20. November 2014

Hurra Endlich Deflation

Weihnachten wird‘s was geben!

Endlich haben die Menschen zwar nicht wesentlich mehr Geld in der Tasche – aber mehr Kaufkraft. Viele Preise sinken. Öl- und Benzinpreis sinken; eine Tankfüllung ist um sechs Euro billiger zu haben. Selbst die Nebenkosten beim Wohnen sinken; spätestens ab Januar gibt‘s für viele Mieter satte Rückzahlungen für die aus heutiger Sicht überhöhten Strom- und Heizkostenvorauszahlungen. Gemüse, Obst, Salat – alles billiger; und wer nicht essen will, sondern wischen: Preise für Tablets und Smartphones sinken um fünf Prozent.

Das ist die gute Nachricht – endlich kommen wir in den Genuss einer Entwicklung, die „Deflation“ heißt: Die Preise sinken.

Ist das jetzt gut oder schlecht? Es ist sogar eine Katastrophe, sagt die Europäische Zentralbank. Die EZB freut sich nicht über Deflation – sie bekämpft sie. Mit allen Mitteln – neuerdings sogar mit Negativzinsen. Denn sie will, dass die Inflation jährlich um zwei Prozent steigt. Dieses Ziel ist nicht mehr erreichbar. Aber ist das so schlimm? Es wäre schlimm, wenn das Szenario stimmen würde, das hinter diesem Geldmengenziel steckt: Wenn alles billiger wird, dann hören die Konsumenten auf, zu kaufen, weil ja nächste Woche alles billiger wird. Und dann hören die Firmen auf, zu produzieren, weil sie mit den dauernd sinkenden Preisen nicht mithalten können. Nur die Schulden bleiben hoch und müssen verzinst werden. Das ruiniert die Wirtschaft. Soweit die Theorie, basierend auf Erfahrungen aus den USA aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Deshalb bekämpft die EZB die Deflation.

Der absichtsvolle Fehler der EZB

Aber wenn man genauer hinschaut – warum sinken die Preise? Die Strompreise sinken, weil wir einen regnerischen Sommer hatten. Das bedeutet, es wurde weniger Solarstrom produziert, und da Solarstrom vom Verbraucher bezuschusst wird, heißt die Lösung: weniger Sonnenstrom – niedrigere Stromkosten. Die Energiepreise sinken auf breiter Front, weil Kohle aus den USA billigst zu haben ist – dort kommt ungeheuerlich viel Erdgas durch Fracking und versaut die Preise für jede andere Energieform. Obst und Gemüse werden billiger, weil Russland als Antwort auf das Embargo lieber in die eigenen sauren Äpfel beißt als ins Bodenseeobst. Das ist für die Bauern belastend.

Aber ist es irgendeine Katastrophe für die deutsche Wirtschaft, für Arbeitsplätze oder für wen auch immer, wenn importierte Energie billiger wird, Subventionen für die Solarbonzen fallen oder Smartphones aus China und Taiwan billiger werden? Wer leidet darunter, wenn Urlaubsflüge billiger werden, weil gesparte Treibstoffkosten aufs Ticket verbilligend durchschlagen?

Niemand leidet, alle gewinnen. Deflation ist eben nicht Deflation – es kommt auf die Gründe an. Ist diese neue Art von Deflation also so giftig, dass man sie bekämpfen muss?

Nicht im Ernst.

Das Problem ist die EZB. Sie faselt von der Gefahr einer Deflation, die es so bedrohlich nicht gibt. Ihr eigentliches Ziel ist ein anderes: Wegen der angeblich mörderischen Deflation hat sie die Zinsen auf Null gesenkt. Das ist gut für die Staaten, die damit ihre gigantische Staatsverschuldung leichter finanzieren können. Ein kleines, nicht-griechisches Beispiel: Müsste Wolfgang Schäuble normale Zinsen bezahlen, gäbe es keinen schuldenfreien Haushalt. Da läge ohne diesen Zinsgewinn die zusätzliche Neuverschuldung bei 50 Milliarden Euro – bei dieser Grenze wurde die rot-grüne Bundesregierung aus dem Amt gewählt. Nur ein deutsches Wirtschaftsmagazin faselt von „Strafzinsen“, die endlich die Deutschen zu Recht aufgebrummt bekämen. Hier scheint sich eine Art evangelikale Bußfertigkeit mit volkswirtschaftlichem Unverstand anzubiedern und alle Deutschen zur pekuniären Kollektivschuld zu verdammen.

Warum die EZB Nullzinsen wirklich will

Es sind vielmehr Mario Draghi und seine EZB, die mit gezinkten Karten spielen. Sie sind nicht die Vertreter der Bürger, sondern der Schuldenstaaten, die sie auf Teufel komm raus finanzieren wollen und müssen.

Übrigens: deutsche Politiker auch. Jetzt soll die kalte Progression, also die überhöhte Besteuerung von rein inflationären Gehaltserhöhungen, erst ab 2018 reduziert werden, sagt die CDU. Das ist keine gute Nachricht. Die CDU will offenbar ihren Ruf als Schröpfpartei verteidigen; schließlich steht sie ja im Wettlauf mit der SPD um die höchste Besteuerung der Bürger.

Aber ehe Sie sich darüber aufregen: Vergessen Sie es.

Die Deflation entlastet erst mal. Ihr Netto wird einfach mehr wert, Ihre Shopping-Power steigt. Hurra, Deflation ist da, sie ist gut für Verbraucher. Genießen Sie die sauertöpfischen Mienen der Steuererhöher und Zins-Enteigner, die jetzt mal in die Röhre schauen.

Weihnachten kann‘s was geben. Und wenn es im kommenden Sommer wieder viel regnet, dann ist das schlecht für Freibäder und gute Laune – aber gut für den Geldbeutel. Volkswirtschaft hält sich nicht an alte Lehrbücher. Märkte erfinden sich immer wieder neu.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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