23. April 2014

Gemeinnutz Was Hänschen nicht lernt...

Oder wozu Kindergartenzwang nützlich ist

Bochum, Ende der 50er Jahre, katholischer Kindergarten. Der vierjährige Hans verbringt dort während eines Sommeraufenthaltes bei seinen Großeltern wegen einer plötzlichen schweren Erkrankung des Großvaters drei Wochen lang die Vormittage in der Obhut einer um zwölf gleichaltrige Kinder bekümmerten Nonne, der von allen geliebten Schwester Susanne.

Diese schenkt jeden Morgen jedem Kind jeweils eines der neuartigen leckeren Vitaminbonbons. Hans, der solche Leckerei von zuhause nicht kennt, entschließt sich nach ein paar Tagen, die Bonbons nicht sofort zu lutschen, sondern die von ihm als Kostbarkeiten empfundenen Leckereien zu sammeln und erst nach Ende der Kindergartenepisode mit nach Hause zu nehmen. In seinem eigenen Fach verwahrt er sie in den kommenden fast als zwei Wochen in seinem kleinen Sandeimerchen, das ihm – wie jedem Kind – als eigener Sammelbehälter für seine Habseligkeiten zur Verfügung steht.

Die Kindergartenzeit neigt sich dem Ende zu, das Eimerchen ist inzwischen  mit den gesammelten Bonbons wohlgefüllt, als sich Hans entschließt, seiner neuen Spielfreundin Beate von seinem Schatz eines der „Leckerli“ zum Abschluss eines freudigen Spielvormittages für den Nachhauseweg zu spendieren. Plötzlich brüllt der freche Michael: „Das ist gemein, der Hans hat einen ganzen Eimer mit Bonbons und gibt niemandem etwas ab.“

Sofort stürzt die ganze Kinderschar unter Gejohle heran und versucht an den Eimer zu kommen, den Hans verzweifelt hoch in die Luft hält. Fast stößt ihn die Meute um, als ihm in letzter Sekunde Schwester Sabine zu Hilfe eilt und den Eimer in sichere Verwahrung nimmt. Auf die Forderung aus allen Kehlen „Wir wollen auch Bonbons, warum kriegt nur Beate eins?“ fragt Schwester Susanne: „Hans, willst Du nicht auch den anderen ein Bonbon geben.“ Wie selbstverständlich verneint das Hans: „Die will ich doch mit nach Hause nehmen.“  „Das ist aber nicht lieb zu den anderen Kindern, nur an sich zu denken,“ meint Schwester Susanne. Der kleine Michael, der am Morgen gelernt hatte, daß er seinen Wunsch, statt Ringelrein Nachlaufen zu spielen, mit einer von Schwester Susanne veranlassten Abstimmung durchsetzen konnte, sieht plötzlich eine Chance, den gerade entdeckten tollen Mechanismus nochmals zu seinem Vorteil einzusetzen und fordert, sofort unterstützt von fast allen anderen: „ Abstimmen, abstimmen.“

„Das ist aber eine gute Idee“, stimmt Schwester Susanne sofort zu und ehe sich Hans versieht, fragt sie: „Also, wer ist für Verteilen an alle?“  und im Chor antworten alle Kinder – bis auf Hans und seine Freundin – „Ich, ich, ich“.  Das schluchzende Beteuern von Hans „Aber das sind doch meine“ hilft nichts mehr. Die Bonbons werden verteilt, jedes Kind bekommt eins, nur für Hans bleibt keines mehr übrig. Auch, dass Schwester Susanne den weinenden Hans auf den Arm nimmt und beteuert, daß der liebe Gott ihn jetzt aber ganz besonders gern habe, tröstet ihn nicht.

Erst auf dem Nachhauseweg hellt sich seine Stimmung wieder etwas auf, als ihm seine Freundin Beate das Bonbon in die Hand drückt, das sie in der Verteilungsaktion gerade erhalten hatte. Ihr blieb ja noch das Geschenk von Hans, das alles ausgelöst hatte. So ziehen sie dann, jeder ein Bonbon lutschend,  nach Hause und sind sich einig, daß alle, auch Schwester Susanne, wirklich blöd und gemein seien. Zukünftig will auch Hans seine Bonbons immer gleich selbst genießen, bevor es ihm andere wieder wegnehmen.

Erst lange Jahre später wird den beiden bewusst, daß sich für sie dieses Kindergartenerlebnis als Prägung für das gesamte Leben erwiesen hat: Sie haben erlebt, daß Demokratie häufig nichts anderes ist als „die Abstimmung zwischen zehn Füchsen und einem Hasen, was es zum Abendessen geben soll“ (Vince Ebert).

Der aktuelle Bezug drängt sich auf: Diese kleine Geschichte aus der Kindheit des Verfassers ermöglicht auch weitergehende Erkenntnisse zu den Effekten frühkindlicher  Zwangstherapien in Horten und Kindergärten. Politisch korrektes Gutmenschentum wird dort für alle Kinder schnell zur unverrückbaren Lebenserfahrung. Schon im Kleinen wird dort besonders heutzutage erlebbar, wie man als Protagonist des Guten auf der Zustimmungswelle von Mehrheiten surfen kann, indem man ohne Risiko und Einsatz eigener Mittel Gutes nicht etwa selbst tut, sondern lediglich propagiert, dass andere, vorzugsweise Minderheiten, Opfer zugunsten angeblich Benachteiligter bringen sollen. Der Mehrheitsapplaus von Begünstigten und der nicht zum Opfer Herangezogenen ist dem Gutmenschen so immer sicher.

Früh lernen die Kinder, daß durch Einfordern der Leistungsergebnisse anderer  ohne – oder mit wenig – eigenen Einsatz die Annehmlichkeiten des Lebens gesichert werden können, solange ein Minderheitenschutz gegen die einfache demokratische „Selbstbedienung durch Mehrheitsbeschlüsse“ ausgeschaltet werden kann. Schon die Kleinsten erfahren prägend, dass derjenige, der sich zulasten von Minderheiten an die Spitze von Bestrebungen zur Beglückung von Mehrheiten setzt, in dem guten Gefühl leben kann, Zustimmung und Liebe dieser Mehrheiten zu finden.

Kinder werden ihr Leben auf diese Erfahrung ausrichten. Entweder sie gesellen sich – wie schon im Kindergarten die breite Mehrheit – zu den Fordernden und werden bei entsprechender Veranlagung deren Volkstribune; oder sie werden Zeit ihres Lebens zu dem schon im Kindergarten vorbestimmten ganz kleinen Kreis derjenigen gehören, die den Schutz der gesellschaftlich als rücksichtslos und eigennützig abqualifizierten und den Mehrheiten ausgelieferten Leistungserbringer hoch halten.

Die Protagonisten einer Kindergarten-Zwangsbeglückung nehmen zumindest billigend in Kauf, dass die Kinder nicht den Selbstvertrauen erzeugenden Respekt und elterlichen Schutz ihrer kindlichen Interessen an eigener Leistung, Besitz und  Eigentum als ersten speziellen, höchstpersönlichen Minderheitenschutz erleben und solchen Schutz dann später als herangewachsener Bürger als selbstverständlich auch in der Gesellschaft nicht fordern und gewähren.

Statt dessen erfahren die Kinder früh ihre Ohnmacht gegenüber der Mehrheit und die Sinnlosigkeit von Leistung, deren Ergebnisse als Zeugnis einer als gemeinschaftsschädlich gebrandmarkten  Gesinnung ohnehin zugunsten einer Gemeinschaft von Nichtleistenden konfisziert werden.

Damit wird die breite Mehrheit der Kinder schon in den ersten Lebensjahren gezielt – oder zumindest fahrlässig – zum leicht lenk- und beeinflussbaren Objekt einer Politiker- und Staatsverwalterkaste und ihrer medialen Hilfstruppen geprägt, die als vermeintliche Wohltäter der Gesellschaft die kritiklose Bereitschaft von Bürgern benötigen, sich als Werkzeuge einsetzen zu lassen. Nur mit so instrumentalisierten Bürgern kann sie zu ihrem leistungsfreien Vorteil weiter darauf rechnen, zuverlässig Mehrheiten gegen die einzig natürliche Macht in der Gesellschaft mobilisieren zu können, die  ihr gefährlich werden könnte: die zur ständigen gesellschaftlichen Diskriminierung freigegebene elitäre Minderheit von Leistungserbringern in Beruf und Familie. 


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