01. August 2014

Klima Muss Energiesparen nicht zu Lasten der Wirtschaftsleistung gehen?

Sigmar Gabriel im Clinch mit der Statistik

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Im aktuellen BMWi-Newsletter bricht Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine Lanze für die Energieeffizienz der Wirtschaft: Das deutsche Beispiel zeige schon heute, dass Wirtschaftswachstum nicht zwangsläufig mehr Energieverbrauch bedeuten muss.

Damit hat er im Prinzip nicht unrecht, tatsächlich kann ein sparsamer Umgang mit Energie das Wirtschaftswachstum erhöhen, wenn er insgesamt mit einem geringeren Einsatz von Produktionsfaktoren einhergeht, die dann für andere nutzenstiftende Einsatzmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Da jedoch die Umwandlung von Energie für jede wirtschaftliche Tätigkeit Voraussetzung ist, führt die Rationierung von Energie sehr schnell zu Wachstumseinbußen. Am Beispiel Deutschland lässt sich deshalb auch nicht demonstrieren, dass die Vorstellungen des Wirtschaftsministers von Energieeffizienz nicht wachstumshemmend sind. Hierbei ist nämlich zu berücksichtigen, dass Deutschland in den internationalen Handel integriert ist und ein Teil der im Inland reduzierten Energienutzung einfach ins Ausland verlagert werden kann. Genau das ist im vergangenen Jahrzehnt der Fall gewesen, wie die Veröffentlichung der umweltökonomischen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamts „Direkte und indirekte CO2-Emissionen in Deutschland 2000 – 2010“ aus dem April dieses Jahres zeigt. Hier wird zwar nicht der Energieverbrauch, sondern die sehr eng damit verbundenen CO2-Emissionen betrachtet, aber die Schlussfolgerungen laufen in dieselbe Richtung: Das deutsche Wirtschaftswachstum ging im vergangenen Jahrzehnt mit einer Zunahme der Summe aus direkten und indirekten CO2-Emissionen einher und damit auch mit einer erhöhten Energiegewinnung aus überwiegend fossilen Energieträgern.

Das Statistische Bundesamt stellt fest, dass die inländischen CO2-Emissionen (inklusive internationale Schiffahrt und Luftverkehr) von 954 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 973 Millionen Tonnen im Jahr 2010 angestiegen sind, was vor allem mit einem Zuwachs der Biomassenutzung zu erklären ist. Für unsere Betrachtung interessanter ist jedoch die Entwicklung nach dem Territorialkonzept und dem Verbrauchskonzept. Hier zeigt sich, dass zu den CO2-Emissionen des Inlands noch die Emissionen hinzuzurechnen sind, die bei der Herstellung der Importe nach Deutschland angefallen sind. Das waren im Jahr 2010 immerhin 411 Millionen Tonnen oder 30 Prozent der Gesamtemissionen von 1.384 Millionen Tonnen. Anders ausgedrückt war die Wirtschaftsleistung Deutschlands nur mit kräftiger Hilfe ausländischer Importeure inklusive deren CO2-Emissionen möglich. Zwar hat Deutschland von diesen Gesamtemissionen 519 Millionen Tonnen oder gut 37 Prozent für die Herstellung von Exportgütern verursacht, doch relevant ist für die hier geführte Diskussion um den Zusammenhang von Wirtschaftsleistung und Energieverbrauch/Emissionen allein der Umfang der Emissionen Deutschlands im internationalen Wirtschaftskreislauf und dessen Entwicklung. Hier zeigt das Statistische Bundesamt, dass die Emissionen auf der Verwendungsseite (private Haushalte plus Inlandsverbrauch plus Exporte) im vergangenen Jahrzehnt um 3,7 Prozent zugenommen haben.

Minister Gabriels Aussage, nach der Deutschland belegt, dass weniger Energieverbrauch/CO2-Emissionen in keinem Widerspruch zum Wirtschaftswachstum stehe, ist zumindest mit den Angaben der amtlichen Statistik nicht belegbar. Auch hierzulande ist davon auszugehen, dass Wirtschaftswachstum nur mit einer höheren Energienutzung realisierbar ist. Erst kürzlich hatten wir hier von einer kanadischen Studie berichtet, deren Analyse nahelegte, dass Energienutzung kein Nebenprodukt der Wohlstandsgesellschaft, sondern ein das Wirtschaftswachstum limitierender Produktionsfaktor ist. Nur durch eine Ausblendung des internationalen Handelsgeschehens, einer der wesentlichen Grundlagen des deutschen Wachstumserfolgs, lässt sich eine Harmonie zwischen staatlicher Effizienzpolitik und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit konstruieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Liberalen Instituts.


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