13. März 2012

Glosse Darf ich aufrunden, Teil 2

Über rettende Engel und den heiligen Martin

Und es gibt sie doch: rettende Engel! Will sagen, gute Freunde, die da sind, wenn man sie raucht. Ungerufen, aus heiterem Himmel, dem Internet und dem ef-magazin sei Dank.

Was war geschehen? Ich hatte meinen Hilferuf „Darf ich aufrunden?“ bereits längst vergessen, nicht weil ich extrem vergesslich bin, sondern weil mein Glaube, dass der alltägliche Wahnsinn heilbar ist, im großen Wald der Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit sich verlaufen hat. Da geschah das Wunder: Am Waldesrand erschien ein strahlender, junger Mann, ich erkannte ihn sofort, es war mein guter Freund Martin.

Es ist nicht das erste mal, dass er, wenn ich mich (beziehungsweise mein Glaube) heillos verirrt und verlaufen habe, plötzlich vor mir steht, mich anlächelt und sagt: Hallo Antonio! (Antonio B. lebt in konstruktiver Personal-Union mit Hartmut Amann.)

Er bat mich, Platz zu nehmen. Dann teilte er, wie einst sein Namensvetter, sein großes, weites Gewand und legte es mir schützend und wärmend um die Schultern. Und als ich mich wohlig seufzend entspannt hatte, öffnete sich sein Mund und heraus strömten Worte, die mir gefehlt hatten, den Wahnsinn zu verstehen.

Er sagte: „Lieber Antonio! Bei mir sind auch alle Alarmglocken hochgeschnellt, als ich zum ersten Mal von dieser durchtriebenen Gutmenschen-Aktion Wind bekommen habe. Stimme Dir zu hundert Prozent zu. Ich würde diese Aktion im Bereich der großflächig organisierten Kriminalität und Nötigung ansiedeln. Der finanzielle Aspekt dieser Aktion (Steuern, Armut, etc, du hast das schön durchleuchtet) ist das eine, das andere ist die öffentliche Vergewaltigung, sich bekennen zu müssen. Hier wird nicht nur mit der Gutmenschenidiotie, sondern zudem mit dem Schamgefühl des Bürgers Geld gescheffelt. Und der Kunde wird genötigt, sich zu bekennen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich das verabscheue. Aber die Masse findet es natürlich wieder toll. Man kann sich in der Öffentlichkeit als Gutmensch darstellen, kann sein Gewissen erleichtern, sein Ego aufbauen, sich einbilden, man wäre Teil einer Bewegung – und das alles für ein paar schlappe Cents. Da kosten ja selbst diese schwer aufreißbaren Ketchup-Plastiktütchen zur Stadionwurst mit Pommes Frites mehr. Das ist dann mal wieder dieselbe Masse, die auch nichts Schlimmes daran findet, wenn die Regierung (vielleicht noch von einer entsprechenden Consulting- und Marketing-Agentur beraten) mal eben die Computer der Bundesbürger durchforstet. Man hat ja schließlich nichts zu verbergen und nebenbei kann man so ja auch den internationalen Terrorismus bekämpfen, gute Sache also. Zunächst wurde die Nötigungsstufe eins an der Kasse erfunden. Die Haben-Sie-eine-Payback-Karte-Frage. Der Kunde wurde dafür mit Punkten belohnt, dass er seine Konsumgewohnheiten preisgab. Nun darf der Kunde schon selbst drauflegen. Grundsätzlich würde ich ja mal wieder sagen, sollen se doch machen, die Deppen. Die Sache ist aber die, dass ich genötigt werde, mich zu bekennen. Meine Integrität und Menschenwürde werden hier angegriffen. Wer beschützt mich davor? Wie reagiere ich auf diese ganzen Anfragen? Was passiert, wenn ich nicht antworte? Bekomme ich dann meinen Einkauf nicht ausgehändigt? Warum darf der Kunde nicht selbst entscheiden, ob er sich zu der Aufrundungs-Frage äußern möchte. Und die Macher und kriminellen Drahtzieher dieser Werbeaktionen sind schön außen vor. Sie müssen den Kunden nicht persönlich belästigen. Das überlassen sie den Kassiererinnen. So dass der abgeneigte Kunde gleich ins nächste Dilemma geführt wird: Es wäre ja gemein, seinen Frust an der Kassiererin auszulassen.“

Deswegen versuchte Martin sich – im Folgenden dokumentiert – mal ein paar Szenarien auszudenken, wie er demnächst reagieren könnte, wenn er dann gefragt werde, „Darf ich aufrunden?“:

Erstens per Gegenfrage: „Darf ich Sie darum bitten, ihrem Vorgesetzten mitzuteilen, dass ich seine Filiale nicht mehr als Kunde aufsuchen werde, da er sich an öffentlichkeitswirksamen Werbeaktionen beteiligt, in denen Menschen genötigt werden?“

Zweitens gar nicht reagieren und schauen, was passiert. Die Aktion funktioniert ja nur deshalb, weil die Reaktionen der Menschen so vorhersehbar ist. Es wird kalkuliert, dass 96 Prozent der Leute diese Aktion unreflektiert super finden. Die restlichen vier Prozent müssen mit der Schmach der Ausgrenzung selbst zurecht kommen. Und sollte mal einer richtig böse werden, ist das auch nicht so schlimm. Gegen Anarchie, Aufstand und Vandalismus sind die Herren gut versichert. Nicht kalkuliert sind Reaktionen, die diese Nötigung untergraben. Die Aufrundungsfrage hält in dem Moment den Betrieb auf und führt den Verursachern betriebswirtschaftlichen Schaden zu, in dem der Kunde sich nicht bekennt. Niemand rechnet damit, dass jemand Zeit investiert, um sich nicht zu bekennen. Im Kunstbetrieb nennt man die von mir hier angedeutete Verfahrensweise eine Strategie der Kommunikationsguerilla.

Drittens: „Darf ich mal an ihre Brüste fassen?“

Viertens: „Wenn ich danach in den Eingangsbereich urinieren darf.“

Fünftens: „Wollen Sie denn aufrunden?“

Sechstens: „Ist es Ihnen nicht unangenehm, dass sie von Ihrem Arbeitgeber gezwungen werden, wie eine Prostituierte, jeden Menschen mit persönlichen Fragen zu belästigen?“

Siebtens könnte man vielleicht auch ganz bestimmt seine Meinung äußern, sich also doch bekennen, aber nicht zu der gestellten Frage, sondern zur Meta-Frage: „Liebes Fräulein, wenn ich an Ihrer Stelle säße, würde ich nicht jeden Kunden dazu nötigen, sich öffentlich zu bekennen, sondern darauf setzen, dass die Werbeaktion durch ständige Penetration durch die öffentlichen Medien, so bekannt ist, dass entsprechende Bürger, die sich als Gutmensch in der Öffentlichkeit darstellen wollen, diesem Trieb von sich aus nachgehen können. Und ich würde mich nicht hinter der Rechtfertigung verstecken, von meinem Arbeitgeber aufgefordert worden zu sein, diese Frage jedem Kunden zu stellen.“

Achtens: „Heute gerne mal abrunden.“

Soweit Martin S.

Als ich Stunden später immer noch in mein Glück, so einen Freund zu haben, versunken dasaß, dem Widerhall seiner Worte lauschend, sinnierend, überlegend, welchen Nutzen ich jetzt daraus ziehen könnte, für mich und die meinen, da trat er ein zweites Mal auf die Lichtung und gab mir, aus gegebenem Anlass, wie er lächelnd bemerkte, das folgende Zitat, welches ich ihm einst geschickt hatte, zurück: „Es gilt, den interkulturellen Werte-Relativismus zu akzeptieren und zu tolerieren, ihn aber keinesfalls persönlich zu leben. Ersteres ist Voraussetzung für ein friedliches Weltbürgertum, letzteres Bedingung dafür, moralisch nicht zu verludern.“ (Roland Baader)


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Hartmut Amann

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