10. November 2014

GDL Der letzte große Streik?

Die Menschen brauchen viel weniger Bahn als gedacht

Der GDL-Streik geht vorzeitig zu Ende. „Eine Geste der Versöhnung“ nennt das der GDL-Boss Claus Weselsky. Aber die Wahrheit ist eine andere: Während der Streik im Oktober Fahrgäste und Wirtschaft noch kalt erwischt hat, ist der Überraschungsangriff des zweiten und längeren Streiks gescheitert – eben weil er keine Überraschung war. Die Fahrgäste haben ihn ausgebremst, und das mit Hilfe auch von Apps.

Ein Drittel der Züge fuhr ohnehin und war nicht einmal überbesetzt. Selbst die innerdeutschen Strecken der Lufthansa waren nicht ausgebucht.  Vor allem aber: Bewusst wurde, dass, wer „Bahn“ sagt, nicht mehr „Bundesbahn“ meint – im Regionalverkehr sind es längst andere Unternehmen, und die eignen sich nicht für einen zentralen Streik. Der größte Feind der Bahn sind Apps, Auto und Bus, und zwar in der Kombination; und offensichtlich haben die GDLer einfach nicht wahrnehmen wollen, wie ersetzbar auch die Bahn auf Fernstrecken ist: Die Busse fahren zwar etwas länger, aber dafür auch nur für ein Fünftel des Preises. Wer also eine etwas längere Fahrzeit in Kauf nimmt, spart schnell 100 Euro; kein schlechter Stundenlohn für die Allermeisten, und das bei freiem WLAN – ein Angebot für Jüngere. Und schließlich melden auch Mitfahrzentralen höchste Frequenz. Das könnte die Wendemarke für die Bahn schlechthin sein: Wer sich erst einmal durch das unübersichtliche Angebot von Mitfahrzentralen und Fernbussen gefummelt und die richtige App gefunden hat, fährt plötzlich bahnfrei.

Vielleicht entsteht sogar ein neues Mobilitätskonzept: Wenn die Koordinierung per App so kinderleicht ist, dann füllen sie die Pkws und Busse wie von alleine und ersetzen die zentralen Großanbieter mit ihren starren Fahrplänen. Autos gibt es ja genug; meistens sitzt eben nur einer drin. Diese Kapazitäten sinnvoll zu nutzen aber macht der neue Silicon-Valley-Kapitalismus erst möglich. Das senkt die Kosten und erhöht den Komfort. Eine kühne These – App-gesteuerter Verkehr ersetzt den öffentlichen Personenverkehr? Vielleicht, aber zum Teil wohl schon.

Fazit: Wir brauchen viel weniger Bahn, als das Unternehmen und Gewerkschafter geglaubt haben. Das Einzige, was bleibt, ist der Beweis: Die staatliche Bahn ist der Dienstleister mit der höchsten Unzuverlässigkeit und dem schlechtesten Kundenservice; auch wenn der Rest der Bahnmitarbeiter nichts für den Lokführerwahn kann.

Vor allem hat die GDL den Rückhalt in der Öffentlichkeit verspielt, weil ein paar Medien wie n-tv und „Bild“ aus dem verständnisvollen Nickkonzert ausgebrochen sind, das sonst die Streiks begleitet. Nur der Millionenerbe Jakob Augstein in Spiegel Online polierte an seinem Bild vom Salonbolschewisten und schrieb: „Der Bahnstreik ist kein Skandal – sondern ein Geschenk. Er erinnert uns an die Macht der Arbeitnehmer.“

Übertroffen wurde der kindische Aufruf zum Klassenkampf nur noch von Zeit.de; da war von „Vorbild Weselsky“ die Rede und vom Orden, den der rücksichtsloseste Lobbyist des Landes sich verdient habe. Es war der Traum vom Klassenkampf; die beiden Autoren hatten wohl schon den ersehnten Ludergeruch des Volksaufstands in der Nase, der ihre Sinne betäubte. Denn ernstnehmen muss man beide nicht – selten hat jemand so gestrig an der Realität vorbeigeschrieben. Die Bahn ist kein kapitalistisches, sondern ein Staats-Unternehmen; das scheint den linken Träumern irgendwie entgangen zu sein.

In der Großindustrie haben die Gewerkschaften längst die Rolle des Neben-Managements eingenommen: Über Mitbestimmung und andere Aufsichtsratsposten sitzen sie in der linken Herzkammer des Kapitals und wissen genau um Spielräume für Arbeitnehmerträume. Als Betriebsräte entscheiden sie über die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen bis hin zur Pinkelpausenregelung; für Streik und Solidaritätsgesinge ist da wenig Raum.

Vielleicht geht der GDL-Streik als letzter großer Streik in die Geschichte ein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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