ein Tisch. Und da sitzen sie nun, die Obama-Fans, Staatsversteher und Banken-Stürmer und wärmen sich den roten Hintern. Vom Kerzenlicht beschienen lächelt Ron Paul per Poster milde von den Wänden auf sie herab. Durchaus vorstellbar, dass Salguero die Durchgefrorenen verteidigen würde. Womöglich sogar den Fäkalattentäter. Und in letzter Instanz mit seinem „Peacemaker“. InformationDiesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30. November erscheinenden Dezember-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 118 25. November 2011 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. 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