07. März 2012

Glosse Heidiwitzka, Frau Kapitän

Was seit den 68er Jahren so geschah

„Eine erdrückende Minderheit der Deutschen lehnt die Sarrazin-Thesen ab.“ Schrieb Michael Klonovsky im Zitat des Tages auf dieser Seite. Zeitleich las ich die Glosse von Athanasios über die Welthauptstadt Hellas mit dem Untertitel: Wie rette ich einen gescheiterten Staat?

Auf den ersten Blick sind für mich keine Zusammenhänge zwischen den zwei Themen zu erkennen. Man möchte bei jedem nur einfach „Wahnsinn“ murmeln und den Kopf schütteln. Aber ist nicht genau dies das Zusammenhängende? Die Fassungslosigkeit und die damit verbundene Sprachlosigkeit?

Wenn ich sprachlos bin, weil mich etwas einfach umhaut – früher waren es die unbegreiflich und damit unbeschreiblich schönen Damen, heuer die unbegreiflichen Rettungsmaßnahmen für untergehende, gescheiterte Staaten – dann ist das ja nicht weiter schlimm, weil mein Einfluss auf den Gang der Dinge noch kleiner ist als die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Obwohl, …  (wer das Pech hat, sich ausgerechnet auf dieser niederzulassen, vielleicht zum Zwecke eines Schäferstündchens, oh jeh!)  Verstummt dagegen eine ganze Nation, wie derzeit die Deutsche, (ver)fassungslos, (un)gläubig, aber ergeben in ihr unvermeidliches Schicksal, als Konsum-Weltmeister in die künftigen Geschichtsbücher einzugehen – wie dereinst das alte römische Reich, an der Fress-Sucht und der damit unvermeidlichen (Ver)Schwind-Sucht, auch Dekadenz genannt, zugrunde ging – sollte sich doch zumindest die schreibende, die vierte, die mediale Gewalt, aufgerufen und berufen fühlen, das Wort zu ergreifen und das unsägliche sagen: Deutschland schafft sich ab. Wirklich und wahrhaftig !  

Aber nein, keine Eine sagt es. Einzig der Kollege Klonovsky erinnert daran, auf seine markant humorig-süffisante Art. Ich gebe zu, dass auch ich den Satz „Eine erdrückende Minderheit der Deutschen lehnt die Sarrazin-Thesen ab“ mehrmals lesen musste, um die irrtümliche Einprägung, die beim flüchtigen Lesen entsteht, zu entdecken und zu korrigieren. Klonovsky, ein Meister-Jongleur der deutschen Sprache, nutzt denselben Trick, den die linken, grünen Politiker bei der Volksbefragung für oder gegen Stuttgart 21 genutzt haben.

Von Natascha, meiner russischen Kollegin, weiß ich, dass diese Tricks zu beherrschen für ihre Landsleute früher überlebensnotwendig war. Dort wurde und wird es auch heute noch von allen, selbst vom kleinsten Bäuerlein, verstanden. Das deutsche Volk hat leider keinerlei Übung darin. Sie sind nicht durch die harte Schule von Unterdrückung und Vernichtung gegangen, und aus der Geschichte haben sie nichts gelernt. Ich will damit nicht sagen, dass das russische Volk klüger oder intelligenter ist als das Deutsche. Es ist aber zweifellos überlebensfähiger. Dass inzwischen auch dort Lichter- und Menschenketten gebildet werden, lässt in Natascha die Hoffnung aufkeimen, dass das russische Volk sich erhebt und die Mächtigen, zuoberst Putin, beseitigt. Aber Achtung.

Ich fürchte, dass die Medien in Russland ihrer Aufgabe, das Offenbare zu hinterfragen, genau so wenig nachkommen wie hierzulande und überall auf der Welt. Ich vergleiche die Lage in Russland mit der politischen Lage in Deutschland in den 68ern. Der Kapitalismus, der auf den Trümmern des sich selbst vernichteten (National)Sozialismus entstand, ganz ohne Kapital und – ganz ohne ismus (sic) – einfach als Markt, als freier Markt, als freie Marktwirtschaft, zunächst, wie immer in der Geburtsstunde, ohne Dirigismus, wo sich die Marktteilnehmer mit ihren verschieden Stärken und Schwächen, Bedürfnissen und Sehnsüchten begegnen, austauschen, inspirieren, beobachten, Schlüsse ziehen und etwas zu unternehmen beginnen, um die jeweilige Chance, die in der jeweiligen Situation verborgen ist, zu nutzen, dieser Klein-Kapitalismus, bestehend aus viel Unternehmungsgeist und viele tätige Hände, hat in der BRD aus einer Trümmerlandschaft eine blühende Landschaft werden lassen, einen Wohlstand und einen Reichtum geschaffen, der in der Erinnerung zu Recht als deutsches Wirtschaftswunder bezeichnet wird.

Nie habe ich aus eines Deutschen Mund dieses Wirtschaftswunder, diese gigantische Aufbauleistung, rühmen hören, welche in nur zehn Jahren, von 1958 bis 1968, die winzige BRD zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt hat aufsteigen lassen.

Ich muss mich hinsetzen, weil mich der Respekt vor diesem „Wunder“ sonst umhauen würde. Zumal ich inzwischen verstehe, dass es gar kein Wunder war, sondern das Ergebnis ungebrochener Schaffens- und Lebenskraft, die dem Deutschen offensichtlich inne wohnt.

Leider kann ich mich in dem Glanz dieser rühmlichen Leistung kaum persönlich sonnen, weil ich 1968 erst eine Technische-Zeichner-Lehre absolviert, ein paar Jahre gearbeitet, eine Aufbauschule absolviert und mit dem Ingenieurstudium begonnen hatte. Aber immerhin. Außerdem hatte ich schon trampenderweise die Welt bereist, Europa und Nordafrika, die damals modernen Ismen (Atheismus, Nihilismus und  Absurdismus (hahaha)) studiert und inhaliert, ein schönes Fräulein gefreit und sogleich geschwängert, wie es damals üblich war. Wie auch immer, die Studenten-Revolte erlebte ich als braver Ingenieur-Student und gleichzeitig Familien-Vater in Berlin wie eine Fata Morgana: Aus heiterem Himmel! Und wie eine Fata Morgana blendete und faszinierte sie mich und schaltete meinen gesunden Menschenverstand aus. Denn nichts von den Parolen, außer der Manipulation der Springer-Presse, die dem gemeinen Volk das Hirn vernebelte, entsprach meinem Erfahrungshintergrund. Weder hatte ich unterdrückte, ausgebeutete und verelendete Bauern und Arbeiter erlebt, noch konnte ich die behaupteten Greuel des sogenannten Imperialismus und Faschismus nachvollziehen. Einzig die „Bild“-Zeitung war mir schon einige Jahre ordentlich auf den Keks gegangen, und drum war es den Berufsrevolutionären damals ein leichtes, die Lügen-Zeitung zu einer Gesellschafts-Lüge, zur Lüge des Kapitalismus aufzubauschen. Und so lag es denn auch schon nahe, vom Rausch der Revolution mitgerissen zu werden, plötzlich zu glauben, der Kapitalismus sei böse, böse, böse und der Kommunismus bzw. Sozialismus müsse diesen überwinden.                                        

Das Kapital und das Kommunistische Manifest hatte ich zwar nicht gelesen, und auch sonst keinerlei Berührung mit den Kommunisten gehabt. Kannte alles nur vom Radio und der Presse her. Sie waren mir immer irgendwie geistesgestört vorgekommen, unheilvoll und blutrünstig. Das war mir, der in der geistreichen Welt von Dostojewski aufgewachsen war, zu einfältig, zu idiotisch, zu barbarisch, verständlich bestenfalls als jugendliche Schwärmerei.

Plötzlich waren unsere Väter und Mütter, die nach dem Krieg alles zerstörte wieder aufgebaut haben, und die ein schier unglaubliches Wunder an Leistung vollbracht haben, nur noch Nazi-Schweine, ewig gestrige, Unverbesserliche, und vor allem Schuldige an allem Elend dieser Welt. Die reale Leistung zählte nichts, ob mein Vater, der Nachbar, der Lehrer tatsächlich ein Täter oder ein Mitläufer war, zählte nichts, es zählte einzig die Kollektivschuld, die Erbsünde, bis heute.

Wie sich die sogenannte außerparlamentarische Opposition, die Linken, damals, insbesondere in West-Berlin, aufgespielt haben, wie sie brave Bürger terrorisiert haben, Professoren und Lehrkräfte verhöhnt, bespuckt und an ihrer Tätigkeit gehindert haben, und – jetzt kommt das schlimmste – als sie merkten, dass ihre unsinnigen Parolen keine Change hatten, jemals vom Volk ernst genommen zu werden, weil sie jeglicher realen Basis entbehrten, wie sie, schlau und listig wie sie waren, begannen, den Staat zu unterwandern, zu infiltrieren, bekannt als der lange Marsch durch die Institutionen, das möchte ich hier und heute als die zweitgrößte Missetat des 20. Jahrhunderts bezeichnen Und das Verbrechen, welches damit an Deutschland begangen wurde, und jetzt, im 21. Jahrhundert zu seiner  Abschaffung führt, unabänderlich, alternativlos, wie die rosarote Kanzlerin sagen würde, das schreit für mich tausendmal mehr gen Himmel als alle Verbrechen, die zuvor in diesem meinem Vaterland vermutlich begangen wurden. Bei allem Respekt vor den Toten, die frühere Verbrecher und Vaterlandsverräter auf dem Gewissen haben.

So gesehen müsste die 68er-Revolution zu einem nationalen Trauertag erklärt werden. Am besten am 11.11., um deutlich zu machen, wie närrisch und leicht verführbar Menschen sind. Ich werde mich jedenfalls künftig an diesem Gedenktag erinnern und Trauer tragen und beschämt sein, dass ich damals den Sozialisten nicht Einhalt geboten habe, nach dem Motto: Wehret den Anfängen. Eine Weisheit, die ich erst viel später erfuhr, lässt meine Scham und meine Mitschuld an allem, was daraus erwuchs, bis zum heutigen Tag, etwas geringer erscheinen:  Wer in jungen Jahren kein Kommunist/Sozialist ist, hat kein Herz. Wer aber im Alter immer noch einer ist, hat kein Hirn.

Ja, der Sozialismus ist eine Religion, ein Glaube, eine Ideologie, die seit Menschengedenken von tolldreisten Weltverbesserern in die Köpfe der ahnungslosen, unerfahrenen Jugend eingeschleust wird. Mit so betörenden, wohlklingenden Worten wie Solidarität, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Und mit der unausweichlichen Folge von dem genauen Gegenteil von all dem. 

Wirtschaftswunder via freiem Markt versus Wohlfahrtsstaat via Sozialismus. Das kapitalistische System ist ein Natur-System. Es hat keine Ideologie, so wenig wie die Schwerkraft keiner Ideologie bedarf. Sie wirkt (sich) einfach (aus). Man kann sie verfluchen, wenn die Tasse zu Boden fällt und zerschellt. Man kann sie aber auch dankbar begrüßen, weil sie uns am Boden hält. Der Sozialismus dagegen ist eine Ideologie. Sie hebt die Schwerkraft mutwillig auf, sodass die Menschen die Bodenhaftung und damit sich selbst verlieren.  IEA – In Ewigkeit Amann                                                                                       

Der Autor dieser unheiligen Schrift, die vielleicht schon bald verboten sein wird, weil der Sozialismus bekanntlich keine Widerrede duldet, lebt, nach einem deftigen Knick in seiner Biographie, den er dem obwaltenden und inzwischen staatstragendem Feminismus zu danken hat, scheu und zurückgezogen im südlichen Schwarzwald in einer kleinen Stadt mit dem irreführenden Namen Freiburg. Nur das Internet, Gott seis gelobt und gepriesen, verbindet ihn noch mit den wenigen eigentümlich freien Menschen des Landes, das sich einst als das Land der Dichter und Denker, der Erfinder und Tüftler verstand. Seit den fatalen 68er Jahren tüfteln Beamte und Politiker, Gewerkschaften und andere parasitäre Institutionen – alle aufzuzählen würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Wenn man aber konsequent all die dazurechnet, die als sogenannte Berater, Speichellecker und Helferindustrie „tätig“ sind (ich muss in diesem Fall tätig in Anführungsstriche setzen, um sie von den Werktätigen, den Produktivkräften zu unterscheiden), inklusive ARGE und PH-Studentinnen, kommt man schnell auf die Hälfte des Volkes, die wie ein riesiger Mistelzweig am Baum hängt und diesen aussaugt. Schmarotzer-Gewächse in unvorstellbarem Ausmaß – mit großem Eifer und grandiosem Erfolg an der Abschaffung dessen, was ein Volk (über)lebensfähig macht: Eigentümlichkeit, Strebsamkeit, Fleiß, Geduld, Ehrgeiz und Freiheit. Und nicht zu vergessen, die Lust auf das jeweils andere Geschlecht.

Das Volk ahnte es schon lange, bevor Sarrazin es mit seinem Buch ans Licht brachte: Deutschland schafft sich ab. Und Michael Klonovsky bringt es in seiner unnachahmlichen Art auf den Punkt: Eine erdrückende Minderheit der Deutschen lehnt die Sarrazin-Thesen ab.                      

Und bleibt Griechenland treu, dem Land der Jugend-Träume, der Bildungs-Bürger, Altphilologen und Rucksack-tragenden OberlehrerInnen. Und der Geheimnis-vollen, Sagen-umwobenen Geburtsstätte der Demokratie, möchte ich hinzufügen. Siehe die Glosse von Athanasius vom 15.02.12. Falls ich mich jedoch geirrt haben sollte und den Alt-68ern Unrecht getan habe, bitte ich vielmals um Entschuldigung. Habe nämlich immer noch kein Abitur und bin drum (noch) aufnahmefähig wie ein  trockener Schwamm.

Schweigeminuten und Worte der Beschämung von den Lippen der von Amts wegen dazu berufenen, über die Millionen zu Tode gebrachten Feinde des Sozialismus, der Kapitalisten, sprich, Unternehmer, der Freien, Selbständigen, Unabhängigen, der Besitzenden, der Vermögenden, der Besseren, der Klügeren, der Wagemutigen, der Freidenker, der Querdenker, der Vor- und Nachdenker, der Schön-Geistigen, der Wohlgeratenen, der Überragenden, der Genies, der Väter, ja, des Mannes schlechthin, darauf warte ich noch. Die Geschichte der Menschheit ist zwar noch nicht zu Ende geschrieben, aber für die Sozialisten steht schon lange fest: Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die Männliche überwinden.   

Heidiwitzka, Frau  Kapitän. Es  darf doch wohl (noch) gelacht werden.


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Hartmut Amann

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