27. Oktober 2011

Erster Stromkrieg 1886 bis 1893 Westinghouse, Edison und Tesla

Über die Grundlegung der modernen Energiepolitik

Es ist eine wunderbare Entsprechung unseres Zeitgeistes, dass man Wettbewerb als „Krieg“ bezeichnet. Den Browser-Krieg etwa, zwischen Microsoft und der Mozilla Foundation. Oder den Videorekorder-Krieg in den 1980er Jahren, in dem der Markt zu entscheiden hatte, welches Videokassettenformat unser Standard sein sollte. Wie in echten Kriegen gibt es in diesen sogenannten Formatkriegen tapfere Kriegstaten. Wie etwa ein teures Marketing verbunden mit dem Risiko, dass es nicht ankommt. Und es gibt feige Kriegstaten, die den Markt umgehen wollen. Zu letzteren zählen pingelige patent- oder kartellrechtliche Klagen wie im Browser-Krieg, in dem man den Microsoftlern untersagte, ihren Browser zum festen Bestandteil ihres eigenen Betriebssystems zu machen. Was ungefähr so sinnvoll war, als hätte man den Volkswagenbauern vorgeschrieben, ihre Autos so zu konstruieren, dass die Getriebe problemlos auszubauen sind und gegen ein beliebiges Fremdfabrikat ausgetauscht werden können.

Zu den besonders hinterhältigen Methoden gehört es, die Politik, die Presse und heute auch den Verbraucherschutz zu instrumentalisieren. Ein Beispiel hierfür ist die aktuelle Umgestaltung unserer Energieversorgung unter den Stichworten „Atomausstieg“ und „Umstieg auf die Erneuerbaren“. Es ist mindestens der zweite große Stromkrieg, der hier ausgefochten wird.

Der erste tobte von 1886 bis 1893. Die Kombattanten in diesem bedeutendsten Formatkrieg der Geschichte waren die beiden Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison und George Westinghouse. Beide stritten um die Stromart – Gleich- oder Wechselstrom –, auf der Amerikas künftige Energieversorgung einmal basieren sollte. Und um die Vormachtstellung auf einem Markt, der durch die Aussicht auf Elektrifizierung des halben Kontinents gigantische Gewinne versprach.

Der Initialfunke ging von Edisons Erfindung der Glühlampe aus, die 2016, nach 145 Jahren Brenndauer, von Brüssler Technokraten endgültig und EU-weit ausgeknipst werden wird. Edison entschied sich für die Verwendung von Gleichstrom. Unter anderem deshalb, weil zu jener Zeit weder Zähler noch Motoren für Wechselstromnetze existierten. Edison, der mit der Elektrifizierung New Yorks begonnen hatte, verwendete eine Spannung von 110 Volt für seine Stromnetze, da eine Gleichspannung in dieser Höhe für den Menschen noch ungefährlich ist. Doch für die Leitung dieser Spannung über weite Strecken benötigte man elefantenbeindicke und damit sehr teure Kupferkabel. Erklärtes Ziel war, einmal Strom aus Turbinen an den Niagara-Fällen in das entfernte New York zu transportieren. Edisons Ansatz – wenn auch unpraktikabel und aus der Not geboren – führte somit zu einer dezentralen Stromversorgung. Ein Edisonsches Kleinkraftwerk konnte nur wenige Straßenzüge versorgen, und manch ein Wohlhabender ließ sich sogar ein eigenes Kraftwerk zur Beleuchtung des Anwesens errichten. Einer ähnlichen Topologie der Stromversorgung könnten wir, wenn auch nicht in Deutschland, wieder begegnen, sollten sich die neuen nuklearen Mini-Reaktoren durchsetzen (siehe ef 114).

George Westinghouse, der Edisons Treiben in New York genau beobachtete, setzte seit der Erfindung des Transformators auf Wechselstrom. Seine Idee war es, den erzeugten Wechselstrom auf eine Hochspannung zu transformieren und relativ verlustfrei zu übertragen. An der Abnahmestelle sollte der Strom wieder auf ein gebrauchstaugliches Niveau heruntertransformiert werden. Die Hochspannungsleitung war geboren.

1886 präsentierte Westinghouse sein Modell der Öffentlichkeit. Er schloss einen Wechselstromgenerator an eine Wassermühle in Great Barrington (Massachusetts) an, transformierte den erzeugten Strom auf 3.000 Volt und leitete ihn über eine Meile in die nächstgelegene Stadt. Edison aber, anstatt mannhaft Westinghouses Fehdehandschuh aufzunehmen, griff zu Mitteln, die bis heute Konjunktur haben: Er betrieb in mehreren Bundesstaaten Initiativen, die Hochspannungsübertragung per Gesetz auf 800 Volt zu beschränken. Außerdem untersagte er unter Berufung auf das Urheberrecht den Betrieb seiner Glühlampen an den Westinghouse-Netzen. Vor allem diesem Winkelzug verdankte New York seine Gleichstrom-Netze, die erst 2007 komplett abgeschaltet wurden, weil zu viele Aufzugssysteme mit Gleichspannungsmotoren betrieben werden.

Als Edisons Gesetzesinitiativen keinen Erfolg hatten, startete er eine Angstkampagne gegen Westinghouses Wechselstrom – erneut ein bis in unsere Tage beliebtes Mittel der Energiebranche. Nur dass man heute gleich ganze Weltuntergangszenarien bemüht. Edison erhielt – auch das kennen wir heute – zunächst die Unterstützung der schreibenden Zunft, da Angst sich schon damals hervorragend verkaufte. Edison ließ eine Prozession von 400 Männern durch Manhattan ziehen, die leuchtende Glühbirnen auf dem Kopf trugen und über Kabel mit einem fahrbaren Gleichstromgenerator verbunden waren.

Das kann man noch als aggressives Marketing durchgehen lassen. Aber langsam nahm auch der „Krieg“ Formen an. Edison beging nun einen entscheidenden Fehler. Er ahnte nicht, dass die Schlüsselfigur des Stromkriegs in seinen Reihen marschierte. 1884 war der junge serbische Elektroingenieur Nikola Tesla in die Vereinigten Staaten eingewandert, um dort sein Glück zu suchen. Mit vier Cent und einem Brief in der Tasche wurde er bei Edison vorstellig. In dem Empfehlungsschreiben stand, an Edison gerichtet: „Es gibt auf der Erde zwei geniale Menschen, der eine sind Sie, der andere steht vor Ihnen.“ Doch der Verfasser des Schreibens lag falsch: Edison war kein Genie. Er war nur ein begnadeter Tüftler. Es ist kein Zufall, dass nach Tesla eine wichtige Maßeinheit benannt ist und nach Edison nur ein schnödes Glühbirnengewinde. Tesla schrieb einmal: „Müsste Edison eine Nadel im Heuhaufen finden, würde er einer fleißigen Biene gleich Strohhalm um Strohhalm untersuchen, bis er das Gesuchte gefunden hat. Ich wurde trauriger Zeuge solcher Taten, wissend, dass ihm ein wenig Theorie und Berechnung 90 Prozent seiner Arbeit erspart hätten.“

Thomas Alva Edison wird zu Unrecht als der größte Erfinder aller Zeiten gefeiert. Er beschrieb einmal sein Erfolgskonzept mit den Worten: „Ich bin ein guter Schwamm, ich sauge Ideen auf und mache sie nutzbar. Die meisten meiner Ideen gehörten ursprünglich Leuten, die sich nicht die Mühe gemacht haben, sie weiterzuentwickeln“. US-Präsident Herbert Hoover bat alle Amerikaner, am Tag der Beisetzung Edisons für eine Minute das Licht auszuschalten. Doch erfunden hat Edison die Glühlampe nicht, er hat sie nur zu Ende entwickelt, wie die meisten seiner Erfindungen.

1870 lösten Edison und sein Freund und Mentor Franklin Leonard Pope ihr gemeinsames Unternehmen auf. Edison hatte sich mit Pope überworfen. Dieser relativierte fortan in Fachartikeln die Erfinderleistungen Edisons und trat in Patenrechtsstreitigkeiten immer wieder als Gutachter vor Gericht gegen ihn auf. In einem berühmten Artikel behauptete Pope, dass Heinrich Göbel bereits 1850 eine funktionierende Glühlampe konstruiert habe. Es war vermutlich eine Falschbehauptung, die als Göbel-Legende in die Geschichte einging. Auch der dritte Teilhaber James Ashley äußerte sich mehrfach geringschätzig über Edison, zog es später aber vor, überhaupt nicht mehr über ihn zu sprechen.

Dennoch: Unzweifelhaft hat Edison sein ganzes Leben unermüdlich gearbeitet, und er war einer der Mitgestalter des technologischen Fortschritts im sogenannten „vergoldeten Zeitalter“ (Gilded Age), das über 500.000 Patente hervorbrachte. Darunter ist fast alles zu finden, was das Gesicht der heutigen Welt maßgeblich geprägt hat. „Heute ist die Fachwelt sich praktisch einig, dass Edisons wichtigster Beitrag nicht seine Erfindungen selbst waren, sondern die Erfindung der Erfindungsindustrie“, schrieb eine Kolumnistin in der „New York Times“.

Doch zurück zu Nikola Tesla: Edison stellte ihn ein und ließ Tesla Gleichstromgeneratoren optimieren. Für den Fall, dass er es schaffen sollte, sie leistungsfähiger zu machen, versprach ihm Edison 50.000 Dollar. Tesla arbeitete Tag und Nacht. Und präsentierte Edison nach einem Jahr 24 Optimierungsvarianten. Als Tesla nun sein Geld forderte, entgegnete ihm Edison: „Tesla, du hast den amerikanischen Humor nicht verstanden“. Er bot ihm nur eine Gehaltserhöhung auf 25 Dollar die Woche an. Tesla packte aufgrund des Vertragsbruchs seine sieben Sachen und gründete eine eigene Firma.

Teslas Persönlichkeit kannte kein Mittelmaß. Sie erfüllte alle Klischees eines exzentrischen Genies. Am Anfang seines Studiums besuchte Tesla überdurchschnittlich viele Vorlesungen und zeigte hervorragende Leistungen. In späteren Semestern arbeitete Tesla, dem ein photographisches Gedächtnis nachgesagt wird, mehr an seinem Ruf als berüchtigter Karten-, Billard- und Schachspieler. Er wurde deswegen sogar polizeilich der Gemeinde Maribor verwiesen. Schließlich wurde er exmatrikuliert, weil er die Studiengebühren nicht bezahlen konnte. Tesla blieb ohne Universitätsabschluss. Er litt unter verschiedenen Zwangsstörungen wie einem übersteigerten Hygienebedürfnis oder einer paranoiden Angst vor Bakterien und Viren. Tesla stieg nie in Hotelzimmern ab, deren Nummer sich nicht glatt durch drei teilen ließ. Er hat nie jemandem persönlich die Hand geschüttelt. Die Lederhandschuhe und Krawatten, die er trug, entsorgte er stets nach einer Woche im Müll. Gleichzeitig hatte er eine fanatische Schwäche ausgerechnet für Tauben. Er bestellte spezielle Samen, um sie im Central Park zu verfüttern. Und er nahm verletzte Tauben mit auf sein Hotelzimmer, um sie aufzupäppeln.

Nikola Tesla heiratete nie. Mehr noch, er lebte sexuell enthaltsam. Nicht, dass es dem imposanten, hochgewachsenen und stets perfekt gekleideten Tesla an Angeboten seitens der holden Weiblichkeit mangelte. Und seine Keuschheit war auch nicht religiös motiviert. Nein, er war schlicht der Meinung, dass sie seinen wissenschaftlichen Fähigkeiten zuträglich sei.

Von der Idee der drahtlosen Energieübertragung war Tesla besessen. Seine Vision war es, ein die Welt umspannendes Energienetz zu schaffen, das überall drahtlos über Antennen angezapft werden kann. Auf seinem Versuchsgelände generierte er mächtige elektrische Felder, die so stark waren, dass wenn ein Pferd über das Gelände trabte, sich kleine Blitze von den Hufeisen ablösten. Mehrfach brannte er bei seinen Versuchen sein Labor nieder. Einmal zog er so viel Strom, dass der Generator der El Paso Electric Company durchschmorte und die Stadt Colorado Springs tagelang im Dunkeln lag. Teslas Elektrizitäts- Exzesse verbunden mit seiner Persönlichkeit trugen ihm den Ruf des verrückten Wissenschaftlers ein.

Im März 1900 meldete er das erste Patent zur drahtlosen Energieübertragung an und hatte damit die praktischen Grundlagen für die drahtlose Kommunikation geschaffen. Über Guglielmo Marconi, der dafür die Lorbeeren in Form des Physik-Nobelpreises einheimste und an dessen Todestag man weltweit für zwei Minuten den Funkverkehr aussetzte, sagte Tesla ungerührt: „Marconi ist ein guter Kerl. Lasst ihn weitermachen. Er benutzt 17 meiner Patente.“

Fortan allerdings ließ Tesla wichtige Details in seinen Patentschriften aus. Das machte es unmöglich, alle Geräte nachzubauen, was dann maßgeblich dazu beitrug, dass sich Legenden um ihn ranken. Denn wären diese Gerätschaften keine Gehirngespinste, verhießen sie nicht weniger als eine Energierevolution. Das gilt vor allem für seinen Empfänger der „freien Energie“, der, was allerdings äußerst zweifelhaft ist, mittels einer Art Antenne Energie aus der Erdatmosphäre gewonnen haben soll. Mit ihm hat Tesla angeblich ein Auto angetrieben. In späteren Jahren verfasste er skurrile parawissenschaftliche Pamphlete und bis heute umgibt ihn eine Aura des Mystischen. Nicht nur esoterische Strömungen oder Verschwörungstheoretiker feiern ihn wie einen Popstar.

Wir können getrost davon ausgehen, dass es Typen wie Tesla heute nicht mehr gibt. Man müsste sonst von ihnen gehört haben. Tesla arbeitete wie ein Pferd, er hielt vier Stunden Schlaf für massig ausreichend und ging für seine Vision nicht nur an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit, sondern – und das von Jugendbeinen an – überschritt sie auch gelegentlich, was bei seinen Eltern tiefe Besorgnis hervorrief. All dies ist heute kaum denkbar. Nicht nur, dass es den meisten Zeitgenossen an Leidenschaft mangelt, sie würden einen solchen Erschöpfungszustand gar nicht erreichen, ohne dass sie vorher das so genannte Burnout-Syndrom befiele. Ein Befund, mit dem man jeder staatlichen Krankenkasse einen mehrwöchigen Kuraufenthalt entlocken kann. Ein „Krankheitsbild“ auch, das ausgerechnet unter Sozialpädagogen am stärksten verbreitet ist.

Auch würde sich heute wohl kein Förderer finden, der einen Tesla finanzierte, der in seinem Labor verrückte Experimente durchführt und sich dabei auch noch jede Einmischung verbittet. Vielmehr müsste sich ein solcher Tesla in unseren Tagen der exzellenzhemmenden Teamarbeit fügen, sich in nervtötenden Diskussionen mit seinen minderbegabten Kollegen aufreiben und sich darüber hinaus noch mobben lassen, weil er halbtote Tauben aufpäppelt, sich ständig die Hände wäscht und kein Interesse an der knusperigen Vorzimmerdame hat.

Es verwundert nicht, dass ein Charakter wie Tesla von seinen Geschäftspartnern über den Löffel balbiert wurde und sich nach Auflösung seines Unternehmens sogar als Tagelöhner im Straßenbau verdingen musste.

Im Jahr 1888 aber hielt Tesla einen Vortrag am American Institute of Electrical Engineers über Mehrphasenwechselstrom, der ihn über Nacht berühmt machte. So wurde auch Westinghouse auf ihn aufmerksam und er konnte ihn für sein Unternehmen gewinnen. Die Symbiose dieser beiden Männer sollte Edison den Garaus machen. Es verband sich Genie mit Unternehmergeist, zwei Eigenschaften, die sich erfolgreich in einer Person womöglich gar nicht vereinigen lassen.

Westinghouse war wie Edison ein durchaus begabter Erfinder. Zieht man in einem Zug die Notbremse, heißt es bis heute unter Eisenbahnern, jemand habe den „Westinghauser“ ausgelöst. Die entscheidenden Beiträge aber, die zum Siegeszug der Wechselstrom-Technik geführt haben, sollte Tesla erbringen. Sein bürstenloser, und damit verschleißarmer, Drehstrom-Elektromotor, die Entwicklung des Dreiphasen-Wechselstrom-Systems sowie leistungsfähige Turbinen perfektionierten die Technik, die bis heute Standard ist und seither nur noch im Detail verbessert wurde. Mehr noch: Der moderne Mensch wäre kaum mehr fähig zu überleben, würde man all die Technik verbannen, die auf Geistesblitzen jenes Nikola Tesla beruht.

Edison war wohl dem Genie Tesla unterlegen, doch dumm war er keineswegs. Er musste die Überlegenheit der Westinghouse-Technik erkannt haben – und fürchtete um den Wert seiner Patente. Edison patentierte rekordverdächtige 1.093 „Erfindungen“ und entzog sie damit zeitweilig dem Markt und weiterer Innovation. Westinghouse und Tesla waren diesbezüglich nicht besser. Die bloße Existenz des Patentschutzes zwingt den Erfinder, ihn auch in Anspruch zu nehmen. In diesem Punkt herrschte große Einigkeit zwischen den erbitterten Kontrahenten. Sie gründeten sogar eine gemeinsame Gesellschaft: das „Board of Patent Control“, das in 600 Verfahren Patentinteressen der beiden Firmen gegenüber Dritten vertrat. In dieser Zeit führte man erstmals Diskussionen über Sinn und Unsinn des geistigen Eigentums – ein Zankapfel unter Gelehrten und Praktikern bis heute.

Edison intensivierte also seine Propagandakampagne und griff dabei zu allerlei schmutzigen Tricks. Er ließ hunderte von streunenden Katzen und Hunden, aber auch Kälber und Pferde, mit Westinghouse-Generatoren umbringen und führte akribisch Buch über die Letalität von Wechselstrom. In einem New Yorker Freizeitpark ließ er mit 6.600 Volt einen Elefanten namens „Topsy“ elektrokutieren, der zuvor drei Menschen getötet hatte.

Edisons Treiben rief bereits Tierschützer auf den Plan. Völlig verscherzte er sich jedoch die öffentliche Gunst, als er dem Wunsch einer Ethikkommission nachkam, die Westinghouse-Technik auf Tauglichkeit als humanere Hinrichtungsmethode für Menschen zu prüfen. Edison war bis dahin überzeugter Gegner der Todesstrafe. Nun ließ er seinen Ingenieur Harold P. Brown, der sich zuvor auch in seinem Auftrag durch die Streuner-Fauna New Yorks geröstet hatte, einen Vorläufer des elektrischen Stuhls entwickeln. Mit dem elektrokutierte – Edison bevorzugte den Begriff „Westinghousing“ – man schließlich 1890 den Axtmörder William Kemmler. Die Hinrichtung wurde zu einem Fiasko. Kemmler wurde 17 Sekunden lang mit einer Spannung von 1.000 Volt traktiert, was er schwer verletzt überlebte. Während sich die Westinghouse-Generatoren für einen zweiten Versuch aufluden, diesmal auf 2.000 Volt, hörte man Kemmlers Schmerzenslaute. Es waberte der Geruch von verbranntem Fleisch durch die Luft, so dass sich die anwesenden Beobachter entsetzt abwandten. Im zweiten Anlauf sollte es dann 70 Sekunden dauern, bis Kemmler endlich starb. Westinghouse kommentierte: „Sie hätten es lieber mit einer Axt machen sollen.“

Tesla widerte die von Edison betriebene Propaganda an. Er antwortete, wie es eben nur ein Tesla konnte, der wusste, dass hochfrequenter Wechselstrom selbst auf hohen Spannungsniveaus für den Menschen relativ ungefährlich ist. Tesla ließ sich in effektvollen Vorführungen, die heute todsicher mit der Warnung „bitte nicht zu Hause nachmachen“ eingeführt würden, unter Hochspannung von mehreren 100.000 Volt setzen. Dabei leuchteten Glühlampen in seiner Hand auf.

Teslas Erben sei empfohlen, sich daran ein Beispiel zu nehmen. Sie könnten publikumswirksam Brackwasser aus der Asse schlürfen oder in einem Reaktorbecken schwimmen, wie einst Klaus Töpfer im Rhein. Beides wäre völlig ungefährlich, ersteres könnte allerdings aufgrund des hohen Salzgehalts zu Übelkeit führen. Doch das wäre nicht fair. Denn die Vernunft regiert schon lange nicht mehr dort, wo man autorisiert ist, vor die Öffentlichkeit zu treten. Die Atomindustrie hatte bereits 1998 ausgespielt, als Trittin den Edison machte und sich mit seinem Umweltministerium in einer Nacht- und Nebelaktion die Kommission für Reaktorsicherheit und Strahlungsschutz einverleibte. Dabei wurden alle Dissidenten entlassen und ihre Publikationen verbrannt. Man brauche „keine einseitige Beratung und keine wissenschaftlich verbrämte Atompropaganda“, hieß es damals.

1892 gewann Westinghouse schließlich die Ausschreibung zur Illuminierung der Weltausstellung in Chicago. Edison trieb sich zu dieser Zeit in Europa herum und ließ sich als „Magier des Lichts“ feiern. Westinghouse aber schuldete Tesla noch 12 Millionen Dollar für seine Patent-Lizenzen. Hätte Tesla auf Erfüllung der Verträge bestanden, wäre Westinghouse bankrott gewesen. So wandte er sich mit seinem Problem an Tesla. Der Idealist zerriss die Verträge kurzerhand vor Westinghouses Augen. Ein weiteres Problem hatte Westinghouse noch damit, dass ihm Edison die Benutzung seiner Glühbirnen nach wie vor untersagte. Aber Edisons Patentrechte waren mittlerweile ausgelaufen, und so vollbrachte Westinghouse mit wiedererlangter Kreditwürdigkeit und mit Tesla ein Meisterstück: In nur 20 Wochen stampfte er eine Produktionsstätte aus dem Boden und fabrizierte 250.000 Glühlampen für die Weltausstellung. Später wurden Westinghouse und Tesla für ihr Lebenswerk ausgerechnet mit der Edison-Medaille ausgezeichnet. Im Jahr 1915 sollte Tesla gemeinsam mit Edison den Nobelpreis erhalten, doch Tesla lehnte es ab, die hoch dotierte Auszeichnung mit Edison zu teilen.

Gewonnen hatte am Ende das bessere Produkt. Gerichtet hat es der Wettbewerb. Er trieb das Dreamteam Tesla-Westinghouse zu Höchstleistungen und ließ die fleißige Biene Edison durch den Heuhaufen summen. Kriege sehen anders aus.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 31. Oktober erscheinenden November-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 117


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Holger Graf

Autor

Holger Graf

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige