11. März 2012

Glosse Die neue Freiheit in der Schule

Politische Verkäufertricks

Die Eltern haben die Wahl, ob sie ihr Kind nach der vierten Klasse in die Realschule oder ins Gymnasium schicken, oder einfach in der Grund- beziehunsgweise Hauptschule belassen.

Das erinnert mich an einen Trick, den ich vor drei Jahren auf einem Verkaufsseminar gelernt habe. Willst du mit einem wildfremden Menschen, der nichts von dir weiß, einen Vorstellungs- und oder Beratungstermin ausmachen, dann musst du ihn fragen: „Passt es Ihnen besser morgen Vormittag oder lieber abends?“ Der Befragte denkt in neun von zehn Fällen in dieser Situation nicht darüber nach, ob er überhaupt von dir besucht werden möchte, sondern nur, was ihm besser passt. Sagt er dann „abends“, dann sagst du: „Prima, das passt mir auch besser. Ich hätte da noch um 19 Uhr 15 einen Termin frei. Wär’ Ihnen das recht? Es dauert maximal eine halbe Stunde.“

Wenn Politiker nicht mehr weiter wissen, alle ihre Entscheidungen nicht zum Erfolg führten, und die Wähler schon lange an ihrem (Sach)Verstand zweifeln, greifen sie gern auch zu solchen Verkäufer-Tricks. Stuttgart 21 ist ein wunderbares Beispiel. Da wird ein von der Regierung gewollter Bahnhof von einer grünen Minderheit abgelehnt, weil die Grünen ihrem Ruf als Ablehnungspartei treu sein müssen. Dagegen sein ist schon immer der Linken liebster Sport. Und wer die Grünen nicht für Link(s) hält, muss jetzt zurück auf Platz ein und drei Runden aussetzen. Nun kommen sie damit sogar an die Macht. Hurra! – ein Putsch von unten. Das ist wahre Demokratie. Schon am Tag nach dem Freudenfest, wieder einigermaßen nüchtern, stellen sie fest: Der Bahnhof-Neubau muss natürlich sein. Klaro! Alles andere ist quatsch. Aber wie sag ich das jetzt meinem Kinde? Ganz einfach: Wir lassen das Volk abstimmen. Die mögen das. Das klingt sehr nach Demokratie. Um die richtige Antwort zu bekommen, muss man natürlich die richtige Frage falsch beziehunsgweise die falsche Frage richtig stellen. Und Hurra: Das Volk ist plötzlich für den Bau des neuen Bahnhofs.

Wie kann das sein? Neue Erkenntnisse? Plötzlich einsichtig geworden? Nein, nur die Frage so gestellt, dass nur die richtige Antwort rauskommen kann. Für die Regierung. Jetzt kann die grüne Regierung, die durch kategorische Ablehnung des Neubaus an die Macht gekommen ist, in aller Seelenruhe den Bahnhof umbauen, sie hat ja das direkte Mandat vom Volk. Die meisten schweigen beschämt nach dem kuriosen Ausgang des Spektakels, wie das Volk am Straßenrand, als der Kaiser mit seinen Neuen Kleidern vorbeikam. Jeder wusste, er hat nichts an, aber wie sollte man das sagen, wo alle anderen doch auch nichts sagen?

Tja, und mit den unsäglichen Schulreformen ist es nicht anders. Keiner kommt auch nur auf die Idee, zu sagen: Nein danke. Ich brauch weder eine solche, noch solche, noch eine dritte staatlich verordnete Schule. Ich gebe meine Kinder in eine Privatschule, die mir gut und richtig erscheint, oder ich unterrichte sie selbst. Der Staat kümmere sich um den Erhalt der Rechtssicherheit und den Schutz des Eigentums. Alles andere überlasse er gefälligst dem Gutdünken der Bürger. Die wissen nämlich am besten, was für ihren Nachwuchs gut und was nicht gut ist.

Und wenn sich einer irrt, dann irrt sich eben einer, und nicht das ganze Volk.

In Ewigkeit Amann 


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Hartmut Amann

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