26. Februar 2014

Bildung Legitime Notwehr

Absolut verstandene „Schulpflicht“ öffnet dem Missbrauch Tür und Tor

Seit Wochen erregt ein sogenannter Bildungsplan, der Baden-Württembergs Schulen ideologisch neu ausrichten soll, die Gemüter. Weithin unerwähnt bleibt jedoch: Die geplante Hypersexualisierung im Ländle ist geschützt durch eine Rechtspraxis, nach der sich strafbar macht, wer der „Schulpflicht“ nicht nachkommt.

Im Grunde genommen setzt Landesfürst Winfried Kretschmann bloß um, was von Anfang an beschlossen war – ein Blick in das Wahlprogramm seiner Partei genügt. Immerhin wurde Grün-Rot in Baden-Württemberg „demokratisch gewählt”, ihr Koalitionsvertrag gilt als vom Souverän abgesegnet. Warum sollte der Mann aus seinem Herzen eine Mördergrube machen – und jungen Kinderseelen vorenthalten, was seiner Klientel auf den Nägeln brennt? So wird denn die Heilsbotschaft für die Schule von morgen lauten: Mit allem und jedem sollst du ‚können’ – auch wenn es dir noch so sehr gegen den Strich geht!

Einen „Bildungsabsolutismus” der Regierenden geißelte unlängst die Kolumnistin Bettina Röhl in der „Wirtschaftswoche“ mit erfrischend eindeutigen Worten: „Schule ist nicht legitimiert, in die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch verklausuliert formulierte Bildungsimperative einzugreifen und dort steuernd tätig zu werden.“ Mehr noch: „Die unguten heimlichen und unheimlichen Fantasien, die den Bildungsabsolutismus beherrschen, sind auf die wahnhafte Erfindung einer neuen Welt gerichtet, und die Lasten dieser Politik werden dabei auf die Schwächsten der Gesellschaft, nämlich auf die Kinder, abgewälzt.“

Experimentierfeld verantwortungsloser Sozialtechniker

Indes: So ungewöhnlich ist es nicht, dass Politik Schulinhalte, die das elterliche Erziehungsrecht unterlaufen, diktatorisch vorgibt. Auch nicht, dass ihr der Unmut der Betroffenen kaum mehr wert ist als warme Worte. Widerstand gegen die Triebkunde heute gab es so ähnlich schon vor vierzig Jahren – allerdings ohne Facebook und elektronische Volksabstimmung. Damals begann der Staat unter bildungspolitischer Tarnkappe alle Schüler mit „Aufklärung“ zu beglücken. Souverän ließ die ihn flankierende Justiz sämtliche Versuche auflaufen, sich gegen die staatliche Umerziehung in Geschlechtsdingen zu wehren.

„Schule“ ist eine geschlossene Veranstaltung, das perfekte Experimentierfeld für verantwortungslose Sozialtechniker. In den für Schüler prägendsten Jahren geschieht darin alles mögliche, wie in einer „Black Box“. Eltern wissen nur, sie stecken vorne etwas hinein, und hinten kommt etwas heraus. Die inhaltlichen Vorgaben und Zufälligkeiten von Schule entziehen sich Außenstehenden weitgehend. Auch wird keiner der Verantwortlichen bei uns jemals zur Rechenschaft gezogen für das, was durch den Aufenthalt in der „Black Box“ aus den Kindern geworden ist – und wie sich das auf deren Familie letztlich auswirkt.

An den Schulen wird die Grundlage für das gelegt, was in der Zukunft zählt. Das weiß der Staat, das wissen die Gruppen, die in ihm Einfluss ausüben, die ihn dominieren wollen. Um Bildung, um Lesen, Rechnen und Schreiben geht es höchstens am Rande. Denn hier sind die staatlicherseits erzielten Ergebnisse eher von der traurigen Gestalt. Seit Jahren reden Schulämter, Jugendgerichte und Medien daher nicht mehr von Schulbildung. Irgendwie hat sich herumgesprochen, dass Bildung auch außerhalb eines Schulgebäudes erzielbar ist. Schule hat nun vielmehr die Aufgabe zu „sozialisieren” und zu „integrieren” – und zwar auf ganz bestimmte Weise: Immer im Kollektiv, allermeist unter Gleichaltrigen, stets jenseits des elterlichen Einflusses. Schnittmengen mag es zwar geben. Gibt es sie nicht, haben Eltern dennoch nichts zu melden.

Blankoschecks und Sozialfeinde

Was sich jetzt „Bildungsplan“ nennt, ist in Wahrheit ein Erziehungsplan. Und der ist nur deshalb möglich, weil Eltern sich das zuvörderst ihnen zustehende Recht auf Erziehung (und konsequenterweise auch Bildung) ihrer Kinder aus der Hand schlagen ließen. Wieder einmal rächt sich, dass wir nach den braunen Jahren nicht auf einem liberaleren Schulsystem bestanden, wie unser Grundgesetz es einräumt. Stattdessen überließen alle Deutschen ihre Kinder weiter brav dem Staat – wohl in der Hoffnung, er sei besser, vertrauenswürdiger geworden. Doch was als absolute „Schulpflicht“ mit dem Ruch des Unausweichlichen, des elementar Notwendigen daherkommt – und so Grundlage für Indoktrination aller Art ist –, geht auf staatliche Selbstermächtigung zurück. Unsere Verfassung jedenfalls sieht diese Totalität in Schulfragen gar nicht vor.

Als in den Siebzigern erstmals Widerstand aufflammte, interpretierte das Verfassungsgericht einen Blankoscheck herbei, den alle Eltern dem Staat auszustellen haben. Demnach darf Schule als Trägerin eines „Bildungs- und Erziehungsauftrags” grundsätzlich mit den Kindern anstellen, was sie will. Der Auftragsbegriff sollte noch Karriere machen: Im Kampf gegen Hausunterricht. Wann immer jemand in der Folge am staatlichen Bildungsmonopol zu rütteln wagte, wurde er in den Medien als „fundamentalistischer Schulverweigerer” dargestellt, der mit Fug und Recht eingestielt gehört.

Bei den meisten Verfahren gegen solche, die eine Alternative zum schulischen Angebot leben, steht immer der Vorwurf des Staats- oder Sozialfeindes im Raum. Diesem Bild geht die Öffentlichkeit bis heute tief beeindruckt auf den Leim. Wirksam konnte man so bislang jede spürbare Solidarisierung verhindern. Verlor jemand wegen schulischer Unbotmäßigkeit Eigentum an den Gerichtsvollzieher, die eigenen Kinder ans Heim, oder wanderte gar ins Gefängnis: Die eigentlichen Verursacher hiervon focht das nie an.

Missbrauchtes Monopol

Doch den weithin gleichgeschalteten Protagonisten des Schulzwangs sind längst die Argumente ausgegangen. Es wird nur noch qua Macht entschieden und verurteilt. Dabei legen die Staatsjuristen oft ein hanebüchenes Rechtsverständnis an den Tag, das mit dem freiheitlichen Charakter und den schwarz auf weiß niedergelegten Grundsätzen unserer Verfassung wenig zu tun hat. Heute haben wir die Situation, dass der Schulgebäudezwang, obwohl noch immer verfassungswidrig, auf höchste richterliche Weihen verweisen kann.

Es musste zur heterophoben Überdehnung des staatlichen Schulmonopols kommen, damit richtig deutlich wird, zu welchem Missbrauch alternativlose „Schulpflicht“ sich eignet. Nach wie vor besteht die legitime Notwehr der Ausgelieferten darin, die Kinder aus den Schulen zu nehmen: hundertfach, tausendfach. Eine solche Abstimmung mit den Füßen wird noch von jedem diktatorischen System verstanden. Der Preis ist hoch. Aber überwiegt erst der Leidensdruck, wird es kein Halten mehr geben.

Glücklicherweise bieten einige wenige Familien dem Erziehungsstaat insofern die Stirn, als sie unverdrossen ihren Kindern ein Leben ohne rituellen Schulgang ermöglichen. Den Erfolg verantwortungsbewussten Nicht-Schulbesuchs mag man bezweifeln – doch ignorieren lässt er sich schon lange nicht mehr! Der beharrliche Kampf jener Familien erzeugte mittlerweile einen Fundus an juristischen und praktischen Erfahrungen, aus dem noch all jene schöpfen werden, die heute erstmals den totalen Schulstaat heraufdämmern sehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Der Blaue Brief.


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